Carolin Amlinger
Ausgabe 0614 | 12.02.2014 | 06:00 15

Es ist die Marktlogik!

Gesellschaftskunde Die Debatte um angepasste Schriftsteller aus dem Mittelstand sagt mehr über den Literaturbetrieb, als wir glauben wollen

Ist die deutsche Gegenwartsliteratur eine langweilige Veranstaltung von ein paar Bürgerkindern, die außer einem gut geheizten Literaturinstitut nichts von der Welt gesehen und verstanden haben? Seit Florian Kessler in der Zeit die Situation des Literaturbetriebes beklagte, der einen nur überleben lasse, wenn man aus gut situierten Verhältnissen stamme, ist eine Debatte unter denjenigen entbrannt, die mal schlecht, mal recht auf dem literarischen Karrierekarussell fahren. Eine Debatte, die im Kern darauf zielt, ob man es sich heute leisten können muss, ein Autor zu werden. Leider ist es nämlich nicht so, dass alle auf dem Karussell des Literaturbetriebes gleich schnell fahren. Die Strukturverschiebungen des Buchmarktes haben dazu geführt, dass sich der Erfolg zunehmend polarisiert: Man muss in der künstlerischen Prekarität geduldig bleiben können, um sich durchzusetzen.

Empörung löste Kesslers Artikel weniger durch den Hinweis aus, dass Juli Zeh aus gutem Hause stammt (dafür kann sie nichts), viel mehr traf er einen Nerv, indem er auf die ungeschriebenen Gesetze des Literaturbetriebs zielte. Aber welche sind das? Kaum ein anderer Beruf wie der des Schriftstellers ist mit der Vorstellung verbunden, allein durch individuelles Können und Leistung, durch den „künstlerischen Genius“, komme man zum literarischen Erfolg. Doch das ist nicht alles. An der richtigen Stelle über die richtigen Dinge lachen, die passende Hornbrille zum bildungsbürgerlichen Smalltalk-Wissen tragen – das scheint, so Kessler (übrigens selbst Hornbrillenträger), entscheidend zu sein.

In der Soziologie nennt man dieses versteckte Wissen um die Regeln, wie man zu funktionieren und sich zu verhalten hat, Habitus. Und genau jener bildungsbürgerliche Habitus produziere auf dem literarischen Markt Ausschlussmechanismen: die einen gewinnen und die anderen verlieren. Die einen, die Gewinner, sind tendenziell Ärzte- und Lehrerkinder und die anderen sind es nicht. Dass (erfolgreiche) Autoren vorrangig dem Bildungsbürgertum angehören, ist nicht neu. Und ist auch nicht das Problem. Sondern die Polarisierung des Buchmarktes selbst. Denn ein Blick auf die Bestsellerlisten offenbart, dass Erfolg – ungeachtet der literarischen Leistung – ungleich verteilt ist. Wie kommt es dazu?

Vom Kulturgut zur Kulturware

Um zu verstehen, warum der Literaturbetrieb, der wie kaum eine andere Institution in der Gesellschaft für Kreativität und künstlerische Autonomie steht, allem Anschein nach zunehmend Gleiches produziert, muss man den Strukturwandel des Buchmarktes der letzten Jahrzehnte im Blick haben. Literatur galt idealerweise als Gegenentwurf zum Markt: Man sollte Kunst zweckfrei, d.h. um der Kunst willen betreiben und nicht, um ökonomische Erfolge zu erzielen.

Auch wenn dieses kapitalismuskritische Ideal in der Realität des literarischen Betriebes kaum vorzufinden war (von irgendetwas musste der Autor schließlich leben), wurde das literarische Werk in den 1960er und 1970er Jahren durch politische Eingriffe in den Buchmarkt partiell von der Logik des Marktes entkoppelt. Durch die Buchpreisbindung (Bücher haben überall den gleichen Preis) und ein umfassendes Urheberrecht (das künstlerische Produkt ist geistiges Eigentum des Produzenten) sollte das „Kulturgut“ Buch vor reinen kommerziellen Interessen geschützt werden.

