Einheit vor Freiheit

Zeitgeschichte Vor 150 Jahren entstand der italienische Nationalstaat. Doch von Feierstimmung ist südlich der Alpen kaum etwas zu spüren. Die Geburtsfehler wirken bis heute nach

Die augenblicklich Regierenden können sich kaum als legitime Erben einer glorreichen Vergangenheit inszenieren. Zu schwer wiegt der Schaden, den Silvio Berlusconis Regime des autoritären Populismus dem Ansehen Italiens permanent zufügt. Auch wäre es vergebliche Mühe, in den Jubiläumsreden nach einem kritischen oder wenigstens zweifelnden Umgang mit dem historischen Erbe zu suchen – so sehr der geboten ist. Denn das 1861 geeinte Italien wurde im 20. Jahrhundert nicht nur zum Mutterland des Faschismus, sondern auch zum Komplizen Nazi-Deutschlands. Geschichte verläuft zwar niemals geradlinig, doch es stellt sich schon die Frage, welche Umstände der Staatsgründung spätere Katastrophen begünstigten.

Die Proklamation des Königreichs Italien war ein Ergebnis des Risorgimento (der „Wiedererstehung“ oder „Wiedergeburt“), wie die 1815 entstandene Freiheits- und Unabhängigkeitsbewegung genannt wird. Denn auch nach dem Ende der napoleonischen Ära stand die italienische Halbinsel weitgehend unter der Vorherrschaft Österreichs, Frankreichs und Spaniens. Der revolutionäre Befreiungskampf entwickelte teilweise heroische Züge. Das galt ganz besonders für den legendären „Zug der Tausend“. Angeführt vom charismatischen Guerilla-General Giuseppe Garibaldi (1807 – 1882), hatte der sich in Marsch gesetzt, um einen Volksaufstand auf Sizilien zu unterstützen, der die Fremdherrschaft der spanischen Bourbonen in Süditalien herausforderte. Von den Rebellen um Hilfe gebeten, versammelte Garibaldi sein Freiwilligen-Heer aus Studenten, Handwerkern und Arbeitern, von denen die meisten kaum älter als 20 waren.

Mit veralteten Waffen und wenig Munition stachen die „Rothemden“ in der Nacht des 5. Mai 1860 auf zwei gekaperten Dampfschiffen von Quarto bei Genua nach Süden in See. Am 11. Mai landeten sie an der sizilianischen Westküste, um gegen Palermo vorzustoßen und dabei noch einmal wenigstens 2.000 Kombattanten zu rekrutieren. Nach dreitägigem, mit aller Härte geführtem Straßenkampf in Siziliens Kapitale gaben die bourbonischen Truppen auf und verließen am 6. Juni 1860 die Insel. Wenige Monate später – im Februar 1861 – sahen sie sich auch auf dem Festland zur Kapitulation genötigt, besiegt vom Volksheer der Garibaldiner und von regulären Truppen des Königreichs Sardinien-Piemont.

Pathetisch und anrührend zugleich

Die Staatsgründung vollzog sich dann am 17. März 1861 als Anschluss Siziliens und Süditaliens an eben dieses Sardinien-Piemont. Dessen König Vittorio Emanuele II. wurde erster König eines italienischen Staates, der eine konstitutionelle Monarchie sein wollte und sich zunächst für die Hauptstadt Turin entschieden hatte.

Garibaldi, der in ganz Europa verehrt wurde, blieb im neuen Italien ohne Einfluss, wandte sich umso mehr dem Sozialismus zu und wurde Mitglied der Internationalen Arbeiter-Assoziation (IAA). Sein letztes Lebensjahr verbrachte der Revolutionär und Abenteurer auf der Insel Caprera vor Sardinien. Sein Privatleben beschreibt die Garibaldi-Biografin Friederike Hausmann als „eine Mischung aus dem altrömischen Ideal bäuerlicher Einfachheit und dem berühmten Bild, das Marx in seinen Grundrissen von der kommunistischen Gesellschaft entwirft: stolz, bescheiden, klassenlos. Es war, ganz wie das gesamte italienische Risorgimento, pathetisch und anrührend zugleich.“

