Elefant auf Pluto

Pop Die Frickelveteranen von Mouse on Mars legen ihr neues Album vor, und plötzlich ist alles anders. Man wünscht sich einen Staat, der diese Klänge als Soundtrack hat

Es ist an der Zeit für ein Geständnis. Irgendwann Mitte der Nullerjahre habe ich mich nach einem Jahrzehnt der euphorischen Hingabe etwas von Mouse On Mars entfernt. Nicht derart, dass mir plötzlich wirklich kritische oder gar böse Worte über Andi Toma und Jan St. Werner über die Lippen gekommen wären. Doch war die magnetische Anziehungskraft der Neugierde verloren gegangen, die sie in den Jahren nach den fulminanten ersten Veröffentlichungen Vulvaland (1994) und Iaora Tahiti (1995) und bis hin zu den Platten auf dem Chicagoer Label Thrill Jockey als Aura zu kultivieren wussten. Ich meinte, plötzlich zu wissen, wie das jeweils neue Material klänge (eben nach charmanter Frickel-Electronica), ohne es en détail wahrgenommen zu haben, der Drang dazu hatte einem wohlwollenden Gestus der Popverwaltung Platz bereitet.

Warum ich das jetzt gestehe? Nun, zum einen da ich alt genug bin, um zu meinen Fehlern zu stehen, vor allem aber da ich mich nach einigen Jahren dieser Praxis (einzige Ausnahme war Von Südenfed, die Kooperation mit The-Fall-Sänger Mark E. Smith) auch Dimensional People mit dieser selbstgefälligen Arroganz näherte – um mit Schamesröte festzustellen, dass die Mouse On Mars, die ich zu kennen wähnte, schon lange nicht mehr hier wohnen, sondern wo ganz anders hingezogen sind.

Ungehörtes Zwittergenre

Es klopft. Und es pocht. Dimensional People I beginnt in einem Zustand der Unruhe, mit einer Spannung, für die man als Hörer alles zu geben bereit ist. Schließlich verspricht sie Abenteuer. Ungehörte Klänge. Neues Terrain. Und wenn dann das Saxofon von Mike Lewis einsetzt, warm und gleichmäßig, fühlt man sich emotional aufgehoben für die anstehenden Herausforderungen: das hohe Tempo (145bpm ist die taktgebende Nummer), das nervöse Schlagzeug, die aufgeregte Stimmung.

Der Jazz-Approach des dreiteiligen Titelstücks kommt in Dimensional People II noch deutlicher zur Geltung. Abrupt wandelt sich die Dynamik, bremst geradezu ab und nistet sich in einem Loop ein. Fühlte man sich gerade noch an Carl Craigs Innerzone Orchestra erinnert, so rücken nun die frühen Tortoise als Referenz in den Vordergrund, also jene Phase der Band aus Chicago, als diese mit ihren Veröffentlichungen auf Thrill Jockey im Geiste von Dub und Electronica das zu diesem Zeitpunkt verstaubte Genre Jazz einem Urknall gleich zurück auf die Sound Map setzte, mittenrein zwischen die gerade erst fusionierten Indie- und Techno-Hörgewohnheiten.

Doch kaum meint man Dimensional People für sich verstanden zu haben, legen sich schon die nächsten Deutungen auf die Zunge und klingt die Musik wie ein ungehörtes Zwittergenre aus Cool Jazz, Frickel-Electronica und Dancemusic. Urplötzlich meint man auch noch eine Stimme zu vernehmen. Doch es dauert, bis man sich sicher ist, dass da wirklich Justin Vernon (Bon Iver) singt und nicht nur sein Geist durch den Klangraum weht.

Wie sehr Dimensional People das Bild von Mouse On Mars umkrempelt, zeigt aber erst Foul Mouth. Das Stück mäandert in seiner dreiminütigen Existenz von verstrahltem Psychedelic-Ambient über Footwork hin zu Crooner-Soul. Die Linernotes legen nahe, dass hier Zach Condon und Amanda Blank singen; gehört hätte ich es nicht. Dimensional People ist das Ergebnis eines extrem offenen Dimensional-Mixing-Austauschs mit über 40 Musikern (darunter Aaron und Bryce Dessner von The National, Eric D. Clark und Lisa Hannigan) im Paraverse 4 Studio von Mouse On Mars im Funkhaus Berlin sowie im temporären Camp im Berliner Michelberger Hotel.

Während des Arbeitsprozesses sollte Dimensional People noch den Titel New Konstruktivist Socialism tragen. Gepasst hätte er sehr gut zum inneren Wesen dieses Albums, da sich in dieser Bewegungskreation Widersprüche und Sehnsüchte so wunderbar mit scharfzüngigem Humor vereinen. Diese Musik könnte den Soundtrack zu einem Staat geben, der klaren Bewusstseins und voller Ambition im sozialistischen Geiste handelt und einen New Deal ausruft, der die ökonomischen Klüfte in unseren Gesellschaften wieder verkleinert und allen Sicherheiten und Wachstum bietet.

Stattdessen haben sich Andi Toma und Jan St. Werner dazu entschieden, die Leute in den Vordergrund zu stellen und das (wiederum dreiteilige) Parliament of Aliens auszurufen. Eine Arche Noah für Musikerinnen und Musiker, die Naturromantik, Technologieoptimismus, bewusstseinserweiternde Freiheit und kollektive Träume in sich aufnimmt. Es ist der Glaube an die Revolution von innen, an unsere Fähigkeit, die eigenen Egobefindlichkeiten aufzugeben und uns in einem kollektiven Zustand aufzulösen. Auch wenn wir es nicht ganz verstehen, was da vor sich geht. Oder wie es der an LSD-Experimenten und Zappa-Politsarkasmus gewachsene Swamp Dogg in Résumé ausdrückt: „In my résumé what will I say if it’s time for the write?“ Bis Mouse On Mars das ihrige schreiben, dürfte noch einige Zeit zum Drübernachdenken vergehen. Ich bin jedenfalls ab sofort nicht mehr so ignorant, zu denken, bereits alles von Andi Toma und Jan St. Werner gehört, gesehen und geraucht zu haben.

Info

Dimensional People Mouse On Mars Thrill Jockey 2018

06:00 10.05.2018

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