Es reicht nicht für jeden

Senegal In Bargny an der Atlantikküste ziehen neue Zeiten auf. Die Menschen der alten Zeit fallen hinten herunter

Die Stadt Bargny war einst ein stilles Fischerdorf an der Atlantikküste, bewohnt vom Volk der Lebu, das in seiner Geschichte gegen expandierende Königreiche in Westafrika, Islamisierung und Kolonisierung gekämpft hat. Immer pflegten die Lebu ihre Bindung zum Meer – und zum Land. Heute haben sie es damit in jeder Hinsicht schwer. Der Atlantik dringt zusehends landeinwärts vor. Binnen wenigen Jahren ließ ein ansteigender Meeresspiegel ganze Straßenzüge in der Küstenregion verschwinden. Umsiedlungen sind schwierig, weil es an Land fehlt, das zu verteilen wäre. Die großen Infrastrukturprojekte des Präsidenten Chérif Macky Sall brauchen Platz, will er doch sein Land aus der Rückständigkeit und auf den Weg eines afrikanischen Schwellenlandes führen. Wozu ihm weitere vier Jahre Zeit bleiben dürften, da sich sein Sieg bei der Präsidentschaftswahl am Wochenende abzeichnet.

Längst wurde die Kommune Bargny von der Hauptstadtregion Dakar mit ihren vier Millionen Einwohnern geschluckt. Auch die vor 70 Jahren angesiedelte Zementfabrik Sococim grenzt inzwischen an das durch Landflucht und Bevölkerungswachstum ständig expandierende Dakar. Unablässig sind Explosionen im Steinbruch zu hören, dem Rohstoffreservoir für die Herstellung des Baustoffs. Die in der Nähe lebenden Bewohner von Bargny würden über Risse in ihren Häusern, vorrangig aber über eine durch Feinstaub verschmutzte Luft klagen, erzählt Fadel Wade, Vorsitzender von Ci Sutura, einer lokalen Organisation, die für Umweltschutz eintritt.

Abwasser in die Kanäle

Im Sommer 2018 meinte der Direktor der staatlichen Energiegesellschaft Senelec, die jetzige Generation müsse Opfer bringen, damit es der nächsten besser gehe. Der Bescheid galt den Menschen in Bargny, die neben der Zementfabrik erst recht unter einem im Vorjahr gebauten Kohlekraftwerk zu leiden haben, das Braunkohle aus Südafrika bezieht, die aus Indien eingeführt ist und durch die Afrikanische Entwicklungsbank AFEB finanziert wird. Proteste gegen dieses Projekt habe es nicht zuletzt deshalb gegeben, weil die Umweltgesetzgebung beim Bau missachtet worden ist, meint Fadel Wade. Viele Häuser, sogar eine Grundschule liegen gefährlich nahe an der Anlage. Es habe auch keine öffentliche Anhörung gegeben, stattdessen sei eine Delegation von ausgewählten Bürgern Bargnys nach Marokko geschickt worden, um dort ein ähnliches Kraftwerk zu besichtigen und die gute Nachricht mitzubringen: Es gebe keinen Grund zur Sorge, in Marokko käme nicht einmal Rauch aus den Schloten.

Wer allerdings zusieht, wenn Frauen unweit des Kraftwerks auf dem Boden Fisch trocknen, der für die ärmere Bevölkerung Hauptlieferant von Proteinen ist, kann schwerlich übersehen, wie sich Kohlestaub über das wichtigste Nahrungsmittel der Gegend legt. Überdies werden die Kraftwerksbetreiber beschuldigt, Abwasser in umliegende offene Kanäle zu leiten, wodurch der Fisch zusätzlich verdorben wird. Die Frauen fürchten um ihre Existenz, denn mit dem Kraftwerksbau verschwand neben der Fischzucht gleichsam ihre zweite Erwerbsquelle – der Gemüseanbau. Erstmals werden sie in diesem Jahr ohne die gewohnte Landwirtschaft auskommen müssen. Zum Ausgleich wurde ihnen von Senelec eine moderne Anlage zur Fischverarbeitung versprochen. Es werde Öfen geben, um den Fisch zu räuchern, hieß es, und saubere Tische, um ihn zu trocknen. Fatou Samba, Vorsitzende der Fischereigenossenschaft, hat dem Angebot mit Bauchschmerzen zugestimmt. Sie hätte gern weiter Widerstand gegen das Kraftwerk geleistet, musste aber befürchten, dass Senelec das Projekt kurzerhand mit einer anderen, willigeren Frau durchgezogen hätte.

