„Es geht um Armut“

Interview Der britische Künstler Jeremy Deller hat einen Interviewfilm über den Brexit gedreht. Auf einfache Fragen bekam er dabei oft die durchgeknalltesten Antworten
„Es geht um Armut“
„Politischer Aktivist zu werden, ich denke, das ist die Richtung, in die es für mich geht“

Foto: Wolfgang Stahr/Laif

Beim Steirischen Herbst in Graz präsentiert der englische Künstler und Turner-Preisträger Jeremy Deller seinen Dokumentarfilm über den Brexit, Putin’s Happy. Deller hält die Kamera auf die Leute, lässt sie reden, ohne sie bloßzustellen. Er glaubt, es gehe darum, gehört zu werden.

der Freitag: Herr Deller, Ihre neueste Arbeit behandelt mit dem Brexit ein Thema, das aktueller nicht sein könnte. Wie kam es dazu?

Jeremy Deller: Das Festival, das mich für diese Arbeit beauftragt hat, steht unter dem Motto „Grand Hotel Abyss“. Und ich fand, dass sich auch Großbritannien gegenwärtig auf einen Abgrund zubewegt. Das Künstlerhaus, in dem das Werk zusammen mit anderen gezeigt wird, stammt außerdem aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, in der Graz Hauptquartier der britischen Besatzungszone war. Und die Identitätskrise, die Großbritannien befallen hat, beunruhigt mich sehr. Also bin ich mit der Kamera zum Parliament Square in London gegangen und habe die Menschen gefilmt, die dort ihre Meinung kundtun. Ich wollte zeigen, was dort los ist: das Durcheinander, das Chaos und die Widersprüche.

Das klingt zunächst nach einem ziemlich geradlinigen dokumentarischen Unterfangen. Trotzdem hat man das Gefühl, dass der Film mit zweierlei Stimmen spricht: Die Interviews führen Sie sehr offen und neugierig, den Menschen zugewandt, wogegen Sie im Schnitt manches, das gesagt wird, durch Inserts kommentieren.

Manchmal musste ich das. Wenn jemand Statistiken verfälscht, muss ich das richtigstellen und blende die korrekte, stark abweichende Zahl ein. Dann frage ich die Leute, woher sie ihre Nachrichten beziehen. Und einige antworten: von Russia Today! Also einem Fernsehsender, der sich klar gegen die EU positioniert. Wenn man solche Medien konsumiert, sind auch solche Aussagen folgerichtig. Dann war es mir wichtig, den Sinn von verklausulierten Tätowierungen oder Plakaten zu entschlüsseln: Verweise auf historische Daten, Bibelstellen, Kreuzritter- oder Nazi-Embleme. Es gibt aber auch einzelne Interviewpassagen, die absolut irrsinnig sind, ohne dass ich etwas dafür kann. Ich stand nur da und dachte: Was ist hier gerade los? Ich stelle eine sehr einfache Frage und kriege darauf die verrücktesten, wirklich durchgeknalltesten Antworten, regelrecht wahnsinnig. Diese Menschen sehen völlig normal aus, aber wenn sie den Mund aufmachen, dann denkt man: Wow, so etwas hätte ich niemals erwartet. Es ist sehr verstörend.

Wie erklären Sie sich das?

Das zeigt, dass das Brexit-Thema rein gar nichts mit Europa zu tun hat, sondern es geht darum, gehört zu werden. Die Leute, die kein Gehör fanden, sahen das Brexit-Votum als Möglichkeit, die Gesellschaft durch eine Wahl zu verändern.

Wie sind Sie bei den Interviews vorgegangen?

Die meisten Leute lasse ich einfach reden. Ich will die Menschen nicht bloßstellen, sondern mich interessiert, weshalb sie so erbost sind: Es geht dabei gar nicht immer um Einwanderung, sondern viel um ökonomische Fragen. Ich denke, da liegt das wahre Problem. Es geht um Themen wie Wohnen, darum, dass nach der Finanzkrise Sozialprogramme massiv zusammengestrichen wurden und die arme Bevölkerung wirklich gelitten hat. Vor allem weiße Menschen glauben, sie würden unterdrückt und ihre Kultur würde angegriffen. Es gibt viele Faktoren. Aber ich denke, in Wirklichkeit geht es um Armut.