Mit den Grenzen dieser „pathetischen“ und „anrührenden“ Bewegung hat sich der Marxist und KP-Führer Antonio Gramsci während der frühen dreißiger Jahre in seinen Gefängnisheften ausführlich beschäftigt. Er unterscheidet dabei zwei Hauptströmungen: die liberalen Moderati (um Italiens ersten Premier, Graf Camillo Benso di Cavour), die sich mit der konstitutionellen Monarchie zufriedengaben, und die Aktionspartei (mit Garibaldi, Mazzini und anderen), die eine demokratische Republik anstrebte. Als „organische Avantgarde der Oberklassen“ hätten die Moderati die Aktionspartei dominiert und gelenkt, auch durch Absorption ihrer „aktiven Elemente“, vermerkt Gramsci. In der Praxis blieben die Linken auf Tuchfühlung mit einer Politik, wie sie in der Losung der Moderati „Unabhängigkeit und Einheit“ zum Ausdruck kam. Das galt vorrangig für Garibaldis rechte Hand Francesco Crispi, der vom „Einheitsfanatismus“ geradezu besessen war. Angetreten als Mann der Linken, wurde Crispi in seiner Zeit als Ministerpräsident (1887 – 1896) zum Begründer der imperialistischen Großen Außenpolitik, die Italiens „Platz an der Sonne“ in afrikanischen Kolonien sichern sollte. Später eine Vorlage für Benito Mussolini.

Anknüpfungspunkte für den Faschismus

Eine politische Bewegung von unten war im italienischen Einheitsstaat nicht vorgesehen. Nach dem Zensuswahlrecht galten zunächst nur 417.000 Männer im gesamten Land als wahlberechtigt, durch eine Reform von 1882 erhöhte sich die Zahl der zu Wählern Beförderten auf zwei Millionen. „Der neue Staat“, schrieb dazu 1989 der Historiker Guido Procacci, „erhielt so einen stark bürokratischen, von den großen Vermögen beherrschten Charakter. Der Mehrheit erschien der Staat lediglich in Gestalt des Steuereintreibers verkörpert und bestand im Wesentlichen aus der Verpflichtung zum Militärdienst.“ Der sollte im Ersten Weltkrieg zur wahren „Schule der Nation“ werden. Italiens „arme Söhne“, schreibt Procacci weiter, „erfuhren erst durch die Uniform und den Kampf in den Schützengräben, dass sie Bürger dieses Landes waren. Man kann sogar sagen, dass sich ein Nationalbewusstsein im weiteren Sinne erst mit der kollektiven Erfahrung des italienischen Volkes im Ersten Weltkrieg herausbildete ...“ Auch daran konnte der Faschismus anknüpfen.

Dass der italienische Nationalstaat die Herrschaftsverhältnisse von Anfang an nicht anzutasten wagte, umschrieb der Schriftsteller Giuseppe Tomasi di Lampedusa in seinem großen Roman Der Leopard mit den Worten des jungen Adligen Tancredi, der sich aus taktischem Gespür den Garibaldinern anschließt: „Wenn wir wollen, dass alles bleibt, wie es ist, dann ist es nötig, dass alles sich ändert.“ Die Macht verfügte weiter über einen „historischen Block“ (Gramsci) aus Industriellen und Großgrundbesitzern. Der industrialisierte Norden gedieh auf Kosten des agrarischen Südens, aristokratische Eliten behielten ihre Vorrechte – auch das eine Vorleistung an den Faschismus. Um diese Privilegien gegen Ansprüche der Arbeiterbewegung zu verteidigen, übergab die Oberschicht 1922 die politische Macht an die Faschisten. Antonio Gramsci sprach von einer „passiven Revolution“, die ihn an die Umwälzungen von 1860/61 erinnerte.

Gab es Alternativen? Ja.

Gab es vor anderthalb Jahrhunderten Alternativen? Ja, sagt Gramsci: „Damit die Aktionspartei eine autonome Kraft hätte werden und es ihr hätte gelingen können, dem Risorgimento zumindest einen betonter populären und demokratischen Charakter zu verleihen, hätte sie den Moderati … ein organisches Regierungsprogramm entgegensetzen müssen. Ein Programm, das die wesentlichen Forderungen der Volksmassen – vorzugsweise der Bauern – widergespiegelt hätte: der spontanen Anziehung, die von den Moderati ausging, hätte die Aktionspartei planmäßig organisiert Widerstand und Gegenoffensive entgegensetzen müssen.“

Bei einem Erfolg dieser Gegenoffensive wäre ein anderer, weniger schrecklicher Gang der Dinge wahrscheinlich gewesen. Möglich war dieser selbst nach dem Sieg der Gemäßigten über die Demokraten, denn der Faschismus war keineswegs unausweichlich. Er war auch keine bloße „Parenthese der italienischen Geschichte“, wie einst der liberale Philosoph Benedetto Croce (1866 – 1952) behauptete. Der von den Faschisten ermordete Sozialist Carlo Rosselli (1899 – 1937) schrieb zu Recht, der Faschismus sei „die Autobiografie der Nation, die auf den politischen Kampf verzichtet und den Kult der Einmütigkeit pflegt“. Wie er in dem 1861 entstandenen Königreich Italien begründet wurde.

Jens Renner ist Italien-Autor des Freitag

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15:45 17.03.2011

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