Die Tendenz zur Monopolisierung, man denke nur an den Giganten Random House, und der Niedergang der mittelständischen Verlage der letzten Jahrzehnte führen jedoch dazu, dass das einzelne Buch stärker nach seinem Marktwert beurteilt wird. Durch neue digitale Produktionstechniken werden zudem immer mehr Bücher in kürzerer Zeit produziert. Was auf der einen Seite eine erfreuliche Vielfalt künstlerischen Schaffens bedeuten könnte, befördert auf der anderen Seite die Konkurrenz unter den Verlagen – da immer mehr Bücher binnen immer kürzerer Zeit die Aufmerksamkeit der Leser für sich gewinnen müssen.

Mit dem wachsenden Konkurrenzdruck werden aber auch die Schutzmechanismen des „Kulturgutes“ Buch unterlaufen: Die Buchpreisbindung wird durch „Mängelexemplare“, die preisbindungsfrei sind, partiell aufgehoben (fast jeder ist schon einmal mit einem Stapel Bücher aus einem „Modernen Antiquariat“ herausgegangen). Auch das Urheberrecht kann durch eine Befristung der Rechte im Autorenvertrag begrenzt werden.

Der Matthäus-Effekt

All diese Tendenzen führen mit dazu, dass zunehmend diejenigen Bücher produziert werden, die zumindest eine Aussicht auf Erfolg haben. Zumal dieser Erfolg weiteren Erfolg produziert. Ist ein Autor oder Genre einmal in der Aufmerksamkeitsspirale der Bestsellerlisten, so ist es wahrscheinlicher, dass sein nächstes Buch ebenfalls erfolgreich wird. Dieser so genannte Matthäus-Effekt führt zu einer hohen Konformität der Spitzentitel in den Verlagsprogrammen. Der Blick auf die sich doch sehr ähnelnden Bücher der Bestsellerlisten sagt also weniger über einen vermeintlichen „Kulturverfall“ der Gesellschaft aus, sondern mehr über den strukturellen Wandel des Literaturbetriebes selbst. Was bedeutet das aber für die prekäre Lage der Autoren?

Florian Kesslers Feststellung, dass stromlinienförmige, hoch professionelle Autoren mit zahlungskräftigen Eltern den literarischen Markt besser erobern können als andere, ist nicht etwa Ausdruck einer selbstmitleidigen Malaise der oberen Mittelschicht, zu der auch Kessler gehört. Vielmehr kommt damit zum Ausdruck, dass mit der Konkurrenz unter den Verlagen auch die Konkurrenz unter den Autoren zunimmt – und das spürbar. Es wird augenscheinlich schwieriger, als freier Autor existieren zu können.

Mit dem Beruf des Schriftstellers assoziiert man neben dem Ideal kreativer Selbstverwirklichung auch ein großes Versprechen: Der Künstler ist frei. Die Freiheit des Autors bedeutet jedoch oftmals eine Freiheit von sozialer und ökonomischer Absicherung. Zwar wurde mit der Künstlersozialkasse (KSK) eine Institution geschaffen, die Künstler arbeitnehmerähnlich versichert.

Das jährliche Durchschnittseinkommen beträgt laut KSK jedoch lediglich rund 15.500 Euro brutto; ähnlich wie man von den „working poor“ spricht, die arm trotz Arbeit sind, kann man also von einer nicht unbeträchtlichen Zahl an „writing poor“ ausgehen, die arm trotz Schreiberfolgen sind. Wer sich voll und ganz der brotlosen Kunst verschreibt, muss also entweder ähnlich wie Der arme Poet Spitzwegs in einer undichten kleinen Dachkammer hausen (heute wahrscheinlich in Berlin oder Leipzig) oder aber eben mit ererbtem ökonomischen Kapital ausgestattet sein.