Zur Person

Jeremy Deller, 53, ist ein britischer Video- und Installationskünstler. Er beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit politischen und sozialen Themen, im letzten Jahr beispielsweise mit dem Facebook-Datenskandal. 2004 gewann er den renommierten Turner-Preis

Obwohl Parliament Square ein städtischer Ort ist, wirkt er in Ihrem Film wie eine Bühne, der Schauplatz einer Inszenierung.

Es ist Theater, ein Spektakel. Als ich das erste Mal dort hingegangen bin, konnte ich nicht glauben, was ich dort sehe. Ich dachte, ich bin im Mittelalter gelandet. Die Leute machen Musik, machen religiöses Zeug, und man sieht alle möglichen Typen mit Flaggen und Abzeichen. Es ist ein Karneval, bei dem die Leute in der Öffentlichkeit Rollen spielen.

Ein großer Teil Ihrer Kunst ist im öffentlichen Raum angesiedelt. Wie fügt sich dieses Werk zu Ihren anderen Arbeiten, die viel Aufsehen erregt haben, wie etwa „Battle of Orgreave“ oder „We’re here because we’re here“?

Ich interessiere mich immer für Demonstrationen und Zusammenkünfte aller Art. Es gibt dort einfach eine Menge zu sehen, eine Art Volkskunst.

Sie arbeiten in unterschiedlichen Medien, aber Ihre Filme sind immer auch Chroniken britischer Geschichte. Verstehen Sie sich im Grunde als Historiker?

Das ist eine gute Art, es zu beschreiben, auch wenn dieser Film sich mit der Gegenwart befasst. Es gibt auch inhaltliche Verbindungen zu meinen früheren Arbeiten: Viele der Gegenden, in denen die Minenarbeiter gestreikt haben, wie 1984 in Orgreave, stehen heute radikal gegen Europa. Man könnte argumentieren, dass der Streik der Minenarbeiter der Beginn der großen Brexit-Bewegung war. Indem die industrielle Arbeiterklasse aufgegeben wurde und Ressentiments aufgebaut hat, entstand aus den Gewerkschaften und der Linken heraus die rechte Bewegung und die Wende gegen Europa.

Der Ursprung des Brexit liegt also in den 1980er Jahren?

Ganz genau. Es gab damals viele rechtsgerichtete Politiker, die antieuropäisch dachten, und rechtsextreme Think-Tanks. Die Kampagne, aus der EU auszutreten, begann vor 30 oder 40 Jahren, nur hat es damals niemand verstanden. Dazu kommt, dass England sich immer als außergewöhnlich sah, als Insel und als Empire. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatten wir noch die Beatles, aber das war es dann auch so ziemlich.

Die Beatles als Versprechen auf eine bessere Zukunft?

Wir hätten einfach aus dem, was uns die Beatles in den sechs oder sieben Jahren ihres Aufstiegs gebracht haben, unser neues Selbstbild ableiten sollen: uns als Großmacht neu definieren, aber eben über Liebe, Frieden und Musik. Diese Gelegenheit gab es und wir haben sie nicht wahrgenommen. Das ist jetzt meine verrückte Theorie. Wir hätten die Zukunft mit den Beatles erobern können.

Als Künstler beziehen Sie politisch sehr klar Position. Fürchten Sie manchmal, als politischer Aktivist missverstanden zu werden?

Ich denke, das ist die Richtung, in die es für mich geht. Ich muss diese Grenze demnächst übertreten und mich von jemandem, der Kunst macht, zu jemandem entwickeln, den andere als Feind wahrnehmen. Man muss für das einstehen, woran man glaubt.

Wollen Sie die Kunst etwa aufgeben?

Ich werde weiterarbeiten, aber meine Haltung ist sehr klar. Hier, in diesem Film, versuche ich, fair zu den Leuten zu sein. Ich verurteile sie nicht. Ich gebe den Politikern und den Mächtigen die Schuld, die dafür sorgen, dass die Leute die irrsten Dinge glauben. Dass sie regelrecht verrückt werden und alles durcheinanderbringen. Mir wird es auch nach einem Brexit weiter gut gehen, weil ich privilegiert bin. Aber dem Land nicht.

06:00 05.10.2019
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