Ertränkte Welt

Künstliche Flut Ein Staudammprojekt im sudanesischen Niltal zwingt tausende Bauern zur Flucht in die Wüste. Die Ethnologin Valerie Hänsch hat sie über mehrere Jahre immer wieder besucht

Juli 2008. Es ist keine Zeit zu verlieren an diesem heißen Sommertag. Ahmed (alle Namen geändert) packt eilig zusammen. Noch ein paar Meter, dann hat der Nil sein Gehöft erreicht. „Wir gehen raus, hoch auf die Felsen“, sagt er. Ist es der neu gebaute Damm, der den Nil anschwellen lässt? Ahmed weiß nicht, wie weit der Fluss noch steigt, niemand weiß es. Gesicherte Informationen von den Behörden bekommen die Bauern nicht.

Etwa fünf Kilometer flussaufwärts befindet sich der Nil noch einige Meter unterhalb der Uferkante. Zeinab geht wie jeden Morgen durchs Dorf hinunter zum Fluss, um frisches Wasser zu holen. Dann tränkt sie die Schafe und Ziegen. In der Nacht ist das Wasser etwas angestiegen. „Das ist die jährliche Nilflut“, erklärt ihre Schwiegermutter. Sie setzt jedes Jahr um diese Zeit ein. „In manchen Jahren steigt der Fluss sogar bis zu den Häusern an.“

Doch es ist nicht nur die normale Flut – gleichzeitig ist auch der Damm in Betrieb genommen worden. Etwa 50 Kilometer Luftlinie flussabwärts von Ahmeds und Zeinabs Heimat, dem Land der Manasir, begann 2003 der Bau des Merowe-Staudamms, damals das größte Dammprojekt Afrikas. Die Kosten werden auf umgerechnet etwa 1,5 Milliarden Euro geschätzt. Hauptsächlich kommen die Darlehen aus den Golfstaaten und aus China. Die deutsche Firma Lahmeyer International GmbH ist mit der Beratung, Planung und Bauüberwachung beauftragt. Der Damm ist Teil eines Modernisierungsplans des Nordsudans, mit dem sich die Machthaber in Khartum eine starke Position versprechen, auch im Fall einer Abspaltung des Südens. 1250 Megawatt Strom soll der Damm einmal produzieren und damit die Stromproduktion des Landes verdoppeln.

70.000 Bewässerungsbauern müssen dem Damm weichen. Die Manasir stellen mit 67 Prozent die größte der drei umzusiedelnden Gruppen dar. Ihre Nachbarn flussabwärts, die Shaiqiyya von Hamdab und Amri, sind bereits umgesiedelt worden.

Sie waren nicht informiert

Einige Tage nach Beginn der Überschwemmung hat der Fluss das Gehöft von Zeinab umschlossen. Der Nil steigt jetzt sehr stark. „Wir ertrinken“, ruft ihre Schwiegermutter. Im Wettlauf gegen den Fluss schiebt sie den Hausrat immer weiter den Fels empor. Nachts ist nicht an Schlaf zu denken, mit lautem Getöse stürzen die Lehmhäuser im Wasser zusammen. Tagsüber rettet jeder, was er kann, und flüchtet auf die Berge der angrenzenden Wüsten. Vieles muss zurückgelassen werden. Die Männer errichten improvisierte Hütten aus Holz und Palmwedeln. Hilfslieferungen, die von der Vertretung der Manasir organisiert werden, bringen notwendige Nahrungsmittel.

Niemand hatte mit einer Aufstauung des Nils zeitgleich mit der jährlichen Flut gerechnet – die zugesagten Siedlungsgebiete waren nicht fertig, ein zugesicherter Besitzstandszensus war noch nicht erfolgt. Von offizieller Seite wurden die Manasir weder über den Beginn der Aufstauung noch über Ablauf und Ausmaß der Überflutung informiert. Die Situation ist für die Bauern schwer einzuschätzen, Gerüchte verbreiten Verunsicherung. Schockiert sehen sie auf ihr zerstörtes Land hinunter.

In dem jahrelangen Planungsprozess des Damms hatten die Manasir eine eigene Vorstellung der Umsiedlung entwickelt: Die Mehrheit der Bauern wollte im eigenen Land um den künftigen Stausee siedeln, der eine Länge von etwa 180 Kilometern erreichen und eine Fläche von 800 Quadratkilometern bedecken soll. Dennoch baute die Regierung zwei Umsiedlungsprojekte in den Wüsten des Nordsudans, weit weg vom Fluss. Am Nil besitzen die Bauern eigenen Grund, auf dem sie Weizen, Hirse und Dattelpalmen anbauen. In den staatlichen Umsiedlungsprojekten sehen sie sich den Regeln der Verwaltung unterworfen, die bestimmt, wann das Nilwasser zur Bewässerung auf die Felder gepumpt und welches Getreide angebaut wird. Zudem liegt das Projekt in der Wüste. Am Nil aber, sagen die Manasir, können sie ihre eigenständige Lebensweise, ihre Autonomie aufrechterhalten. Hier wissen sie ihr Land fruchtbar zu machen, hier kann jeder mit der eigenen Dieselpumpe Bewässerungsfeldbau betreiben.