Gabelstaplerfahrer Meyer

Autor sein mit Herz und Seele – hauptberuflich lebend von Autorenhonorar, Lesungen, Literaturpreisen oder Stipendien, das können sich also die wenigsten leisten. Diejenigen, die nicht in der künstlerischen Prekarität durch finanzstarke Eltern verharren können, schreiben mit oder im Nebenberuf. Clemens Meyer malochte bekanntermaßen während seines Studiums (am Leipziger Literaturinstitut) als Möbelpacker und Gabelstaplerfahrer. Den Inhalten ist das in keiner Weise abträglich: Die Produktivität wird durch das profane Leben mindestens genauso befördert, wie durch Diskussionen in Seminaren. Dies hat nichts mit exotisierendem Proletenkult zu tun.

Der übermächtige Zwang zur finanziellen Absicherung kann aber auch kreative Potenziale schlucken. Nicht jeder ist „manisch-kreativ“, geht tagsüber einer Lohnarbeit nach, um nachts in die Tasten zu hauen. Und man wird schneller vom literaturbetrieblichen Karrierekarussell abgeworfen, als einem lieb ist.

Dass die freie Künstlerexistenz des Autors im Alltag ganz unromantisch prekär daherkommt, liegt unter anderem an der veränderten Beziehung des Autors zum Verlag. Die ehemals schier untrennbar heimelige, aber ebenso paternalistische Verleger-Autor-Beziehung (die permanenten Vorschüsse Siegfried Unselds an Thomas Bernhard sind legendär) wird ein Stück weit aufgelöst. Steigt die Renditeerwartung der Verlage, so steigt die Wahrscheinlichkeit, dass die Zusammenarbeit mit dem Autor bei „Marktversagen“ aufgekündigt wird.

Zwischen die langfristige Partnerschaft von Autor und Verlag drängt sich darum auch ein neuer Akteur: der Agent. Dieser verhandelt nicht nur die Honorierung, sondern betreibt die Karriereplanung des Autors mit. Oftmals schreibt ein Autor an verschiedenen Buchprojekten gleichzeitig und muss sich dabei immer wieder um die Selbstvermarktung bemühen.

Ausbildungsberuf Schriftsteller

Darum nimmt es nicht weiter wunder, dass die literarische Berufung zum Beruf wird: Viele Jungautoren sehen in der professionellen Autorenausbildung in Hildesheim oder am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig den entscheidenden Schraubschlüssel für die Selektionsmaschine des literarischen Betriebs, auch Florian Kessler, selbst ein Absolvent, hat den Fokus seiner Kritik auf den Studiengang Kreatives Schreiben in Hildesheim gelegt.

Die Professionalisierung führt zu der nun wahrgenommenen Konformität, da neben dem Schreiben für den Markt gleich die passende (Selbst-)Vermarktung studiert wird. Es ist nicht nur die literarische Leistung, die zählt, sondern ebenfalls der öffentliche Auftritt, eine bestimmte Art und Weise zu sprechen, sich wie ein Fisch im Wasser des literarischen Betriebs zu bewegen, die richtigen Leute zu kennen etc.

Ohne die Öffentlichkeit, die Lesung, ist ein Autor im Betriebsgeschäft faktisch kaum existent. Neben dem meist bescheidenen Honorar ist die Lesung für aufblühende Autoren darum vor allem ein Geschäft für das soziale Kapital – den Eintritt in die richtigen Kreise. Diese Kreise sind nicht ganz unerheblich, wenn man einen der rund 1.000 Literaturpreise ergattern möchte. Obwohl eine Auszeichnung zunächst wie ein Lottogewinn anmutet; ganz so zufällig ist der Erfolg nicht. Talent und Qualität spielen natürlich eine wichtige Rolle.

Und durch die Preise wird dem Markterfolg nicht alles überlassen. Aber auch hier gilt wieder: Wer hat, dem wird gegeben. Einmal mit einem Preis bedacht worden, profitiert man meist von lukrativen Folgeerfolgen: Gerade ein Preisträger ist neuer Preise würdig. Der Erfolg polarisiert sich weiter und auf dem künstlerischen Karussell bleiben zu wenige sitzen, die genug Talent, aber zu wenig soziales und ökonomisches Kapital haben.

