El Dorado unter Plastik

Spanien, Region Almeria Arbeitsnomaden aus Nordafrika versorgen die Agrarmärkte der Europäischen Union und leben zwischen Pestiziden und Abfällen

Die kleine Stadt El Ejido hat den prächtigsten Stand auf der Messe Fruit Logistika in Berlin. Das ist angemessen: um den Ort im Süden von Andalusien ist in den vergangenen 20 Jahren die größte Anbaufläche der EU für Paprika, Tomaten, Auberginen, Bohnen, Gurken, Zucchini und Melonen unter Plastikplanen entstanden. Der Messestand wird von diesen Früchten umsäumt, sie sind poliert und in Ornamenten angeordnet. Unwillkürlich geht man nah heran, um sich zu überzeugen, dass es echtes Gemüse ist. Vitamine und Spurenelemente stehen auf Tafeln, prägnant wie Emailleschilder. Auf einem Monitor laufen Bilder aus dem Inneren der Plastikhallen: Hummeln krabbeln aus Röhrchen und schwärmen aus, um die Blüten zu bestäuben. Der Ökologie gelte alle Aufmerksamkeit, heißt es dazu. Am Ende nehmen lächelnde Männer und Frauen die reifen Früchte vom Strauch und legen sie sanft in Kisten.

Haar in der Suppe

Gemeindevertreter aus der Region Almería halten auf der Messe Vorträge über Ökologie, Verpackung, Entsorgung und Distribution. Etwa 60 Besucher hören zu und fragen nach, vorzugsweise große und mittlere Händler, wie es scheint. Irgendwann fragt jemand nach den Arbeitsstandards: In der Neuen Zürcher Zeitung habe es kürzlich einen Artikel über skandalöse Bedingungen für die rund 20.000 ausländischen Arbeiter gegeben, auch über ein dreitägiges Pogrom, das am 5. Februar 2000 ausgebrochen war, genau vor vier Jahren. Was hat es damit auf sich?

Die Frage kommt für die Veranstalter nicht unerwartet. Der Moderator antwortet erst einmal selbst: Jener Artikel sei tendenziös. Zur etwa gleichen Zeit war der Fokus am Ort, und das sei schließlich ein sehr kritisches Magazin, das immer nach dem Haar in der Suppe suche. Aber in El Ejido hätten die Journalisten nur bei der Entsorgung von Plastik etwas bemängelt, nichts sonst.

Danach spricht der Vertreter der Gemeinde in ernstem Ton über den Anlass der Ausschreitungen - drei Morde an Bewohnern der Stadt seien vorausgegangen - und über den Aufruhr in der Bevölkerung deswegen. Er appelliert an das Verständnis des Auditoriums, als er die großen Probleme mit den illegalen Einwanderern schildert, die aus Marokko übers Meer kämen. Die Stadtverwaltung bemühe sich um ein friedliches Zusammenleben. Es wirkt. Diese Zuhörer sind längst überzeugt, dass man es überall schwer mit den Flüchtlingen habe, die in unsere Wohlstandswelt hereindrängen.

Nur kommen die Arbeiter nicht ungerufen oder ungewollt nach El Ejido - man braucht sie dringend. Die Einwanderer ohne Papiere sind in ihrer Rechtlosigkeit ideale Arbeitskräfte. Sie sind eine verfügbare Masse und stehen in Stoßzeiten immer zur Verfügung. Die spanischen Gemüsebauern können sie von einem Tag auf den anderen holen. Sie müssen ihnen nichts bezahlen, wenn sie krank sind oder keine Arbeit da ist. Ohne diese Wanderarbeiter gäbe es kein billiges Gemüse in unseren Supermärkten und keine Riesengewinne für die einheimischen Bauern, die zu Unternehmern geworden sind.

Um El Ejido breitet sich ein weißes Meer aus Plastikfolien, eine surreale Landschaft, nicht weit von den Touristenstränden. Aus bestimmten Perspektiven wirkt die Oberfläche wie Wasser, dann wieder scheint sich ein endloses Schneefeld auszubreiten. Die weiße Fläche ist aus dem All sichtbar. Nirgendwo sonst auf der Welt gibt es bisher eine solche Ausdehnung von Plastiktunneln, obwohl immer mehr südeuropäische Küsten mit ihnen zuwachsen.

