Eins an Möwe

Madonna des Schlachtfelds Michail Kononows Kriegs-Roman "Die nackte Pionierin"

Zunächst einmal soll der Übersetzer gelobt werden. Bis in die hintersten Winkel des deutschen Sprachschatzes muss er gekrochen sein, dahin, wo unser Alltagsgedächtnis kaum je hinkommt, um Kononows sagenhaften Ausdrucksreichtum und den Rhythmus seines eigenartigen Kriegsmärchens annähernd zu übertragen. Vielleicht konnte der Autor dem Übersetzer ja seinen Segen geben: Michail Kononow, geboren 1948 in Leningrad, lebt in Landshut an der Isar, was unpassend gemütlich klingt im Zusammenhang mit diesem Roman, der den gesammelten brutalen Irrsinn des Krieges aufwühlt. Nicht irgendeines Krieges: Die Erzählung von totalitärer Überheblichkeit, männlicher Enthemmung und trauriger, sinnlos endender Schicksale ist nur zum Teil eine Parabel auf das große Schlachten, das die Menschheit seit je begleitet. Hier geht es um die Blockade von Leningrad, um den Großen Vaterländischen Krieg, lange umgeben von der Schutzhülle patriotischer Erinnerung. Kononow sticht sie gründlich an, diese Schutzhülle, obwohl niemand patriotischer, begeisterter, linientreuer kämpft als seine nackte Pionierin, Marija Muchina, 14 Jahre alt, genannt Motte.

Diese Motte, deren Lieblingsspruch "Kriegst die Motten" ihren Monolog durchsetzt, ist Kriegswaise und in kriegstypischen Wirren bei der kämpfenden Truppe gelandet. In Kopf und Gemüt stecken ihr die Lehren der sowjetischen Kindheit, erstens: Väterchen Stalin hat immer recht, zweitens: Du bist nichts, das Kollektiv ist alles. So opfert Motte, die vom Kollektiv zwar lieber in ihrer Eigenschaft als Kämpferin anerkannt würde, ihren Körper. Vor ihrem Unterstand stehen die hormongestressten, bedürftigen Offiziere Schlange, um auf der Genossin Motte Erleichterung und neue Kampfmotivation zu erlangen. So wird Die nackte Pionierin über eine lange Strecke hin der Porno, den das Spiel mit seinem konsalikmäßigen Titel anzudeuten scheint. Das ist viel besser geschrieben natürlich als Konsalik und wird doch wie alle pornographische Offenheit gnadenlos ermüdend, ist es nicht bald genug? Aber gewiss, in diesem Soldatenlatein von Schniepeln, Nippeln, Eutern sitzt der Teufel der Subversion, schon weil der Umgang mit dem Sexuellen in der russischen Gesellschaft einen sprachlichen Underground, einen offiziell verpönten Parallelsprech bildet, der für manches sonst Unsagbare zuständig ist.

In der strotzenden Rücksichtslosigkeit der Regimentsmännchen, die sich auf Mottes Pritsche bedienen lassen, geht die Saga vom anständigen Krieg sang- und klanglos unter, aber Motte, der nur zwischendurch bitter bewusst wird, dass sie eigentlich "noch viel zu klein ist für solche Sachen", Motte handelt in höherem Auftrag. Denn in die Höhe steigt sie, sobald sie allein ist, im Traum wird Motte zu Möwe: fliegende Kundschafterin, direkt unterstellt der Nummer Eins, Marschall "Sukow": "Eins an Möwe, eins an Möwe!" Möwe kann alles: feindliche Stellungen überfliegen, orten und sichten, sie kann hoch über Leningrad in die Häuser gucken, auch in das, in dem sie, viel zu kurz, ein Kind war. Langsam, zunächst über Andeutungen, tastet sich der Leser, von Kononow kunstvoll hingehalten, an die Geschichte dieses Kindes heran. Denn als er Motte kennen lernt, ist sie schon längst eine Heilige, eine reine Törin, die sich selbst verloren hat bei dem zentralen Ereignis, das der Erzählung den blutig-grausamen Boden einzieht. Motte muss mit ansehen, wie der Held des Vaterlands, Marschall "Sukow", zurückgetriebene Soldaten als Deserteure und Feiglinge persönlich erschießt. Die Wahrheit über Schukow? Oder getreue Illustration einer Leitlinie der sowjetischen Heeresführung, der zu Folge der, der vorwärtsgeht, nur vielleicht, der aber, der zurückweicht, ganz sicher stirbt? Oder: "Ob eine deutsche Kugel oder eine von uns, ist am Ende egal", lässt Motte ihren Stalin an die Adresse der "Nörgelsäcke und Verräter" ausrichten.

Motte kann sehr witzig sein in ihrem pausenlosen irren Monolog, denn ihren Verstand hat sie gelassen bei "Sukows" Demonstration vaterländischer Härte; welchen Trost könnte ihr die brutale Wirklichkeit, "faktisch gesehen" (auch ein Lieblingsspruch von ihr) schon geben? Hoch über der Realität, als Möwe im Traum, als freche Landstörzerin bei Tag, arbeitet sich diese verzweifelt komische Schmerzensmaria durch die trostlosen Zeiten mit ihrem martialisch-jugendlichen Pionierjargon, nichts lässt sie aus, vor allem nicht das ewige Problem mit den Unterhosengummis: "Große Schwachstelle: Die Industrie produziert keine haltbaren Gummis, die sowjetische nicht und die deutsche auch nicht. Die kriegen das Problem einfach nicht in den Griff. ... Das müsste endlich mal einer dem Genossen Stalin aufs Brot schmieren". Ja, wenn das Stalin wüsste, dass schlampig gefertigte Unterhosengummis die Übergriffe seiner brünstigen Soldaten einfach nicht überstehen, er würde der Produktion Beine machen. Stalin ist Gott, und Motte, ganz identifiziert mit dem Aggressor, ist seine Pionierin.

An Genres und Stilmitteln als Vorlagen hat es Kononow nicht gefehlt; sein Roman ist Heiligenlegende, Schwank, innerer Monolog, Marienerzählung. Motte, das arme Kind, schläft mit jedem und glaubt, dass man nur vom Küssen schwanger wird. In der naiv-devoten Erzählhaltung seiner Simplicissima entlarvt der Autor, wie manche vor ihm, die Schrecken des Krieges wirkungsvoller als in ihren wachen, erwachsenen Momenten. Das sind die Momente, in denen das ganze Elend bewusst, also unerträglich wird, darum setzt Motte, wenn sie spricht, alles daran, sich selbst zu überzeugen. Ihr schnoddriger Monolog ist so unerhört kunstreich, so getränkt mit Anspielungen, dass es einem schon mal über die Hutschnur gehen kann, dass man die Gefahr der stilistischen, leeren Selbstgenügsamkeit wittert. Aber es hilft nichts: Die Rasanz dieser Abrechnung mit den Lügen des Großen Vaterländischen Krieges treibt den Leser vor sich her, bis zu Mottes Ende, das gleichzeitig der Anfang ist. Sie, die ihren Liebhabern nie Glück brachte, denn die verreckten immer im nächsten Gefecht, wird nach ihrem Tod zur rettenden Madonna des Schlachtfelds - zur Legende.

Michail Kononow: Die nackte Pionierin. Aus dem Russischen von Andreas Tretner. Kunstmann, München 2003, 286 S., 21,90 EUR


00:00 10.10.2003

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