Carolin Amlinger, geb. 1984, ist Soziologin am Institut für Sozialforschung in Frankfurt und forscht zu der prekären Arbeit von Schriftstellern


AUSGABE

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 06/14.

Kommentare (15)

Lethe 12.02.2014 | 13:52

Klagen, die im Kern mindestens so alt sind wie der Prolog des Faust^^

Es läuft darauf hinaus, dass es keine validen, von persönlichen Einschätzungen unabhängige Kriterien für die absolute Qualität und Akzeptanz von Einzelwerken gibt.

Damit bleibt es letztlich bei einem Kriterium, dass nicht aus der Literatur selbst stammt: Langweile die Leser deiner Zielgruppe nicht mit deinem Buch. Darauf zu hoffen, die Finanzierung auf Basis von genialem l´art pour l´art könne einfach so gelingen, war schon immer ein reines Vabanque-Spiel.

Eine andere Frage ist natürlich, warum heutige AutorInnen anscheinend gehäuft auf die Idee kommen, es sei Pflicht von wem auch immer, ihre Sachen zu kaufen und zu lesen, damit sie davon leben können, möglichst noch unabhängig davon, was ihre Sachen taugen. Ich denke, da steht persönliches Anspruchsdenken sich selbst oft im Wege. Literatur ist Markt. War es schon immer. Der Umstand, dass es den Verlagen früher so gut ging, dass sie sich verkaufsbezogene Versager in gewissen Grenzen leisten konnten, hatte diese Einsicht in den Hirnen vieler heutiger AutorInnen wohl etwas vernebelt. Die Ansicht, triste Sozialkritik verkaufe sich per se durch die Macht ihrer moralischen Überlegenheit, darf jedenfalls als widerlegt gelten.

Und natürlich haben Anfänger, wie überall, erst mal die Arschkarte gezogen, und manche kommen über das Stadium des Klinkenputzens nie hinaus. Das mag bedauerlich sein - wie es systematisch geändert werden könnte ist, mir nicht ersichtlich. Nicht unter Marktbedingungen. Lebensunterhalt könnte man subventionieren. Nachhaltige Anerkennung nicht.

probi 12.02.2014 | 14:36

Mir geht das Klagen hinter alledem allerdings auf den Hörnerv. Wer was zu sagen hat, soll schreiben. Dafür brauchts kein Publikum. Freude / Interesse am Schreiben ist doch genug. Kunst ist dann noch, einen zahlen Pappa warmzuhalten - oder anderweitig innerhalb von ein zwei Wochentagen für genug Einkommen zu sorgen. Wenn dann mal ein Text fertig scheint, schickt man den weg - und fängt ohne Warten was Neues an. Wenn sich kein Verlag meldet, spart man sich ergo immerhin den ganzen Verhandlungs- und Lektoratskampf, die Vorlesereisen, die Kleinstadthotels, das Herumstehen auf Bahnhöfen und Flughäfen und Buchmessen, die Kritiken, die Fanpost. Und die Steuerklärung wird von so viel Ersparnis schön übersichtlich.

Calvani 12.02.2014 | 15:28

a) Gratulation! Wieder einmal einen Zickenkrieg unter angeblichen Konkurrentinnen konstruiert. Das geht mir nun wieder so was von auf den Sack.

b) Wenn ich kommentieren möchte, frage ich nicht bei Ihnen nach, ob ich das als Erste darf.

c) Worin besteht denn die Analyse? Dass es eine mediale Aufmerksamkeitsspirale gibt, die auf marktlogischen Mechanismen basiert, was dieser Artikel zur Unterstreichung gleich selbst demonstriert? Dass die soziale Mobilität in Deutschland unterentwickelt ist? Dazu bedarf es nun wirklich keiner Analyse mehr, die Kritik hieran ist aber nach wie vor nötig.

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Ehemaliger Nutzer 12.02.2014 | 16:16

Ahhh, nun verstehe ich das mit Bodo und dem Bagger.

