Eine Pädagogik des Schreckens

BILDGEDÄCHTNIS Fotos allein sind keine Dokumente, aber man kann sie dazu machen. Eine Ausstellung in Winterthur (Schweiz) zeigt wie

Am 24.4.1945 erschien die Pariser Zeitung L´Humanité mit einem Bild, das eine riesige Grube voller Leichen zeigt. Der Titel des Artikels über das "KZ Birkenau" lautet: "Es war eine gigantische Fabrik, in der man den Tod produzierte". Die Bildlegende dagegen spricht vom "Arbeitslager Ohrdruf" bei Buchenwald. Tatsächlich stammt das Bild jedoch aus Bergen-Belsen und dokumentiert ein Ereignis bei der Befreiung des Lagers durch englische Truppen: Da akute Seuchengefahr bestand, hoben englische Soldaten das Massengrab aus und begruben darin die toten Häftlinge, um die überlebenden und die Befreier vor einer drohenden Epidemie zu schützen.

Fotos als Quellen sind eine heikle Sache, weil sie durch vielfache Reproduktion, fehlende oder falsche Angaben zum Ort und Zeitpunkt der Aufnahme, zur Person des Fotografen sowie zum Zweck der Fotografie nicht nur an dokumentarischem Wert verlieren, sondern auch brandgefährlich werden. Ihres raum-zeitlichen Bezugs, ihrer Urheberschaft und ihres Verwendungszwecks beraubt, werden Fotos zu "stummen Bildern" (Jorge Semprun) oder "Dokumenten ohne Inhalt" (Clément Chéroux). Sie werden verfügbar für parasitäre und symbolisch-rhetorische Zwecke. Der laxe Umgang mit KZ-Fotos spielt obendrein den Leugnern der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik direkt in die Hände, denn für diese sind falsche Zuordnungen und ungenaue Bildlegenden der Beleg für Fälschungsabsichten. Unmittelbar nach der Befreiung der Konzentrationslager war die naive Verwendung von Fotos als Belege für das Grauen verständlich und die "Pädagogik des Schreckens" der Situation angemessen. Die damals gezeigten Bilder konnten nicht drastisch genug sein, um den verblendeten deutschen Mitläufern wie den Bürgerinnen und Bürgern im europäischen und amerikanischen Ausland das unvorstellbare Grauen zu zeigen. Wer heute solche Bilder zeigt, muss präziser und historisch-quellenkritisch arbeiten. Was das heißt, dokumentiert exemplarisch die in Paris von Pierre Bonhomme und Clément Chéroux zusammengestellte, jetzt im Winterthurer Fotomuseum zu sehende Ausstellung unter dem Titel Die Lager - Bildgedächtnis der Nazikonzentrations- und Vernichtungslager (1993-1999). Ein deutscher Schriftsteller bekannte jüngst, er möchte bei solchen Bildern nur noch wegschauen. Die Ausstellung lehrt das genaue Hinsehen und macht durch ihren Gestus emotional und intellektuell einen starken Eindruck. Moderatorinnen stehen für Fragen zur Verfügung und leiten Schulklassen, die freien Einritt haben, durch die Ausstellung. Der Katalog in französischer Sprache - einige Beiträge sind in deutscher Übersetzung beigelegt - genügt höchsten Ansprüchen.

Diese gliedert sich chronologisch in drei Abteilungen: die Zeit der Lager (1933-45), die Phase der Befreiung (1944/45) und die Zeit der Erinnerungen (1945-1999). Für die erste und die zweite Periode wird genau unterschieden, wer, was, zu welchem Zweck fotografierte, denn nur so werden die Bilder zu historischen Quellen bzw. Dokumenten. Für die Häftlinge wie für die Wachmannschaften bestand in den Lagern ein Fotografierverbot. Den Häftlingen wurden bei ihrer Einlieferung ins Lager alle Fotos abgenommen und zum größten Teil vernichtet. 1995 sind rund 2400 damals konfiszierte Privatfotos wieder aufgetaucht, einige davon sind in der Ausstellung zu sehen.

Trotz des privaten Fotografierverbots machten die Lagerverwaltungen selbst einen systematischen Gebrauch von Fotos. Fast gleichzeitig mit der Auslöschung der bürgerlich-privaten Identität bei der Einlieferung legten die Lagerverwaltungen, die dazu über eigene Fotoabteilungen verfügten, von jedem Häftling eine Identifizierungskarte mit Foto an. Darüber hinaus bediente man sich professioneller Fotografen für die Dokumentation von medizinischen Versuchen und anthropologischen Messungen. Schließlich fungierten Teile der Lager als Hintergrund für propagandistische Reportagen über das "saubere" Lager- und Arbeitsleben. Friedrich Franz Bauer lieferte solche Machwerke über das KZ Dachau schon 1933 für die Münchner Illustrierte Presse und 1936 für den Illustrierten Beobachter. Den selben Zwecken diente eine Reportage mit farbigen Bildern von Walter Frentz über die Montage von V2-Raketen im Todesschacht "Dora-Mittelbau" bei Nordhausen. Dass diese Sklavenarbeit unter schrecklichsten Repressalien fast 30.000 Menschen das Leben kostete, verbergen die technisch perfekten Fotos unter ihrem klinischen Hochglanz.

