Einfach mal dafür sein

Engagement Bei „Pulse of Europe“ demonstrieren jede Woche Zehntausende für Europa. Nur welches Europa meinen sie genau?
Bernd Kramer | Ausgabe 12/2017 15
Einfach mal dafür sein
Die Bewegung für Europa ist bisher eine eher elitäre
Foto: Thomas Lohnes/Getty Images

Harald Langhoff hat viele Grenzen erlebt in seinen 71 Jahren. Zuerst die Grenze zur Bundesrepublik, über die er in den 50er Jahren mit den Eltern und Geschwistern aus der DDR abgehauen ist. Dann die Grenze von der BRD zu den Niederlanden, über die er als 16-Jähriger mit dem Rad fahren wollte und von den Beamten zum Kontrollstübchen gewinkt wurde. Später wieder die Grenze zur DDR mit ihren ewiglangen Prozeduren, wenn sie ihre alte Heimat besuchen wollten. Und jetzt? Langhoff fürchtet, dass wieder Grenzen hochgezogen werden könnten. Das dürfe nicht passieren, sagt er.

Deshalb hat er sich an diesem Sonntag ins Auto gesetzt, ist die gut 100 Kilometer gefahren, über die A1 von Dassow in Mecklenburg bis nach Hamburg. Er hat sich von dem Tisch, den die Organisatoren aufgebaut haben, ein blaues Fähnchen genommen und einen blauen Anstecker fürs Revers. Mehr Blau auf die Straße. Das müsse jetzt sein, sagt Harald Langhoff.

Es ist das erste Mal, dass er demonstriert, wie so viele, die an diesem Sonntag gekommen sind. „Früher reichte es ja, einfach wählen zu gehen.“ Aber jetzt habe sich etwas geändert. Es passiert gerade etwas Außergewöhnliches: Für so etwas vermeintlich Abstraktes, Fernes, Komplexes wie die EU formiert sich eine Bürgerbewegung. Ein Frankfurter Anwaltspaar hatte nach dem Brexit die Idee zu Pulse of Europe, einer Demonstration für Europa, zu der jeden Sonntagnachmittag die Bürger zusammenkommen. Die Idee ist rasant gewachsen, von Frankfurt übergesprungen auf Berlin, auf München, auf Köln. Auf Fulda, auf Hameln, auf Bad Kreuznach. 20.000 Menschen sollen es laut Veranstalter am vergangenen Wochenende gewesen sein, die sich in 58 Städten für Europa versammelt haben.

Und es ist nur eine Initiative von vielen. Für den kommenden Samstag rufen verschiedene Organisationen zu einem großen Marsch für Europa auf, pünktlich zum 60. Jahrestag der Römischen Verträge . In der Krise scheinen die Bürger angetreten, die europäische Idee wieder zum Leben zu erwecken.

Ein Marsch für Europa

Es soll eine bunte und gesellschaftlich möglichst breite Demonstration werden. Auf den Tag genau 60 Jahre nach Unterzeichnung der Römischen Verträge wollen am 25. März Europa-Befürworter aus den 28 Mitgliedsstaaten gemeinsam für ein vereintes und sozial gerechtes Europa auf die Straße gehen. Aufgerufen dazu hat ein breites Bündnis um die Bürgerorganisation „Union der Europäischen Förderalisten“ und die Spinelli-Gruppe im Europäischen Parlament, die sich fraktionsübergreifend für einen Ausbau des europäischen Föderalismus einsetzt. Die Hauptveranstaltung findet in Rom statt. Gleichzeitig wollen aber auch Menschen in Brüssel, London, Edinburgh, Aalborg und Berlin marschieren: marchforeurope2017.eu

Isabell Hoffmann verantwortet bei der Bertelsmann-Stiftung in Brüssel ein Meinungsbarometer, das seit 2015 regelmäßig das Stimmungsbild der Bevölkerung zur Europafrage ermittelt. „Es gibt eine sehr stabile Mehrheit für Europa.“ Nach dem Brexit ist der Zuspruch sogar spürbar gestiegen: 62 Prozent aller EU-Bürger sind für den Verbleib ihres Landes in der Gemeinschaft, fünf Prozentpunkte mehr als noch vor dem Referendum. In Deutschland stieg der Wert von 61 auf 69 Prozent.

Gleichzeitig wächst aber auch das Gefühl, dass dieses Europa zerbrechen kann. „Es gibt ein neues Gefühl der Dringlichkeit, das viele Menschen dazu bringt, sich zu organisieren“, sagt Hoffmann. An diesem Sonntag drängen sich zum Beispiel in Hamburg hunderte Demonstranten unter den Pavillon auf dem Rathausmarkt. Es regnet. Vorn am offenen Mikro erzählen Menschen, was sie mit Europa verbinden. Jemand erinnert an seinem Vater, der im Krieg gegen die Nachbarn kämpfte, nie darüber sprach, aber später einen Aufkleber mit der Europaflagge am Auto hatte. Dann lobt ein Mann gut informiert die Artikel-29-Datenschutzgruppe der Europäischen Kommission. „Einzelne Länder als Einzelkämpfer hätten das nicht geschafft.“ Es gibt Applaus.

