Einzug in Walhall

Deutsche Personallexika Was sie verschweigen, was sie endlich sagen und wie sie genutzt werden

Die Leute, die nicht für die Stunde, sondern eher schon mal für die Ewigkeit arbeiten, machen sich zur Zeit ganz schön bemerkbar. "Grotesk, geschmacklos, ungeheuerlich und ungehörig". So fand kürzlich der Großhistoriker Hans Mommsen in einem Leserbrief das Verhalten eines ihm wohlvertrauten Kollegen. Henning Köhler, Geschichtsprofessor an der Freien Universität, der gemeinsam mit Mommsen in einem Sammelband für die Unschuld der Nazis am Reichstagsbrand eingetreten war, hatte in der FAZ Ernst Klees Personenlexikon zum Dritten Reich besprochen.

Ach, was heißt besprochen. Er hat wegen der vielen Professoren, die Klee aufgenommen hat, getobt. "Heute kann sich doch jeder als Historiker bezeichnen", beschimpfte er Klee und mit ihm gleich die ganze Schwarze NS-Reihe beim S. Fischer Verlag, der das Personenlexikon herausgebracht hat. Henning Köhler: "Es liegt hier im Grunde eine Art ›Nazi‹-Kürschner vor, also eine Reduzierung des traditionellen Gelehrten-Kalenders." Reduzierung?

Henning Köhler irrt: Ich besitze - er war für mich ein Bildungserlebnis - den echten ganzen Nazi-Kürschner. Es ist - antiquarisch erworben - Kürschners Deutscher Gelehrten-Kalender 1940/41. Was sich in diesem zweibändigen Werk viele der in Hitlers Reich verbliebenen Professoren mit der Aufzählung ihrer seit 1933 geschriebenen Werke an peinlichen Bekenntnissen ausgedacht haben, kann Klees Band nicht überbieten.

Görings glückliches Familienleben

Aber nicht nur Hans Mommsen und Henning Köhler werden heftig, auch Ernst Klee selbst teilt munter aus. Unmittelbar bevor er sein Buch öffentlich in Frankfurt vorstellte, machte er auf einer ganzen großen Zeit-Seite die Konkurrenz schlecht: Das Beispiel der populären Deutschen Biographischen Enzyklopädie zeige, wie die NS-Karrieren etlicher Wissenschaftler auch heute noch "vertuscht und verschwiegen" werden, es gehe hier "um deutschen Ruhm, um den Einzug ... nach Walhall." Das ist so nicht gerecht. Herausgeber der Enzyklopädie war bis zu seinem Tod Walther Killy, dessen Name wie kein anderer für eine kritische Germanistik steht.

Natürlich entdeckte Klee - besonders auf seinem Spezialgebiet der NS-Ärzte - Eintragungen, die nicht nur ihm "geschönt und retuschiert" erscheinen, zum Teil Übernahmen aus anderen Nachschlagewerken. Er übersieht dabei, welch ein Fortschritt diese zehnbändige Deutsche Biographische Enzyklopädie - 1999 auf einen Schlag in München erschienen - gegenüber einem anderen Unternehmen darstellt.

Da krebst seit einem halben Jahrhundert in Berlin eine Neue Deutsche Biographie vor sich hin. Sie ist gerade mit dem 21. Band beim Maler Christian Friedrich Rohls angelangt und wird wohl in diesem Jahrzehnt den Anton Zycha, mit dem die Münchner Enzyklopädie Schluss gemacht hat, kaum erreichen.

