Eishockey

A–Z Warum die zweitbeliebteste Sportart des Landes die schnellste, filigranste und zugleich härteste der Welt ist, erklärt unser Augsburger Panther Sebastian Puschner
Eishockey

Foto: Alexander Nemenov/AFP/Getty Images

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Atmosphäre Ununterbrochene 84 Minuten dauerte der gemeinsame Gesang von Fans des ETC Crimmitschau und des ESV Bayreuth, mit dem es diese 1999 zu einem Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde brachten. Trommeln, Klatschen, Schlachtrufe in Dauerschleife: Zwar rangiert Eishockey mit 2,5 Millionen Zuschauern pro Saison vor Hand- und Basketball (je 1,6) nur auf Platz zwei hinter Fußball (13). Ans atmosphärische Niveau reichen aber höchstens Dortmunder und isländische Fußballfans heran. Da die Zeit bei jeder Unterbrechung angehalten wird, verlieren Eishockeyfans spät die Hoffnung (➝ Moral). Stets kann ein Spiel kippen, und mit ihm die Stimmung auf den Rängen.

Vier Tore in 58 Sekunden, wie 2009 beim 9:5 zwischen Berlin und Iserlohn, sind möglich. Zwar hat der Bau riesiger Multifunktionsarenen hierzulande für Klatschpappen auf Sitzplätzen, Wunderkerzenverbote und zahlreiches Eventpublikum wie in Nordamerikas Profiliga NHL geführt. Noch aber diktiert jeder frisch nach Deutschland oder in die Schweiz gewechselte Nordamerikaner in Journalistenblöcke: „Wirklich, solch eine Atmosphäre habe ich noch nie erlebt.“

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Check Wer sein allererstes Eishockeyspiel ansehen möchte, sollte dies im Stadion tun – und nicht vor dem Fernseher, auch wenn ein Telekommunikationskonzern von diesem Jahr an erstmals jedes einzige Ligaspiel in voller Länge übertragen wird. Nicht nur das Spielgerät, den Puck aus Hartgummi mit nur 7,62 Zentimetern Durchmesser, sieht man vor Ort sehr viel besser. Um einen erlaubten von einem strafwürdigen Bodycheck zu unterscheiden, braucht es das geballte Fachwissen umstehender Fans auf den Rängen.

Zwar sind die Grundsätze einfach: Nur ohne Faust, Schläger, Helm, Ellenbogen oder Knie darf der Gegner angegangen werden. Doch der Auslegungsspielraum der Schiedsrichter ist so groß, wie der Professionalisierungsgrad des pfeifenden Personals in Deutschland gering ist. Schickt der Schiri checkende Spieler zu Unrecht auf die Strafbank und das eigene Team für Minuten in numerische Unterzahl auf dem Eis, garantiert das eine hitzige ➝ Atmosphäre. Nichts aber ist spektakulärer als ein fairer Check gegen die dadurch zersplitternde Bande, wonach neues Plexiglas eingesetzt und das Eis frisch gemacht werden muss (➝ Zamboni).

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Gender „Nur harte Männer spielen Eishockey, Feiglinge dagegen nicht“, hieß es in einer Hymne auf die Nationalmannschaft der ➝ Sowjetunion. Doch die Zeiten des Machismo im Eishockey sind passé: Im Gegensatz zur Fußball-Bundesliga kann jeder DEL-Club sowohl Männer als auch Frauen einsetzen. Tatsächlich absolvierte Maren Valenti 1998 einen Kurzeinsatz für die Eisbären Berlin, allerdings eher zu Werbezwecken. Für Freiburg spielte sie hinterher eine Saison als einzige Frau in der zweiten Liga. Viona Harrer hütete mehrere Jahre das Tor beim dritt- und viertklassigen Männerteam in Erding. Und die Kanadierin Hayley Wickenheiser war 2003 in Finnland die erste Frau, die in einer Männerprofiliga ein Tor erzielte.

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Insolvenz Als „unfinanzierbarer Sport“ gilt Eishockey: Unterhalt von Eishallen, Material, Reisekosten bei heute 52 Spieltagen allein in der Hauptrunde und relativ niedrigen TV- und Werbeeinnahmen machen die Geschichte des hiesigen Sports zu einer der Insolvenzen. Riessersee, Füssen, Landshut – die Liste ist lang. Die DDR kürzte wegen der „Kosten- und Devisenintensität“ 1969 die Förderung.