Was die Entwicklung betrifft, da bin ich sehr optimistisch. Die beschriebene Literatur (bildungsbürgerliche Habitus als produziere auf dem literarischen Markt) gibt es als solche bald nicht mehr, jedenfalls nicht von den beschriebenen Menschen, und wenn, dann mit ihnen nur als Präsentationhüllen. Die momentane Aufblähung ist eine Blase vor dem Platzen. Ähnlich wie vergleichbare Retortenmusik, die von ein paar Wenigen computergeneriert produziert wird und anschließend nette Darstellerhüllen sucht, befindet sich der moderne Groschenroman in Buchform im Visier der Automatisation. Man benötigt nur noch eine paar Blitzlektoren zweck Abschleifung der gröbsten Schnitzer. Auch das wird schon in lernende Systeme eingepflegt und kann zukünftig entfallen.

Auf der einen Seite finden wir dann Bodo mit dem Bagger oder jemanden wie Pasolini, Exoten, die sich nicht simulieren lassen, im Gegensatz zu Germanisten, Lehrern, Journalisten, Unidozenten und all den Personen aus dem Umfeld, welches im Beitrag angerissen wird, austauschbare weltfremde Langeweiler deren größte Abenteuer aus Robinson Clubs stammen. Ausnahmen bestätigen die Regel und solche Ausnahmen sind momentan vermehrt bei den journalistischen Freelancern zu finden, die nebenbei den Bagger fahren, fahren müssen. So bleibt für die Masse die gehobene Dschungelcampliteratur, vermerkt auf der Spiegel-Bestsellerliste.

Das wirkliche literarische Blut fließt weiterhin in den Menschen, den Büchern, die sich nicht computerisieren lassen - und daher auch nicht so unerträglich geleckt perfekt Oberflächliches schreiben.

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Ehemaliger Nutzer 12.02.2014 | 16:29

Ach so, da Carolin Amlinger Soziologin am Institut für Sozialforschung in Frankfurt ist und zu der prekären Arbeit von Schriftstellern forscht, lautet mein unverbindlicher Tipp:

Prekäre Schriftsteller sollten sich nicht Richtung bürgerlicher Schreibe drängen, wie sie einem mometan mit XYZ Preisen versehen nachgeschmissen wird, sich auch bloß nicht in diese Richtung für viel Geld schulend verbilden lasssen, rausgeschmissen Geld, sondern sich auf die Suche begeben, was ihnen im Blute liegt, sonst würden sie nicht schreiben. Wonach? Nun, hier beginnt die Welt der Geheimnisse ...

THX1138 12.02.2014 | 20:35

Die richtigen Leute zur richtigen Zeit treffen, das ist etwas, was kein Autor in sein Projekt mit einkalkulieren kann. Mit dem Schreiben verhält es sich so, wie mit allen Kunstformen: Beziehungen sind das Wichtigste. Beziehungen zu den richtigen Leuten und Entscheidungsträgern. Beziehungen können auch eine Frage der Herkunft sein. Und etwas, was sich fernab des Zeitgeistes bewegt, lässt sich so oder so schlecht verkaufen. Nicht nur den Lesern. Sondern auch den Lektoren. Sofern man die jemals zu Gesicht bekommt.

Ich habe zum Beispiel gerade ein Buch fertig gestellt. Und ich habe Beziehungen, exzellente sogar. Die sind kein Zufall. Sondern liegen in meiner Biografie begründet. Ich war ein ausgesprochenes Problemkind, so verdammt problematisch, dass man mich von der Volksschule nehmen- und mich in eine Privatschule stecken musste. Da war ich dann mit einer heute sehr einflussreichen Persönlichkeit zusammen, jahrelang. Mit dieser Person verband mich eine meiner besten Freundschaften meiner Jugend.

Nun ist natürlich noch die Frage, ob ich wirklich etwas zu sagen habe. Doch das werde nicht mehr ich (alleine) beurteilen (können). Und hier spielt der Zeitgeist eine zentrale Rolle. Nebst der Beziehungen. Talent habe ich, das hat man mir häufig attestiert, auch von professioneller Seite. Aber Talent alleine ist nichts. Genauso wenig wie Beziehungen alleine. Wenn ich zu stark abseits der Zeit stehe, dann habe ich keine Chance, so oder so nicht. Ach ja: Man sollte den Faktor Glück nicht unterschatzen! Glück ist immer mit dabei, wenn man hinaus in die weite Welt geht mit einem Manuskript unter den Armen..!

