Erstens kommt es anders ...

Das eigene Fremde "Sorry for Kung Fu" von Ognjen Svilicic erzählt von den Schwierigkeiten familiärer Annäherung im heutigen Kroatien

Im Festivalkatalog des "Internationalen Forums des Jungen Films", in dessen Programm Sorry for Kung Fu 2005 zu sehen war, beschreibt Regisseur Ognjen Svilicic seinen ersten Langspielfilm in etwas unglücklicher Verkürzung als "Komödie über eine fremdenfeindliche kroatische Familie" - Schlüsselreiz für alle, die Kroatien a priori eine xenophobe Mentalität unterstellen. Doch schon bald entpuppt sich Sorry for Kung Fu als eine mit leichter Hand inszenierte Variation eines globalen Themas - was passiert, wenn moderne Zeiterscheinungen auf anachronistische Gesellschaftsverhältnisse treffen?

Sorry For Kung Fu (Oprosti za Kung Fu) erzählt die Geschichte der jungen Mirjana, die nach dem Ende des Krieges schwanger aus dem deutschen Exil in ihr kroatisches Heimatdorf zurückkehrt. Dort war Krieg, doch ansonsten hat sich nur wenig verändert. Hier im steinigen Hinterland der Adriaküste, nahe der Grenze zur Herzegowina, geben die ewig grantelnden Männer nach wie vor den Ton an. Das tun sie vorwiegend schweigend, genauso wie ihre Ehefrauen, die sich in ihre Rollen fügen. Ansonsten streicht die Sonne malerisch über die karstigen Berge hinter der Dorfstrasse, auf der ein Heiratsvermittler seine Runden dreht und von Mirjanas Vater aufgefordert wird, ihr einen Mann zu finden. Der lang ersehnte Enkel soll das gleiche "Blut" wie die gesamte Familie besitzen, den Stammbaum im Geiste von Tradition und Nation fortsetzen. Umso größer ist das Entsetzen, als sich der Sprössling bei der Geburt als Junge mit asiatischen Gesichtszügen entpuppt. Die Familie ist geschockt, die junge Mutter wird fortan gemieden.

Der asiatische Enkel macht auch den Patriarchen im Hinterland klar, dass die Globalisierung in alle Winkel der Erde dringt, im Falle von Mirjana durch eine kurze Liebschaft in Deutschland. Sorry for Kung Fu protokolliert die Genese eines Familienkonflikts, der sich am seidenen Faden vorgegebener Rollenmuster abspulen soll. Doch schon bald geraten die Dinge außer Kontrolle, und die Versuche, rustikale Überzeugungen mit Sturheit und wider besseren Wissens durchzusetzen, enden in Situationskomik oder tragischem gegenseitigen Unverständnis - etwa, wenn der patriarchalische Großvater als letzter im Dorf erfährt, dass der lang ersehnte Enkel Halbasiate ist. Dabei wird mehr gemuffelt als geredet, und der kurze Rüffler, mit der der schwer Lungenkrebskranke am Ende seine Tochter zum zweiten Mal ins Exil verabschiedet, ist durchaus als Liebesbeweis zu werten. Svilicic macht seinen Protagonisten ihre Haltung nicht zum Vorwurf, die Wärme, mit denen er ihnen begegnet, erschließt sich genauso wie die von Vedran S?amanovics zurückhaltender Kamera in Szene gesetzte Schönheit der karstigen Landschaft auf den zweiten Blick. Eine Studie über die Schwierigkeit zwischenmenschlicher Wiederannäherungsversuche, inszeniert als lakonische Gegenwartsprosa mit einem Gespür für die kollektive Gefühlslage in ländlichen Regionen.

Sorry For Kung Fu startet in Deutschland mit nur einer Kopie; einer der vielen Kleinststarts, die derzeit Unsicherheit in der Kinobranche verbreiten, weil sie, so die Klage aus den Redaktionsstuben der Feuilletons, nicht mehr zu verwalten seien, weder von den Filmjournalisten, noch von den Kinos und von ihren Zuschauern. Beim Verleih berichtet man dennoch von einem "vergleichsweise hohen Medieninteresse" - zwei Sichtweisen in einer Kinolandschaft, die, während weithin vergeblich auf den großen Wurf gewartet wird, einige kleine Perlen an die Oberfläche spült.


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00:00 16.06.2006

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