In diesen dicken Biographie-Bänden aus Berlin, die nicht aufhören wollen, schrieb die Zeit Geschichte, beispielsweise ein Historiker, der selbst als Krupp-Direktor und als vielfacher Bundesminister (Forschung, Finanzen, Verteidigung) und als Ministerpräsident (Schleswig-Holstein) noch für einen Eintrag aussteht: Der kürzlich verstorbene Gerhard Stoltenberg verfasste hier 1964 das Lemma, wie die Lexikographen sagen, das Stichwort über seinen preußischen Vorgänger Hermann Göring. Auf fünf langen Spalten schreibt Stoltenberg über den zweiten Mann des Dritten Reiches, auch über seine "in breiten Schichten beträchtliche Popularität". Ja, Göring führte "ein sehr glückliches Familienleben", bewahrte sich "einen subjektiven Gottesglauben" und war "gelegentlich humanitären Gesichtpunkten" zugänglich.

Das ist Neue Deutsche Biographie (Band 6), wie sie 1964 verfasst und heute noch nicht vollendet ist. Im Vergleich zu diesem romanhaften Sechsspalter wäre der Einspalter, den die Münchner Enzyklopädie Göring widmet ein lexikographisches Meisterwerk, wenn nicht auch dort der entscheidende Befehl ignoriert würde, den auf noch kleinerem Raum Klee zitiert: Görings Weisung an Heydrich vom 31.7.1941 "alle erforderlichen Vorbereitungen ... zu treffen für eine Gesamtlösung der Judenfrage im deutschen Einflußgebiet in Europa" - zwei Monate später berief Heydrich die Wannseekonferenz ein.

Lübkes KZ-Baracken

Der kleine 730-Seiten-Band von Klee ist unentbehrlich als Ergänzung zu den vielbändigen und großformatigen biographischen Nachschlagewerken. Aber auch er hat seine Lücken. Nehmen wir Theodor Heuss, den ersten Präsidenten der Bonner Republik: "Obgleich Heuss in der Schrift ›Hitlers Weg‹ (1932) eine kritische Analyse der Ursachen und Methoden des Nationalsozialismus vorgelegt hatte, stimmte er am 23.3.1933 für das ›Ermächtigungsgesetz‹ Hitlers." Darüber informiert die Enzyklopädie aus München. Auch die Neue Deutsche Biographie verschweigt das nicht. Obwohl Heuss somit in ein Personenlexikon zum Dritten Reich gehört hätte - Klee unterschlägt ihn. Und auch den Heuss-Freund Hermann Höpker-Aschoff, den ersten Präsidenten des Bundesverfassungsgerichts. Dabei hätte einen kundigen Rechercheur wie Klee ein Satz wie dieser in die Archive treiben müssen: "In den Jahren zwischen 1933 und 1945, in denen Höpker-Aschoff völlig zurückgezogen in Bielefeld lebte, widmete er sich neben philosophischen vor allem finanzwissenschaftlichen Studien." So steht es in der Neuen Deutschen Biographie und ähnlich auch in der Deutschen Biographischen Enzyklopädie. In Wahrheit aber arbeitete der aller erste höchste BRD-Richter als Chefjurist in der Haupttreuhandstelle Ost, die für den legalisierten Raub jüdischen und polnischen Eigentums zuständig war. Nur deren Leiter Max Winkler, der nach dem Krieg eine geringere Rolle spielte, hat Klee verzeichnet. Den Heuss-Nachfolger Heinrich Lübke aber und seine KZ-Baracken hat er vergessen, nicht aber Theodor Oberländer.

Diesen bekannten Volkstumskämpfer vorteilhaft darzustellen, gelang noch im alten Jahrtausend, 1999, der Neuen Deutschen Biographie, und zwar im Geist ihrer Gründungszeit mit eigentümlichen enthüllungsromanhaften Kausalitätsbezügen: "Oberländers Erfolge bei der Eingliederung der Heimatvertriebenen und die Tatsache, daß Oberländer mit den Stimmen seiner Partei die Wiederbewaffnung und den Beitritt der Bundesrepublik zur NATO ermöglicht hatte, waren seit Sommer 1953 der unmittelbare Anlaß, Oberländer als Kriegsverbrecher zu entlarven." Dabei sei ein Teil seiner Kritiker "seitens Ost-Berlins" auch "geheimdienstlich unterstützt" worden.