Lethe 13.02.2014 | 12:55

Nur mal nebenbei gefragt: gab oder gibt es eurer Meinung nach in den letzten 30 Jahren deutschschreibende AutorInnen, die das Zeug dazu haben, in den Kanon einzugehen? Gehobene Mittelklasse, von mir aus. Aber auf dem Level eines Thomas Pynchon, eines David Foster Wallace, eines Don DeLillo, einer Jennifer Egan (mit Abstrichen)? Irgendwie noch nicht mal andeutungsweise, oder entgeht mir da jemand?

davidjordan 13.02.2014 | 16:30

Folgt man Florian Kessler und Carolin Amlinger haben Sie schon die Antwort: Es ist Ihnen nichts entgangen, weil es da niemanden gibt, weil die aktuellen Autoren alle aus dem bürgerlichen Mittelstandsgutmenschentum stammen und sich um ihre eigene Achse drehen, sprich: selbstreferentiell für ihre peer group schreiben. Aber man sollte die deutschsprachige Literatur auch nicht mit der Literatur aus dem angelsächsischen oder lateinamerikanischen oder asiatischen Raum vergleichen. In gewisser Weise hat der deutschen Literatur immer die Weltläufigkeit gefehlt. Sicher, die Weltliteratur hat in Übersetzungen Einfluss auf Leser (und Autoren) im deutschsprachigen Raum ausgeübt. Nur: Welchen Einfluss hat sie auf den deutschen Literaturbetrieb, auf die Leute an den Schaltstellen ausgeübt? Der Literaturbetrieb ist ein mehr oder weniger geschlossenes System. Wie eben schon beschrieben: selbstreferentiell. (Und als Feigenblatt für Weltoffenheit hat er im deutschen Raum - man verzeihe mir die Formulierung - seine Russen. Die dürfen das.) Hinzu kommt, dass die Traditionen zu verschieden sind und das, was als erfolgversprechend bewertet wird. Dann ist da noch eine andere Wirklichkeit. Und die strukturellen Unterschiede der verschiedenen Nationalliteraturbetriebe darf man auch nicht übersehen - bezogen auch auf das Personal. Carolin Amlinger schreibt: "Dass (erfolgreiche) Autoren vorrangig dem Bildungsbürgertum angehören, ist nicht neu. Und ist auch nicht das Problem." Das ist aber durchaus das Problem, denn die in Verlagen usw. das Sagen haben entstammen eben auch diesem B-Bürgertum und was kann man dann da anders erwarten als das, was heute in Buchhandlungen die Regale füllt? Letzten Endes kommt man immer wieder auf das, was Florian Kessler festgestellt hat. Die Frage ist nur, ob das immer so bleiben wird. Das hängt vor allem davon ab, wer in Zukunft das Sagen bei den Verlagsriesen haben wird: Geldmenschen oder Kulturmenschen (zugespitzt formuliert). Andererseits: Wer wirklich nach einem deutschen Pynchon oder Wallace sucht, der wird, denke ich, auch fündig werden. Trotz aller Unkenrufe gibt es in Deutschland eine sehr lebendige Verlagsszene - abseits von Random House. Das Problem ist nur, die nötigen Informationen darüber zu finden, denn die Bücher der Klein- und Kleinstverlage liegen nur selten in der Buchhandlung vor Ort aus. Man muss also wissen, dass es ein Buch gibt, um es dann bestellen zu können. Klein- und Kleinstverlage haben übrigens in Mainz ihre eigene Buchmesse (Minipressen-Messe). Die nächste ist 2015.

davidjordan 13.02.2014 | 16:35

Zur Vergabe von Literaturpreisen: Was ich darüber gehört habe... Es geht nicht um Qualität. Es geht darum, einen aus der Jury zu kennen. Beziehungen eben. Und ansonsten: Die einzig harte Währung im Literaturbetrieb scheint mir, wie fast überall, Glück zu sein. Und je häufiger man sich irgendwo tummelt, umso höher ist die Wahrscheinlichkeit, es erzwingen zu können. Die Frage ist nur, ob man sich das immer antun will, auf allen Hochzeiten zu tanzen.

