Endstation

Angst Der Untergang von New Orleans offenbarte eine seit langem grassierende Armut

Selbst Stadtviertel hatten hier so klangvolle und bedeutungsschwangeren Namen wie "Sehnsucht" und boten poetisches Material für Literaten wie Mark Twain, William Faulkner und Tennessee Williams, wie man es nicht besser hätte erfinden können. Auf der amerikanischen Landkarte, die für gewöhnlich Aussichten auf ein generisches Gemenge aus Starbucks- und Walmart-Filialen bietet, war New Orleans eine der hervorstechendsten Städte, und zugleich eine der verklärtesten. Wie kaum ein anderer Ort war die legendäre Geburtsstätte des Jazz eine Projektionsfläche für Amerikas Sehnsüchte nach Hochkultur und "savoir vivre", und als Touristenattraktion versuchte die verarmte Stadt, diesen Mythos mit allen Kräften aufrecht zu erhalten.

Im konservativen Süden Amerikas gelegen, sorgte das Aufeinanderprallen von afro-amerikanischer, französischer, spanischer und deutscher Kultur in der feuchtheißen, immer schon von Katastrophen geplagten Metropole für ein Klima aus hedonistischer Lebensfreude und fatalistischer Melancholie - ein exotisches Lebensgefühl, das für das puritanische Amerika ebenso fremd wie faszinierend war, und Ausdruck fand in der pittoresken Architektur des French Quarters und des Garden Districts, dem hemmungslos frivolen Mardis Gras-Karneval oder der feurigen Cajun-Cuisine.

Statt nostalgischer Amüsiermeilen und berauschenden Wäldern aus Jasmin und Oleander bietet New Orleans seit anderthalb Wochen das Bild einer Todesgrube aus Leichen, Fäkalien und Tierkadavern - Bilder, die man sonst nur aus krisengeschüttelten Entwicklungsländern kennt. Die mit der Stadt verbundenen Sehnsüchte Amerikas schlugen binnen weniger Stunden in seine mächtigen, kollektiven Ängste um, und nach dem Versagen der amerikanischen Regierung lieferten sie die Grundlage für eine explosive Mischung aus tief empfundener Wut und verzweifelter Trauer.

Plötzlich wurden seit Jahrzehnten latente Befürchtungen zu erschreckend realen Tatsachen. Nicht nur die grassierende Armut der Bevölkerungsschichten, die von einem immer schlanker werdenden Staat im Stich gelassen werden, geriet auf einmal ins Blickfeld. Auch eine Diskussion um einen immer noch schwelenden Rassismus brach plötzlich aus, ein Novum seit der Civil-Rights-Bewegung. Die Klimaveränderung wurde zum Gesprächsthema, die immer stärkere Wirbelstürme über dem Golf von Mexiko hervorbringt, der sich im letzten Jahrzehnt um zwei Grad Fahrenheit erwärmt hat. Auch das Trauma der Ölkrise der 1970er Jahre ist mit schwindelerregenden Benzinpreisen zurückgekehrt und wirft quälende Fragen über die Zukunft der riesigen Ölverbrennungsmaschinerie Amerika auf.

Selbst das Gespenst des Terrors trat unter anderen Vorzeichen wieder ins öffentliche Bewusstsein. Ebenso wie beim 11. September 2001, dessen vierter Jahrestag als bedeutungsschweres Omen über der New Orleans-Katastrophe schwebt, brach mit der Flut unbarmherzig die Wirklichkeit über Amerika herein. Die erschütterndste Erkenntnis ist dabei die Leichtigkeit, mit der die Zivilgesellschaft der Weltmacht zusammenbrechen kann. Der nach dem Anschlag auf das World Trade Center gegründete Krisenstab der Homeland Security scheint auf Katastrophen mit solchen Ausmaßen immer noch nicht im entferntesten vorbereitet zu sein, obwohl dies seine einzige Aufgabe ist. Selbst die Reservearmee der kanadischen Regierung, die Royal Canadian Mounties, schaffte es schneller ins Krisengebiet als die Truppen des amerikanischen National Guard.

George W. Bush, der selbsterklärte Visionär des "mitfühlenden Konservatismus" und der "Kultur des Lebens", gab mit seiner Tatenlosigkeit zu Beginn der Katastrophe unfreiwillig zu verstehen, dass das Sterben der Ärmsten der Armen seiner Bevölkerung nicht besonders viel Mitgefühl in ihm hervorruft. Stattdessen stellten sich die republikanischen Spindoktoren auf einen ideologischen Publicity-Blitzkrieg ein, um das Versagen der Regierung in einen Erfolg umzudeuten. Jede Kritik am Präsidenten wurde sich wieder einmal aus moralischen Gründen verbeten. Das Leiden der Flut-Opfer solle nicht für politische Zwecke instrumentalisiert werden. Man kann nur hoffen, dass die amerikanische Mainstream-Öffentlichkeit nach dem tragischen Untergang eines Großteil ihres kulturellen Erbes ihrem neu gefundenen Realitätsgefühl treu bleibt und sich nicht von kritischen Fragen abhalten lässt.


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