Es begann mit keiner Lüge

KOSOVO-KRIEG Die NATO hat nicht wegen Racak interveniert

Nicht über die Rechtfertigung oder die politischen Folgen der NATO-Intervention im Kosovo debattiert die deutsche Öffentlichkeit in diesen Tagen so hingebungsvoll. Sie widmet sich lieber der weitaus leichteren Frage, ob Rudolf Scharping während des Krieges immer die Wahrheit gesagt hat. Hat er nicht, wie die berühmte WDR-Sendung zeigt. Ernsthaft gelogen hat Scharping, als er vorgab, die organisierte "ethnische Säuberung" des Kosovo von Albanern habe schon vor Beginn des Bombardements eingesetzt. Die Lüge sollte die Intervention mit einer weiteren, noch stärkeren Begründung versehen. Sonst hat Scharping offenbar vor allem übertrieben. Er hätte es wohl gern noch schlimmer, noch dämonischer gehabt, wäre gern wie Churchill von der Last der moralischen Verantwortung gedrückt in einen unvermeidlichen Krieg gezogen: Es muss sein, in the name of mankind!

Das mag alles so sein. Man darf aber bezweifeln, dass die Deutschen ihrem Verteidigungsminister seine Pose geglaubt haben. Eine Regierung, die Albaner ins serbisch besetzte Kosovo abschiebt, kann gar nicht so plötzlich an moralischer Panik erkranken. Dass einen Minister beim Morgengebet das Gewissen ruft oder dass einem versammelten NATO-Rat angesichts des Elends in der Welt plötzlich die Tränen in die Augen schießen, lässt sich kein einigermaßen informierter Mensch vormachen. Es ist die Version für Bild, Bunte oder irgendein RTL-Magazin - für Leser und Zuschauer also, die sicher auch dann nicht gegen das NATO-Bombardement aufgetreten wären, wenn niemand ihre Tränendrüsen bearbeitet hätte.

Nein, die informierte deutsche Öffentlichkeit brauchte keine Übertreibungen; sie hat diesen Krieg mehrheitlich aus seriöseren Gründen unterstützt. Sie war schon seit Bosnien davon überzeugt, dass es mit dem damaligen serbischen Regime keinen Frieden auf dem Balkan geben könne und dass man ihm sichtbar, auch militärisch, Einhalt gebieten müsse. Hatten Luftschläge nicht auch Saddam Hussein zum Einlenken gezwungen? Man mag bezweifeln, dass es stichhaltige Gründe waren, aber so dumm sind die Westeuropäer nicht, dass sie einem Minister mit roten Ohren in jeden beliebigen Krieg folgen würden. Scharping mag mit seinen aufgeregten Pressekonferenzen auf den unpolitischen Teil seiner Wählerklientel geschielt haben, vielleicht hat er auch eine juristisch haltbare Begründung gesucht, dass das Bombardement zur Abwehr eines unmittelbar bevorstehenden Menschheitsverbrechens unvermeidlich war, oder er hat - was das Beunruhigendste wäre - an seine Pose selber geglaubt.

In Wirklichkeit hat die NATO weder wegen Racak noch wegen des Hufeisenplans interveniert. Das ist keine Enthüllung - man kann es alles in den Zeitungen der Monate Januar, Februar und März 1999 minutiös nachlesen. "Dieser Film zeigt, warum Bomben auf Belgrad fielen", sagen seine Autoren. Das ist gewaltig übertrieben. Er zeigt nicht einmal, warum die Europäer es geschehen ließen.

Der Film präsentiert uns vielmehr eine andere, nicht weniger unglaubwürdige Pose. Leute, die ihr Weltbild bisher gewiss nicht aus Bild, der Bunten oder RTL-Magazin bezogen haben, tun auf einmal sehr verwundert: Hat man uns belogen? War vielleicht alles ganz anders? Waren vielleicht gar nicht die Serben, sondern die Albaner die Bösen? Kinderfragen sind das, aus dem Mund von Erwachsenen klingen sie obszön. Waren die Amis gar nicht auf dem Mond - alles nur Kulisse? Sind die mehr als 100.000 Albaner, die aus Prishtina vertrieben wurden, vorher auf dem Bahnhof oder doch im Stadion festgehalten worden? Kann nicht doch ein Pole unter den Soldaten gewesen sein, die den Sender Gleiwitz überfallen haben? Es sind alles falsche Fragen, alle Antworten führen in die Irre.

Es geht dabei nicht um den Sinn des Kosovo-Krieges. Das NATO-Bombardement war ein gefährliches Abenteuer; es ist vergleichsweise glücklich ausgegangen. Belgrad hat völlig anders reagiert als erwartet, und die NATO war schnell mit ihrem Latein am Ende. Aus Verlegenheit beschoss sie immer mehr zivile Ziele und setzte sich zunehmend ins Unrecht. Als knapp 900.000 Albaner vertrieben waren, konnte man nicht einfach aufhören mit dem Bombardieren. Warum Belgrad schließlich doch einlenkte, ist eine noch ungeklärte Frage. Mit dem glücklich eroberten Kosovo wusste die westliche Staatengemeinschaft dann nicht umzugehen, nun wurden Serben vertrieben oder ermordet - alles andere als ein strahlende Bilanz des Krieges. Welche Alternativen gab es? Hätte man den zu erwartenden großen Kleinkrieg mit Hunderttausenden Vertriebenen wie im Sommer 1998 tolerieren sollen? Hätte man besser Jugoslawien aus seiner fatalen Paria-Rolle befreit und auf langsame Besserung gehofft? Das sind ziemlich schwierige Fragen. Aber dafür lohnen die Antworten.

Es begann mit einer Lüge, heißt der Film. Begann denn alles mit einer Pressekonferenz von Rudolf Scharping? Oder waren schon die Familien, die im Herbst 1998 in den Wäldern lebten und starben, eigentlich zum Picknick unterwegs - und die Albaner, die sich von serbischen Polizisten grundlos malträtieren lassen mussten, gedungene Schauspieler? Es begann - je nach Blickwinkel - vielleicht mit der Rede von Slobodan Milos?evic´ auf dem Amselfeld am 28. Juni 1989, mit den ersten Anschlägen der UÇK 1996, aber sicher nicht mit irgendeiner Lüge. Was dann nach dem 24. März 1999 im Kosovo stattfand, ist ebenfalls nicht erfunden, und es ist auch keine - wie es hilfsweise zu hören ist - zwingende Folge der NATO-Intervention. Es war eine organisierte Vertreibung - ob hufeisen-, kreis- oder quadratförmig, ist vergleichsweise uninteressant. Man kann dieses planvolle Verbrechen nicht als spontane Wutreaktion auf das NATO-Bombardement verharmlosen; es war eine konzertierte Aktion von Armee, Polizei und Freischärlern, die nach festem Muster ablief. Die Frage nach der Schuld im Kosovo-Krieg und nach der Rechtfertigung des NATO-Bombardements wird weder von finnischen Pathologen beantwortet, die Opfer von Racak obduzieren, noch von deutschen Journalisten, die zwei Jahre später an den Ort des Geschehens reisen und den Kriminalkommissar spielen.

Es begann nicht mit einer Lüge, kann aber mit einer zu Ende gehen. Dann nämlich, wenn sich die Kritiker des Krieges, statt mit guten Gründen zu argumentieren, der Einfachheit halber lieber an die simple Propaganda halten als an die komplizierte Wirklichkeit.

00:00 09.03.2001

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