Er weiß es doch auch nicht

Coronakrise Männer scheinen es schwerer aushalten zu können, nicht Bescheid zu wissen. Woran liegt das?
Er weiß es doch auch nicht
Experten unter sich: „Mahnwache für das Grundgesetz“ in Stuttgart

Foto: Arnulf Hettrich/Imago Images

Attila Hildmann ist nicht mehr „vegan for fun“, er ist „vegan for freedom“. Der Starkoch und Bestsellerautor, den das Berliner Stadtmagazin tip einmal zum peinlichsten Berliner kürte, will sich nicht länger Rezepten mit Mandelmus widmen, sondern der Verteidigung von Freiheit und Demokratie. Theatermann Frank Castorf möchte sich nicht die Hände waschen. Peter Altmaier möchte Autos bauen. Der Musiker Xavier Naidoo bekommt Kopfschmerzen vom Mundschutz. NRW-Mann Armin Laschet will endlich neue Möbel. Die Bundesliga will spielen. Leben wir in der Zeit, in der auch wirtschaftlich abgesicherte Männer das erste Mal eine Erfahrung machen, die sie als Unterdrückung wahrnehmen? Und dafür auf die Straße gehen?

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Es ist zum wahnsinnig werden, dass nun die ersten, die wieder demonstrieren gehen, sofort ein Sammelbecken für alle Themen eröffnet haben, die an den aktuell zu bearbeitenden Problematiken vorbeigehen. Wäre ich Verschwörungserzählerin, würde ich jetzt sagen, Greta hat zusammen mit unterbezahlten Altenpflegerinnen aus Kroatien den Coronavirus gebaut und den Zeitpunkt abgepasst, an dem wieder ein Dürresommer bevorsteht, damit die Bewegung für das Klima und besser bezahlte Pflege auch wenigstens ein Mal ein bisschen sowas wie eine Lobby hat.

Ökologische und feministische Veränderungswünsche sind in den vergangenen Jahren etwas lauter vernommen worden: Es war nicht mehr ganz so einfach, auf das Klima zu scheißen, es war nicht mehr ganz so einfach, auf fehlende Frauen und deren Ausbeutung in allen möglichen beruflichen Kontexten zu scheißen und es ist jetzt überdeutlich, dass Frauen die körperliche und emotionale Pflege- und Erziehungsarbeit für den Großteil der Welt leisten, die eigentlich die systemrelevanteste ist, die wir haben. Wir sind alle auf verschiedenste Weisen voneinander und von der Biosphäre abhängig und an vielen Punkten unserer gesellschaftlichen Infrastruktur ist es mittlerweile sinnvoller denn je, wenn sie nicht von privaten Unternehmen und Technikmonopolen bestimmt werden. Steuerung erscheint plötzlich in vielen Bereichen möglich. Deutlich wird, dass unsere vielen Abhängigkeiten zum Überleben anders organisiert sein müssen, an vielen Stellen globaler, an anderen regionaler. Das Gespräch über den Weg könnte beginnen.

Denn lockdownartige Zustände werden sich nur häufen, wenn es so weitergeht, wie bisher. Mit Lockdown kommen viele nicht gut klar und einige werden gewalttätig. Ist der Sicherheitsmann, der in Michigan von Vater und Sohn vor dem Supermarkt erschossen wurde, weil er die Familie auf die Mundschutzpflicht hingewiesen hatte, auch ein Coronatoter?

Feministisch gewendet erleben wir gerade auf der einen Seite die Stunde der rationalen, technokratischen Helden und auf der anderen die Trotzreaktionen gekränkter Männerseelen, die es nicht ertragen, dass sie sich nicht so viel und selbstverständlich Raum nehmen dürfen, wie sonst. Es geht gerade mal nicht die ganze Zeit um ihre Bedürfnisse. Das scheint hart zu sein. Die Extremen von ihnen fangen an zu schießen. Friedfertigere stellen sich eine Shampooflasche auf den erigierten Penis und twittern ein Foto davon (#Shampoobottlechallenge).

Wo sind die trotzigen, wütenden Frauen? Sie haben keine Zeit, sie müssen weiterarbeiten oder sich im Homeoffice auf Kinder, Homeschooling und Küche konzentrieren. Und viele sind es leid, sich zurückzunehmen, weil Frausein genau das bedeutet hat, seit die Frau aus der Rippe Adams geformt wurde, um seine Kinder auszutragen und seine Seniorinnen zu waschen. Die eigenen Bedürfnisse zurückstellen, weil anderes gerade relevanter ist: Damit haben Frauen die meiste Zeit gelebt und die meisten tun es immer noch jeden Tag.

Mit Unsicherheit umgehen und diese zugeben, keine Antworten behaupten, wo nur Fragen stehen – das können gerade die Politikerinnen besser, wie etwa die neuseeländische Labour-Politikerin Jacinda Ardern, die finnische Sozialdemokratin Sanna Marin oder die US-Demokratin Alexandra Ocasio-Cortez. Das liegt nicht daran, dass ihre Biologie das so vorsieht, sondern dass sie in Sachen Risiken und Problemmanagement Profis sind und durch das viele Erziehen und Pflegen ihre Amygdala so gut trainiert haben. Die Amygdala ist jener Teil des Gehirns, der für Gefahrenanalyse, Angst und emotionale Bewertung und Einordnung zuständig ist. Das kann man von der Journalistin Mai-Thi Nguyen-Kim lernen. Genau wie eine Lektion in den Fallstricken und Fehlbarkeiten von Wissenschaft.

Wenn Männer schon länger und mehr Erziehungsarbeit getan hätten, wäre ihre Amygdala vielleicht ausgeprägter. Sie bildet sich durch Übung weiter aus. Einmal mehr wird klar: Biologismen sind die Ausreden dafür, nichts zu verändern. Täten sie das, könnte ein kollektiver Lernprozess beginnen, an dessen Anfang die Erkenntnis steht, dass vielleicht auch ein paar Expertinnen wie die Politökonomin Maja Göpel oder die Sozialwissenschaftlerin Gabriele Winker zurate gezogen werden könnten. Damit wir über den virologischen und ökonomischen Tellerrand schauen und ökologische und familienpolitische Expertise sehen dürfen, die bei der Prioritätensetzung von Maßnahmen unabdingbar ist.

In den zynischen Verhältnismäßigkeiten vieler Männer steht nämlich leider gerade das Bedürfnis nach Bundesliga und Autos an erster Stelle. Ich wette, wenn mehr Feministinnen regierten, würde es stärker um das Wohlergehen belasteter Familien und Mitarbeiterinnen aus dem Logistik-, Pflege- und Gesundheitssektor gehen. Auch wenn es natürlich im Sinne der Gesundheit wäre, wenn viele Männer ihre geschundenen Nerven wieder beim Fußball etwas betäuben könnten, dafür habe ich größtes Verständnis, besser als schießen ist das.

06:00 22.05.2020

Ausgabe 22/2020

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