Als die Bundesliga vor dem Schuldenkollaps stand, wurde 1994 die Deutsche Eishockey Liga (DEL) gegründet – eine Profiliga ohne Auf- und Abstieg, betrieben von den als Kapitalgesellschaften organisierten Vereinen – seither ein Abbild der deutschen Volkswirtschaft. Hier die von vielen mittelständischen Unternehmen gesponserten Traditionsvereine wie Augsburg (➝ Liebe) und Straubing. Dort die Großen wie Mannheim, mit dem Hoffenheimer Hopp-Clan im Rücken, oder Berlin, dem Imperium des US-Milliardärs Phil Anschutz zugehörig. Anschutz besaß auch Hamburgs Team; vor Saisonbeginn beschloss er, den Spielbetrieb wegen mangelnder Profitabilität einzustellen. Meister wurde zuletzt Red Bull München, mit 12,5 Millionen Euro Etatkrösus.

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Liebe Keine ➝ Insolvenz und kein US-Milliardär kann die Liebe zum Eishockey brechen, ist sie erst einmal entflammt. Der Sport ist der schnellste, der filigranste und zugleich der härteste von allen. Dafür ertragen Fans sogar die seit dem DEL-Start in Anlehnung an die NHL obligatorischen Tier-, Firmen- oder Möbelnamen ihrer Clubs. Die „Fischtown Pinguins“ – ja, man schreibt sie genau so – aus Bremerhaven haben sich nach dem Aus der „Hamburg Freezers“ in die Liga eingekauft und bestreiten an diesem Freitag ihr erstes Heimspiel gegen die Wolfsburger „Grizzlys“. 4.667 Zuschauer fasst die Halle, knapp 3.000 Dauerkarten wurden verkauft.

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Moral Eine bei Eishockeyfans verbreitete Spielart der Prokrastination ist es, bei Youtube nach „Hockey Fight“ zu suchen, um sich sodann bewegten Bildern von fliegenden Fäusten hinzugeben. Wenn etwa ein gegnerischer Feldspieler den Torwart, das Heiligtum der Mannschaft, touchiert, gibt es oft nur eine Antwort: Handschuhe aus, Helm ab, Faustkampf eins gegen eins (➝ Verletzungen).

Die Schiedsrichter greifen erst ein, wenn einer der Kontrahenten am Boden liegt, in der Regel werden beide mit einer vierminütigen Strafzeit belegt. Wer es für unangemessen archaisch hält, dass gewonnene Faustkämpfe auf dem Eis als legitimes Mittel zur Stärkung der Moral eines unterlegenen Teams gelten, sei an die Worte des Familientherapeuten Jesper Juul erinnert: „Konstruktive Aggression ist wie Sexualität oder Liebe.“

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Play-offs Was für ein einziges Spiel gilt, gilt auch für die ganze Eishockeysaison: das Prinzip maximaler Kontingenz. Nach der Punktrunde, in der jede Mannschaft viermal gegen jede andere spielt, werden die Karten neu gemischt: Erster gegen Achten, Zweiter gegen Siebten et cetera – nur, wer die Play-offs im K.-o.-Modus mit je sieben Spielen pro Runde übersteht, wird Meister. Während der Play-offs intensiviert sich die ➝ Atmosphäre sogar in einer sonst schlecht besuchten Arena wie der in Wolfsburg, wo VW zur Bespaßung von Mitarbeitern einen Club unterhält und dieses sieben Millionen Euro teure Engagement infolge des Abgas-Skandals nur minimal reduziert hat.

Play-offs haben ihr eigenen Gesetze, etwa das Verbot für männliche Spieler, sich vor Ausscheiden oder Finalsieg den Bart zu rasieren. Bei Unentschieden nach der regulären Spielzeit von dreimal 20 Minuten werden so lange je weitere 20 Minuten gespielt, bis ein Tor fällt. Es war 2.35 Uhr morgens, als dies Detroit im bisher längsten Spiel nach 176 Minuten und 30 Sekunden gegen Montreal gelang. Der Endstand am 25. März 1936: 1:0.

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Sowjetunion Zu Zeiten des Kalten Kriegs halfen weder antisowjetische Propaganda noch Wayne Gretzky gegen das Kollektiv der Sbornaja. Vom gefürchteten Wiktor Tichonow in den Trainingslagern des Rote-Armee-Vereins ZSKA Moskau gedrillt, bildeten Sergei Makarow, Igor Larionow, Wladimir Krutow, Alexei Kassatonow und „Slawa“ Fetissow den besten Block aller Zeiten.