In den sechziger und siebziger Jahren war das trockene und herbe Gebiet zwischen Meer und Gebirge Kulisse für Italowestern. Franco hatte auf diesem kargen Boden nach seinem Sieg über die Republik 1939 arme Bauern ansiedeln lassen. Sie blieben elend, als Gastarbeiter zogen sie in den Norden Spaniens oder ins Ausland. "Eine Randzone zur Dritten Welt", nannte Juan Goytisolo die Region. In den vergangenen zwei Jahrzehnten aber sind die Bauern reich geworden. Wasser wird jetzt aus tiefen Schichten hochgepumpt. Die Sonne, unter der sie früher litten, ist nun ihre Verbündete geworden. Im Winter - der Hochsaison - verlassen täglich 1.000 LKWs den Ort. Die Hälfte der Produktion geht nach Westeuropa. Doch über die Preise entscheiden Handelskonzerne, und die Gemüsebauern stehen unter Druck. Von dem, was über den Verbraucherpreis letztlich verdient werde, bleibe ihnen nur ein Zehntel, heißt es.

Pogrom gegen Marokkaner

Junge Männer aus Nord- und Schwarzafrika, die in Booten an der andalusischen Küste stranden, finden ihre ersten Schlafstellen in Lagerhallen neben Säcken mit Pestiziden. Später dürfen sie zwischen den Gewächshäusern Hütten aus Plastikabfällen bauen. Manche mieten sich in den verfallenden Bauernhäusern ein, für drei Euro pro Tag und pro Person, ein Nebengeschäft für die Besitzer. In der Stadt will man sie nicht sehen. Sie sollen sich unsichtbar machen, sollen in ihrer Parallelwelt verborgen bleiben. Dort überleben an die 20.000 Männer ohne Familie, ohne Ärzte, ohne Orte der Begegnung und Entspannung wohl nur dank einer starken Solidarität.

Die Eigentümer verstecken ihre Arbeiter nicht nur, sondern versuchen auch, jede Form von Organisation unter den hereingeschwemmten billigen Arbeitsnomaden im Ansatz zu verhindern. Von den Marokkanern - in El Ejido die Mehrheit - haben viele zu Hause eine Ausbildung absolviert, sie kommen nicht ganz ohne Selbstbewusstsein. Sie zeichneten sich in der Vergangenheit durch ihren Zusammenhalt aus. Die ersten begannen, sich in die Stadt zu integrieren, durch Heirat, und indem sie Läden eröffneten. Die Überfälle im Februar vor vier Jahren richteten sich eindeutig gegen sie, andere Nationalitäten wurden in Ruhe gelassen. Der Mob von El Ejido brannte Geschäfte und Hütten der Marokkaner nieder. Zertrümmert wurde auch das Büro der Frauenorganisation Mujeres Progresistas, die sich um die illegalen Arbeiter kümmert. Diese Frauen aus El Ejido - damals zählte die Organisation 600 Mitglieder - zogen die stärksten Aggressionen auf sich: durch sie wurde das beliebte Ressentiment widerlegt, Frauen dürften sich nicht in die Nähe von Marokkanern wagen.

Erst überregionale Polizeikräfte beendeten den dreitägigen Amoklauf. Die Behausungen von 500 Marokkanern waren verbrannt, sämtliche Läden und Bistros zerstört. Seither sind die ohnehin diffizilen Beziehungen zwischen Einheimischen und Zuwanderern völlig aus dem Lot.

Nach den "Tumulten" - wie die Ereignisse in El Ejido genannt werden - traten die Arbeiter in den Streik. Die bäuerlichen Unternehmer, ja die ganze Stadt, erschraken. Sie ließen sich sofort auf Verhandlungen ein - Gemüse und Obst stellen schließlich ihr Wachstum nicht auf Befehl ein. Am dritten Tag schon gab es eine Vereinbarung: Neuer Wohnraum, Entschädigungen, ein Tarif von 4,11 Euro pro Stunde, langfristige Verbesserungen.

Nichts davon wurde Realität. Weder die Wohnbedingungen noch die Bezahlung von durchschnittlich zwei Euro pro Stunde änderten sich. Im Gegenteil, vor zwei Jahren begannen gut getarnte Schlägerbanden einzelne Marokkaner zu überfallen. Die Rechte übt hier in altbekannter Weise Terror aus - gedeckt von einer rassistischen Politik des Bürgermeisters Juan Enciso vom Partido Popular (PP), der spanischen Regierungspartei. Er hat das demagogische Talent, bei jedem Problem mit einem Einwanderer dessen gesamte Gemeinschaft anzuklagen. Als die einheimischen Bauern durchfahrende LKW mit billigen Tomaten aus Marokko umkippen, bestätigt sie der Bürgermeister in ihrer Raserei und scheut sich nicht, die Wut zugleich auf die Arbeiter zu lenken, die aus dem Land des verhassten Konkurrenten stammen.