Unaufhaltsam aber spaziert auch bei der Neuen Deutschen Biographie der Fortschritt voran. Wo sie dem letzten Jahrtausend entsprechend bis 1999 eine "Schriftleitung" und einen "Hauptschriftleiter" hatte, da wird sie seit Beginn des 21. Jahrhunderts von einer Redaktion bearbeitet, eine bemerkenswerte Marscherleichterung. Allerdings - kein Fortschritt ohne Verwerfungen - der neue Redaktionsleiter heißt Franz Menges, derselbe, der gerade noch im alten Jahrtausend Mitverfasser des Oberländer-Lemma war.

Augsteins Empfehlungen

Toll, wie dann im November das deutsche Nachrichtenmagazin per exklusiver Vorabmeldung zu enthüllen vermochte, dass Theodor Oberländer noch drei Parteigenossen hatte: Walter Jens, Walter Höllerer und Peter Wapnewski. Der 1947 gegründete Spiegel, der sich bis heute nicht für seine willig nachgeholte eigene NS-Vergangenheit zu interessieren vermag, holte sich aus dem erst im Dezember erschienenen Internationalen Germanistenlexikon die drei linksliberalen Professoren heraus, die - wissend oder unwissend - von der HJ in die NSDAP übernommen worden waren. Sie konnten nur nachdenklich (Wapnewski), aufgeregt (Jens) oder tot (Höllerer) auf den Vorwurf reagieren, der von dem Spiegel kam, in dessen zentraler Schaltstelle Mitglieder von Heydrichs Reichssicherheitshauptamtes als Ressortleiter die Verbindungen zu ihren früheren Amtsgenossen aufrecht erhielten. In dem der einstige Gestapo-Chef und SS-Oberführer Rudolf Diels in einer langen Serie seine Taten verharmloste. In dem die rechte Hand des Einsatzgruppenleiters Artur Nebe um Verständnis für die 44.467 Mordtaten seiner Einsatzgruppe B warb. Und in dem Rudolf Augstein selbst für die Übernahme solcher Leute aus dem Reichssicherheitshauptamt in das Bundeskriminalamt plädierte.

Nein, die drei Jung-NSDAPler verschwinden, da man das Germanistenlexikon nun endlich aufschlagen kann, in der Masse der Germanistik-Professoren, die sich oft schon seit 1933 oder davor in Wort und Tat zu Adolf Hitler bekannten. Nicht zu vergessen die einflussreichen Literaturkritiker, die der kundige Herausgeber Christoph König vom Deutschen Literaturarchiv Marbach ebenfalls in das Germanistenlexikon aufnahm. Hans Egon Holthusen etwa.

Der war in SS-Uniform in das Theaterwissenschaftliche Seminar seines nach 1945 immerhin vorübergehend dienstenthobenen Parteigenossen Artur Kutscher marschiert und blieb auch später als feinsinniger FAZ-Kritiker immer im Dienst. Wenn er etwa den bald darauf durch Selbstmord umgekommenen Paul Celan fertigmachte, weil er in dessen Mühlen des Todes eine Vorliebe für die "in X-Beliebigkeiten schwelgende Genitivmetapher" erkennen mochte und nicht die Metapher für das eigentlich jedem pflichtbewussten SS-Mann bekannte Vernichtungslager Auschwitz.

Wie viele, fürchterlich viele Germanisten in der NSDAP, in der SS waren, lässt sich mit einem Klick auf die Suchfunktion der CD-Rom feststellen, die (mit zusätzlichen Informationen) zum Germanistenlexikon erhältlich ist. Und natürlich auch die Mitgliedschaften von deutschen Germanistikprofessoren in der Rabauken-SA. Sofort 1933 war der empfindsame Tübinger Hölderlin-Forscher Friedrich Beißner Hitlers Sturmabteilung beigetreten, er war immerhin akademischer Lehrer von - auch solche Rubriken sind Bestandteil des Germanistenlexikons - Siegfried Unseld, Martin Walser und Hellmuth Karasek.