Gabe Polskys brillante Dokumentation Red Army schildert, wie Fetissow sich 1989 gegen Tichonow auflehnte, um in die NHL wechseln zu dürfen. Wie er dort mit seinem besten Freund und Verräter Kassatonow Meister wurde (➝ Play-offs) und später als Wladimir Putins Sportminister die Winterspiele 2014 nach Sotschi holte. Selbst wer mit Eishockey gar nichts anfangen kann, sollte diesen Film sehen: Er hilft, Russland heute zu verstehen.

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Türkei Kanada ist aktueller Eishockeyweltmeister. Die Nationalmannschaft gewann die jüngste Auflage des jährlich stattfindenden Turniers im vergangenen Mai in Moskau vor Finnland, Russland und den USA. Dass die Epizentren des Sports in Nordamerika und Europa liegen, ist bekannt. Eishockey wird aber auch anderswo gespielt. Die diesjährige E-WM in der Türkei gewann der Gastgeber vor Georgien, Südafrika, Luxemburg, Bosnien-Herzegowina und Hongkong.

2011 debütierte der Rosenheimer Sinan Akdağ als erster deutschen Nationalspieler mit türkischen Wurzeln. Neue Milieus (➝ Gender) für Eishockey zu begeistern, war 1981 nötig geworden, als aufflog, wie Vereine Nordamerikaner mit gefälschten deutschen Pässen ausgestattet hatten, um das Ausländerkontingent zu umgehen. Der „Passfälscherskandal“ erschütterte den eh prekären Ruf der Sportart.

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Verletzungen Zwei, manchmal drei Spiele pro Woche in der Liga, ➝ Checks und Faustkämpfe sowie mit Fuß, Oberkörper oder Gesicht geblockte Schlagschüsse von bis zu 140 Stundenkilometern – das alles fordert seinen Tribut. Die Verletzungsgeschichte Stefan Ustorfs, zwischen 1989 und 2012 unter anderem für Kaufbeuren, Washington, Mannheim und Berlin tätig, gilt als extremstes Beispiel.

Verlust zweier vorderer Schneidezähne im Alter von elf oder zwölf Jahren, später etwa ein Kieferbruch mit Verlust von acht Zähnen. Zwei Komplettschäden der linken und einer der rechten Schulter, zwei Fußbrüche links und einer rechts, vier oder fünf Risse der Bänder im Knöchel. Fünf Komplettabrisse im linken, zwei im rechten Knie. Ein Kahnbeinbruch am linken Handgelenk. Sechs diagnostizierte Gehirnerschütterungen, nach Schätzungen seines Arztes waren es bis zu 25. Ein Schädel-Hirn-Trauma beendete Ustorfs Karriere. Er klagt heute über stete Kopfschmerzen, Übelkeit, Temperamentsschwankungen. Zwar gibt es inzwischen Vorschriften zu Ausheilungsfristen, doch Erfolgsdruck und Ehrgeiz sorgen nicht selten für deren Missachtung.

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Zamboni Die Ursprünge von Eishockey werden im 16. Jahrhundert vermutet, als im heutigen Kanada auf Eis ausgetragene Ballspiele französischer Kolonialsoldaten zum einen und indigener Einwohner zum anderen verschmolzen sein sollen. Doch ohne Frank Joseph Zamboni Junior, wäre aus Eishockey nie das geworden, was es heute ist – eine überall (➝ Türkei) spielbare Massensportart.

Am 16. Januar 1901 wurde Zamboni in Utah als Sohn von Eltern geboren, die aus Südtirol und dem Piemont in die USA eingewandert waren. Er wurde Mechaniker und spezialisierte sich auf Wasser- und Kältetechnik, entwickelte Anlagen zur Herstellung von Eisblöcken, die Obst- und Gemüsehändler ihre Ware gekühlt verschicken ließen. Als dann der Aufstieg des Kühlschranks begann, suchte Zamboni ein neues Geschäftsfeld; inzwischen in Kalifornien zu Hause, eröffnete er eine Eisbahn und erfand bald darauf die Eismaschine. Messer und Besen entfernen die verbrauchte Schicht, die Schneckenwelle katapultiert die Kristalle in den Eistank, Wischwasser glättet die Furchen. Düsen saugen das überschüssige Nass auf, ein Tuch verteilt schließlich Warmwasser, um durch einen minimalen Tauprozess letzte Unebenheiten zu beseitigen.

06:00 28.09.2016
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