Neuzugänge aus dem Osten

Der Pogrom im Jahr 2000 hatte erstmals eine größere Öffentlichkeit aufgestört. Gewerkschafter, Europaabgeordnete, Anwälte und Journalisten reisten auf Initiative des Europäischen Bürgerforums (EBF) nach El Ejido. Ein Ergebnis ihrer Erfahrungen war die Dokumentation Anatomie eines Pogroms. Es entstanden außerdem der französische Dokumentarfilm El Dorado de plastique und ein erster Spielfilm: Poniente. Im kommenden Monat wird das EBF eine neue Untersuchung veröffentlichen.

Die kleine, unabhängige andalusische Landarbeitergewerkschaft Sindicato de Obreros del Campo (SOC) engagiert sich nun in El Ejido und wird von der französischen Confédération Paysanne (CP) unterstützt. So bilden sich neue Bündnisse. Die SOC will in der Zone der Gewächshäuser Orte für Zusammenkünfte, Informationen und Begegnungen schaffen. Ihre beiden Vertreter in El Ejido erhalten seitdem Morddrohungen. Und die sind ernst zu nehmen, so lange keine Aufmerksamkeit von außen die Rechten zum Rückzug zwingt.

Als der Berliner Wirtschaftssenator die Messe Fruit logistica besuchte, forderte ihn ein Verein für die Wiedereinführung von Vogelscheuchen in der Landwirtschaft mit einigen Dutzend Leuten auf, eine Delegation nach El Ejido zu schicken, die sich ein Bild über die Zustände macht. Berlin ist schließlich Großabnehmer der Region. Niemand möge sich aber mit dem Gedanken beruhigen, El Ejido sei eine Ausnahme. Von Großbritannien über die Niederlande, Frankreich, Deutschland bis hin zur Schweiz haben alle Staaten ihre Praktiken, um in die bedürftige Landwirtschaft Hunderttausende von Saisonarbeitern zu holen, sie unter Kontrolle zu halten, aber keine soziale Verantwortung zu übernehmen.

Geblendet vom Boom, den ihnen der europäische Gemüsemarkt beschert hat, misshandeln die Bauern von El Ejido ihre Landschaft. Vor einer Generation noch bitter arm und selbst Auswanderer, beschädigen sie auch ihre Gemeinschaft, indem sie Tausende Arbeiter verleugnen und hassen, die sie doch brauchen. Sie verwandeln sich unmerklich in eine giftige, rassistische Gesellschaft und zersetzen die eigenen sozialen Beziehungen. Dabei hat El Ejido eine besondere Achillesferse: das Wasser, das eines Tages ausbleiben oder zu teuer werden könnte. Dann würden sich die Großmärkte unweigerlich anderen Produzenten mit vielleicht noch gigantischeren Gewächshäusern zuwenden.

Im Augenblick ist die Gefahr noch fern, und zumindest Arbeitssklaven scheint es in Überfülle zu geben, mehr als Wasser: Seit einigen Jahren hört man hier auch Polnisch, Rumänisch, Ukrainisch. Diese neuen Wanderarbeiter, von einer eigenen Mafia herangeschleppt und kontrolliert, akzeptieren angeblich noch niedrigere Löhne als die Marokkaner.

2 cellpadding=10 cellspacing=2> Das andalusische Wunder

El Ejido, die Stadt in der Provinz Almeria im Süden Andalusiens, zählt 40.000 Einwohner, in ihrer Umgebung liegen für den Gemüse- und Obstanbau 32.000 Hektar Land unter Plastikfolien. Seit Spanien 1986 der EU beigetreten ist und billige Arbeitskräfte vorzugsweise aus Nordafrika ins Land strömen, ist auch die Region von Poniente als Agrarerzeuger erheblich aufgewertet worden. Heute geht die Hälfte der Produkte in die EU-Staaten Westeuropas - etwa 70 Prozent davon erreichen Deutschland.

Nach einer offiziellen Statistik der Gemeinde sind inzwischen über 40 Prozent der Beschäftigten Marokkaner, Tunesier oder Senegalesen. Seit kurzem kommen Wander- und Saisonarbeiter auch aus Osteuropa. Die genaue Zahl der in El Ejido derzeit beschäftigten Ausländer ist unbekannt.

00:00 20.02.2004

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