Herzogs Grundgesetzkommentator

Ich selbst wollte in den sechziger Jahren an der Freien Universität bei dem Kafka-Forscher Wilhelm Emrich promovieren - über Georg Lukácz, der übrigens im Germanistenlexikon eine ausführliche Würdigung erfahren hat. Mir verging damals die Lust, als ich zufällig einen unbekannten Emrich-Aufsatz über den "Einbruch des Judentums in das wissenschaftliche und fachliche Denken" entdeckte. Jetzt, im Germanistenlexikon, ist der Aufsatz verzeichnet, und etwas, was ich noch nicht wusste. Mein Beinahe-Doktor-Vater war Referent bei Goebbels, in der Abteilung Schrifttum des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda. "Er hatte hier das gesamte neueingehende Schrifttum, vor allem das der Schweiz, zu überwachen und die Judenbibliographie zu betreuen", heißt es im Entwurf für sein Dienstzeugnis von 1944. Ich dachte an das gerade verstorbene PEN-Mitglied Emrich, als wir - das heißt eine Mehrheit - 2001 bei der Jahresversammlung in Darmstadt Erich Köhler aus dem PEN ausschlossen wegen seiner IM-Tätigkeit - ach, wenn mein Namensvetter doch für Goebbels gearbeitet hätte.

Es geht im Germanistenlexikon nicht - wie der Spiegel vorgibt - um den investigativen Nachweis bisher unbekannter bloßer NS-Mitgliedschaft. Wichtiger als solche Enthüllung ist dem Herausgeber Christoph König das Aufzeigen "großer Zusammenhänge", die "Durchleuchtung der Mechanik des universitären Systems". Und die ist eine "Geschichte der Kontinuität" - einer Kontinuität, die gerade auch das Personal der deutschen Germanistik nach 1945 geprägt hat.

Immerhin die Germanisten hatten schon in den sechziger Jahren mit der Aufarbeitung ihrer NS-Vergangenheit begonnen, die Historiker erst in den Neunzigern. Ein Historiker-Lexikon dieser Art tut not. Und natürlich erst recht ein Juristenlexikon, in dem beispielsweise unser (von Ruck-Roman-Herzog assistierter) Grundgesetzkommentator Theodor Maunz eine ausführliche und gerechte Würdigung seiner Rolle erführe - als NS-Nazi bis 1945 und als CSU-Neonazi (er schrieb heimlich für die rechtsextremistische National-Zeitung der DVU) bis zu seinem Tod 1993.

Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945? S. Fischer Verlag, Frankfurt 2003. 731 Seiten, 29,90 EUR

Deutsche Biographische Enzyklopädie : hrsg. von Walther Killy und Rudolf Vierhaus. - Saur Verlag München. Grundwerk Bd. 1-10), 1999, 2100 E, mit 4 Nachtragsbänden mit Orts- und Berufsregister, 2002, 2.625 E. Taschenbuchausgabe 2003 bei dtv nur Band 1-10, 255 EUR

Neue Deutsche Biographie. Band 21: Pütter - Rohlfs. Mit ADB NDB-Gesamtregister auf CD-ROM. (Für die Historische Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften hrsg. von Hans Günter Hockerts.) Duncker Humblot Berlin 2003,
158 EUR

Internationales Germanistenlexikon 1800-1950. Hrsg. v. Christoph König. Walter de Gruyter Verlag, 2003. 3 Bde. LXXXV, 2200 S. Subskriptions-Preis gültig bis 31. Januar 2004 348 E, danach 428 E, mit CD-ROM 498 E, ab 1.2. 578 E. CD-Rom allein 348 E /
ab 1.2. 428 EUR

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00:00 09.01.2004

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