SusaBerlin 14.02.2014 | 08:05

"Wer was zu sagen hat, soll schreiben" - Sehr richtig! Nur: Die ein, zwei Tage pro Woche werden wohl ein bisschen wenig sein. Mit vieren kommen wir aber vermutlich hin. Und da bleibt, behaupte ich mal, genug Zeit zum Schreiben.

- Ich wette, das machen auch viele. Möchte mir überdies nicht ausmahlen, wieviele sehr gute Bücher in Manuskriptform in Schubladen vor sich hin modern. Hier geht es also nicht (nur) um Mittelmäßigkeit der deutschen Literatur, sondern darum, weshalb es vorwiegend solche Bücher in den Fokus der öffentlichen Wahrnehmung schaffen. Ich meine, ich würde die anderen, unveröffentlichten, vielleicht auch gerne lesen, nur ich komme nicht ran.

Das ist doch der wichtige Punkt an dieser Debatte: Was wir als Leser vorgesetzt bekommen. Verlage als Qualitätskontrolle. Eine Vorstellung, die zwar bisschen veraltet ist, wie ich finde, der dennoch extrem viele Schriftsteller anhängen (Was für eine Befreiung wäre es, wenn endlich en masse angefangen würde, die Möglichkeiten des Internets für die Literatur zu nutzen... Dort kann man veröffentlichen, was man möchte. - Ach, da könnte ja einer klauen? Ach, das ist ja kein "echtes" Buch? Also darum geht es, nicht darum gelesen zu werden... Dann bitte auch mit dem Klagen aufhören, dann passt euch eben an. :-) )

Noch sieht es doch so aus, dass Verlage für mich entscheiden, was lesenswert ist. Sobald aber jemand für mich auswählt oder entscheidet, ist es wichtig für mich, zu verstehen, wie der Auswahlmechanismus funktioniert. - Sonst volle Zustimmung!

Lethe 14.02.2014 | 09:04

Wer wirklich nach einem deutschen Pynchon oder Wallace sucht, der wird, denke ich, auch fündig werden.

Könnten Sie Namen nennen, mit denen die Suche beginnen kann?

Es geht mir nicht unbedingt um Weltläufigkeit. Originalität, strukturelle und inhaltliche Komplexität über nichttriviale Themenkomplexe, virtuose Sprachbeherrschung und last not least sowas wie "Freiheit von Muffigkeit" würden mir schon genügen^^ ach ja, und gegen Ideologien, auch in Form berechtigter und notwendiger Sozialkritik bin ich allergisch^^

davidjordan 22.02.2014 | 00:09

Habe ich mich etwas weit aus dem Fenster gehängt. Laabs Kowalski vielleicht oder auch Steven Uhly. Ich wüsste da noch zwei Autoren, doch wollen mir da einfach die Namen nicht einfallen. Einer von ihnen ist kürzlich gestorben. Thomas Melle wäre vielleicht auch zu nennen, wenn sein "Sickster" nicht einfach nur zynisch wäre. Vielleicht Irmtraud Morgner mit ihrem Roman "Leben und Abenteuer der Trobadora Beatriz nach Zeugnissen ihrer Spielfrau Laura". Aber das ist schon keinen Gegenwartsliteratur mehr. Als Postmodern gelten Christoph Ransmayr und Klaus Hoffer. Aber mit Pynchon oder Wallace würde ich sie nicht gleichsetzen. Vielleicht (Geheimtipp) Jean Amérys "Lefeu oder Der Abruch" (garantiert) und "Charles Bovary, Landarzt". Die sind beide aber auch schon älteren Datums. - Ich bitte um Entschuldigung für die späte Antwort.