Zur Demonstration hat sich überwiegend das ältere, gebildete Bürgertum versammelt. Wenn Europa, wie es oft heißt, ein Elitenprojekt ist, dann ist bisher auch die Bewegung für Europa eine eher elitäre. Hier beweist sich die Zivilgesellschaft Courage gegen die dumpfen Parolen derer, die brüllen: „Wir sind das Volk!“. Das muss die neue Europabewegung nicht verdächtig machen, oder ihr Anliegen falsch. Aber sich den Umstand bewusst zu machen, ist eben auch nicht verkehrt. Europa nützt nicht allen gleich. Es sind vor allem die besser ausgebildeten EU-Bürger, die für ihren Job über die Grenzen ziehen, wie eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung vor zwei Jahren ergab. 37 Prozent der Bachelor-Studierenden in Deutschland gehen inzwischen für eine Zeit ins Ausland, meist von der EU mit dem Erasmus-Stipendium gefördert. Bei den Auszubildenden waren es zuletzt vier Prozent, obwohl es das Programm auch für sie gibt.

Gewinner und Verlierer

Unter den Studierenden sind es wiederum vor allem die Bürgerkinder, die sich für ein Semester in Valencia oder Stockholm einschreiben. Die Bildungsaufsteiger bleiben eher zu Hause. Und Forscher des Wissenschaftszentrums Berlin haben festgestellt: Die Einstellung zur EU hängt quer durch die Länder stark davon ab, ob man Gewinner oder Verlierer der Globalisierung ist – oder sich als solchen erlebt.

Den vierten Sonntag in Folge steht Valentin John, 20 Jahre, Physikstudent, in der Menge auf dem Hamburger Rathausplatz. Warum? Es gehe darum, ein Zeichen zu setzen, „damit die Politiker sehen, dass sich Leute für Europa begeistern“. Er sagt, dass Europa ein Friedensprojekt sei, und es besser sei, wenn die EU geeint mit Trump Handelsverträge schließe, als wenn die Mitglieder sich gegeneinander ausspielen ließen.

Aber es betrifft ihn auch ganz persönlich, dieses Europa. Im Sommer macht er für ein Jahr Erasmus. Wo? In England, ausgerechnet. „Dann werde ich hautnah miterleben können, was der Brexit bedeutet.“

Wie so oft, wenn man für etwas auf die Straße geht, was sehr richtig ist, spürt man hinter der Selbstgewissheit auch die leise Ahnung, dass es alles sehr viel komplizierter ist. Es gibt einen Satz, den man auf der Homepage von Pulse of Europe liest, den man in allen Interviews mit den Machern entdeckt, den man auf den Demos immer wieder hört. Monika Meyer, Kopf des Hamburger Organisationsteams, ruft ihn ins Mikro: „Wir sind nicht gegen etwas, sondern für etwas.“

Es ist der Satz, der die neue Europabewegung gegen die aufmarschierenden Populisten abgrenzen soll. Gegen die „Patriotischen Europäer“, die sich gegen die angebliche Islamisierung des Abendlandes formierten. Der Satz soll die aufgeklärte Zivilgesellschaft gegen das Dagegenvolk abgrenzen. Hier Optimismus, dort Bedenken. Aber natürlich ist Dafürsein allein genauso wenig ein Qualitätskriterium, wie das Dagegensein eine Bewegung automatisch disqualifiziert. Es kommt eben drauf an: Für welches Europa? Gegen welches Europa?

Viele Menschen auf die Straße zu bringen, ist das Verdienst der neuen Europabewegungen. Die harten Interessengegensätze unausgesprochen zu lassen, vielleicht ihr Versäumnis. Bedeutet Europa, dass deutsche Steuerzahler mit ihrem Geld auch für die Renten in Griechenland bürgen – und wären wir wirklich bereit, das zu tun? Heißt Europa, dass zwar alle frei reisen dürfen, aber auch über Grenzen hinweg um Jobs konkurrieren müssen?

Nach der Demonstration bittet eine TV-Reporterin die Organisatorin Monika Meyer um einen O-Ton vor der Kamera. Bei einer Antwort stockt sie. Das liefe ja jetzt darauf hinaus, eine konkrete politische Forderung zu formulieren, sagt sie. Das machten sie bei Pulse of Europe grundsätzlich nicht. Das Team unterbricht die Aufnahme. Die Kamerafrau und die Reporterin blicken einander an. Na gut, meint die Kamerafrau, dann vielleicht einfach noch mal den Satz mit dem Dafürsein.

06:00 28.03.2017

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