Obwohl von der Fotoabteilung der Lagerleitung Birkenau 1944 aufgenommen, sprechen die Aufnahmen über "die Umsiedlung der Juden aus Ungarn" eine härtere Sprache. Darauf "selektieren" Offiziere eben aus den Viehwaggons ausgestiegene Menschen mit gelben Sternen. Jüngere Männer ("nach der Entlausung") erscheinen auf Fotos frisch eingekleidet in Häftlingsuniformen. Eine andere Seite des Albums mit der Bildlegende "nicht mehr einsatzfähige Frauen und Kinder" zeigt hilflos wartende Alte, Frauen und Kinder und Menschen, die schon auf ihrem letzten Weg zu den Gaskammern sind. Nur Stacheldrahtzäune und riesige Kleiderberge deuten auf die Gewalt und den Vernichtungswillen hin, die hier am Werk waren.

Private Aufnahmen wie jene des Buchenwald-Kommandanten Karl Otto Koch und seiner Frau Ilse ("Mit Papi im Zoo, Buchenwald. Okt. 1939") führen ebenso idyllische Verhältnisse vor wie das Fotoalbum eines KZ-Wächters, der Kriegs- und Lagererlebnisse zunächst unter dem zynischen Titel "Schöne Zeiten" abheftete, dann aber "schön" ausradierte und zwei wahrscheinlich ihn selbst belastende Fotos aus dem Album entfernte. Diese Manipulation ist in Winterthur nur schwer erkennbar, da die erste Abteilung der Ausstellung nicht die fragilen Originalfotos ausstellt (wie in Paris), sondern mit zwei Dia-Projektoren arbeitet, die die Optik von Tätern und Opfern unterscheiden sollen. Im Prinzip überzeugt die Idee, die unterschiedlichen Perspektiven von bewachenden Herrenmenschen und bewachten Opfern, durch den doppelten Blick zweier Dia-Projektoren sinnlich fassbar zu machen. Allerdings wird eine ruhige Betrachtung der Bilder dadurch erheblich beeinträchtigt, dass die beiden Projektoren parallel und obendrein viel zu schnell laufen.

Die Ausstellung präsentiert auch die wenigen Aufnahmen, die polnische Häftlinge im August 1944 mit einer eingeschmuggelten Kamera in Auschwitz machten. Sie zeigen eine Gruppe nackter Frauen, die - aus Scham oder angetrieben von unsichtbaren Wachmannschaften - im Laufschritt in die Gaskammern hetzen. Der Filmemacher Claude Lanzmann, ein rabiater Gegner aller Unternehmen, die die Vernichtung der Juden bebildern wollen, warf den Ausstellungsmachern "Fetischisierung" und "Bilderkult" vor. Das ist ungerecht, denn kaum je zuvor wurde so viel Sorgfalt aufgewendet, die Bilder historisch-kritisch zu entziffern, was allerdings bei diesen Aufnahmen nicht mehr zweifelsfrei möglich ist.

Fotos aus der Periode der Befreiung sind in der Regel eindeutig zu bestimmen. Meistens war der dokumentarische Blick der amerikanischen, französischen, englischen und russischen Armeefotografen präziser als jener der Fotojournalisten (Lee Miller, Margret Bourke-White, Éric Schwab, Germaine Krull und George Rodger), die im Auftrag von Magazinen und Agenturen arbeiteten. Die Armeefotografen hatten den Auftrag, Beweismittel für spätere Prozesse gegen Kriegsverbrecher zu sammeln und verfuhren entsprechend sorgfältig. Die Fotojournalisten dagegen benötigten im Rahmen der Aufklärungskampagne "Pädagogik des Schreckens" für sich selbst sprechende Bilder. Als Motive wählten sie deshalb vorwiegend bis auf das Skelett abgemagerte Opfer, tote Häftlinge oder nach der Befreiung erhängte und verstümmelte Mitglieder der Wachmannschaften. Die beabsichtigte Wirkung - den Betrachter zu erschrecken - erzielten sie dadurch, dass sie lebende und tote Opfer wie gelynchte Bewacher gleichermaßen aus ihrem Kontext herauslösten.

Der Vorraum zur Ausstellung präsentiert eine inhaltlich wie ästhetisch spektakuläre Prognose. Bereits 1933 schickte der deutsche Dadaist Erwin Blumenfeld, der nach Holland geflohen war, seinem Galeristen ein Selbstporträt. Auf dem Foto zerfließt das halbe Gesicht ins Konturlose, auf die Stirn malte Blumenfeld ein verschmiertes Hakenkreuz, und aus den Augen tropft Blut. An den Bildrand schrieb der Künstler: "Mit herzlichen Grüßen in Gedanken ans Konzentrationslager." Diesem Bild gegenüber erweisen sich die in der dritten Abteilung gezeigten Versuche zeitgenössischer Fotografen, das Ausmaß der Vernichtung zu fassen, als schwach. Weder die abgelichteten Brillenberge von Naomi Tereza Salomon unter dem Titel "Asservate" (1995), noch die Dachauer Museumsbilder von Rudolf Herz (1976-96) oder Gilles Cohens Porträts (1990-92) von Menschen, die ihre eintätowierten Häftlingsnummern präsentieren, vermögen die Dimension des Schreckens ästhetisch überzeugend umzusetzen. Auf einem anderen Blatt steht, dass Überlebende - wie Clément Chéroux bei der Eröffnung berichtete - die fotografischen Bemühungen von nachgeborenen Künstlern dankbar als Beitrag dafür nehmen, dass die überlebenden Opfer sich mit ihren fürchterlichen Erinnerungen nicht allein gelassen fühlen.

Fotomuseum Winterthur (Schweiz). Bis 3.Juni. Katalog Fr. 59.-

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00:00 04.05.2001

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