Nach etlichen gescheiterten Verhandlungsversuchen mit der Dammbehörde und Auseinandersetzungen mit der Regierung erreichte die Vertretung der Manasir lange vor der Flutung eine Übereinkunft: Die zentrale Regierung garantierte den Bau von sechs Siedlungsgebieten um den zukünftigen Stausee.

Zehn Monate lang steigt der Nil an, bis in den Mai 2009. Mehrere Male müssen Ahmeds und Zeinabs Dorf vor dem steigenden Wasser weiter in die Wüste flüchten. Aus dem Fluss wird ein See, an dessen kargen Ufern Flüchtlingslager entstehen. Während das Wasser steigt, besucht der sudanesische Präsident Omar al-Bashir das Gebiet. Sich ahnungslos gebend, zeigt er Erschütterung und verspricht Aufbauhilfe.

"Wo hätte ich hingehen sollen?"

Das größere der beiden staatlichen Umsiedlungsprojekte, al-Mukabrab, liegt etwa 200 Kilometer entfernt, nahe der Stadt el-Damer. Trabantendörfer erheben sich in der Einöde, der Nil ist 30 Kilometer weit weg. Über Kanäle wird das Wasser von einer zentralen Pumpstation am Fluss auf die Felder geleitet. „Ich bin alt, ich habe keine Kraft, mein überflutetes Land neu aufzubauen“, sagt ein Mann, der in dem großen Bewässerungsprojekt Weizen anpflanzt. „Wo hätte ich hingehen sollen?“ Der Abschied von der Heimat, dem Nil und den Verwandten war schwer. Nur etwa ein Drittel der Manasir ist in die Umsiedlungsprojekte gezogen.

Im Mai 2010 erstattete die Menschenrechtsorganisation ECCHR Strafanzeige gegen die Firma Lahmeyer bei der Staatsanwaltschaft in Frankfurt am Main. Dem Unternehmen wird vorgeworfen, die Inbetriebnahme des Staudamms angewiesen zu haben, was zu einer Aufstauung des Nils führte und zur Überflutung der Dörfer der Manasir, bevor diese umgesiedelt waren. Leitende Mitarbeiter der Firma weisen die Vorwürfe zurück.

Und heute? Der Merowe-Damm produziert mittlerweile Strom. Viele Manasir warten noch immer auf die Entschädigung ihres Besitzes, die Siedlungsgebiete am Stausee und die versprochene Aufbauhilfe. Der sudanesische Staat plant derweil, auch mit Hilfe der Firma Lahmeyer, vier weitere Staudämme im Niltal.

Zeinab lebt mit ihrer Familie etwa fünf Kilometer von ihrem alten Dorf entfernt am Rand des Sees. Ihr Mann hat begonnen, ein neues Haus aus Lehmziegeln zu bauen. Aus den Lagern entstehen langsam wieder Dörfer. Die Kinder gehen wieder in die Schule, die aus Zelten errichtet wurde. Zeinabs Familie besitzt nur noch ein paar Schafe und Ziegen, die restlichen Tiere sind gestorben oder mussten verkauft werden, da das angebaute Tierfutter überflutet wurde. Die Männer versuchen, die Landwirtschaft wieder aufzubauen, und legen kleine Beete an. Aber Bewässerungsfeldbau ist schwierig, da der Pegelstand des Sees schwankt. Die Dattelpalmen, mit denen die Bauern früher den Großteil ihres Einkommens erzielten, sind untergegangen.

Viele Männer haben begonnen, im Stausee zu fischen. Den Fang fahren ehemalige Viehhändler der Manasir mit ihren zu Fischtransportern umfunktionierten Pick-Ups zum Verkauf in die großen Städte. Vor der Überflutung spielte die Fischerei keine bedeutende Rolle in der bäuerlichen Ökonomie. Einige Bauern sind auf Wanderarbeit gegangen. Die Zukunft bleibt ungewiss, das Leben der Manasir ein Provisorium.

Valerie Hänsch ist Ethnologin und forscht seit mehreren Jahren im Sudan. Sie promoviert an der Bayreuth International Graduate School of African Studies


12:00 03.04.2011

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