Das Terrain für Felder und Weiden rings um Bargny ging freilich noch aus anderen Gründen verloren. Es wurde für den ebenfalls 2018 begonnenen Bau des neuen Containerhafens gebraucht, der die Kais von Dakar entlasten soll und muss, weil Schiffe derzeit bis zu einem Monat auf Reede liegen, bevor sie entladen werden. Auch die auf dem Reißbrett entstandene neue Stadt Diamniadio kostet Bargny wertvolle Flächen. Eine Sportarena, Industriebetriebe und Wohnblöcke, dazu Bürogebäude für Ministerien stehen bereits. Es folgte zuletzt eine Einweihung auf die andere, weil das Staatschef Macky Sall für seinen Wahlkampf überaus gelegen kam. Hochglanzbroschüren versprechen als Krönung einen Golfplatz und verschweigen, dass etliche Bürger Bargnys nicht an das Wassernetz angeschlossen sind und demzufolge ihr Trinkwasser an Wasserpumpen kaufen müssen.

Oumar Tall, 50, der gelegentlich als Schneider arbeitet, beklagt sich: „Unser bestes Land wurde geopfert. Diamniadio ist ein Albtraum. Wohin sollen unsere Kinder gehen? Die neuen Wohnungen, die dort entstehen, sind nicht für sie gedacht, weil viel zu teuer! Wir haben über die Bauarbeiten nichts erfahren.“ Das Misstrauen ist groß, schließlich hat der senegalesische Staat nie viel für seine Leute getan und lieber zugesehen, wie die Mehrheit von Gelegenheitsjobs im informellen Sektor lebte, weil die Bildung für mehr kaum reichte.

Ibrahima Guèye, Mitte 30, der einen Copyshop betreibt, sieht durchaus neue Chancen, doch werde er persönlich davon nichts haben. „Wir sind wie Sardinen in einer Dose. Um rauszukommen und etwas von den sich bietenden Möglichkeiten zu haben, muss man Kontakte zu denen unterhalten, die einflussreich sind. Wer hat die schon?“ Der Wandel ist rasant, die Leute sehen ihr mageres Einkommen bedroht. Es erscheint schwierig, da optimistisch zu bleiben: Ddjibril Ndoye, ein 60-jähriger Automechaniker, musste seine Werkstatt aufgeben, da sie einer Schnellzugtrasse im Weg war.

An den Menschen vorbei

Eine weitere Maßnahme, um sich eine brandneue Infrastruktur zu verschaffen. „Das alles geht an den Menschen vorbei. Uns wird Land genommen, aber ein Leben ohne Landwirte, Fischer und Handwerker kann es nicht geben. Es geht voran, aber wo ist der Fortschritt?“, fragt Ndoye. Und der Umweltaktivist Fadel Wade stößt auf viel Zustimmung, wenn er sagt: „Wir haben an die neue Stadt Diamniadio viel Land verloren, dem einst unsere Ahnen einen Namen gaben. Nichts erinnert mehr daran. Es zeigt, dass wir nicht zählen.“

Diamniadios Bürgermeister Abou Seck, Mitte 40, hat wenig übrig für solche Klagen und schüttelt den Kopf. Er empfängt in seinem modernen Büro im siebten Stock eines viertürmigen neuen Ministerienkomplexes. Seck studierte Architektur und Städtebau in Frankreich, arbeitete dann in einem der Architektenbüros, die an der Planung der neuen Stadt mitwirkten. Weil die Leute in Bargny das so wollten, habe er 2014 für das Amt des Bürgermeisters kandidiert und sei heute nebenbei Kabinettsdirektor im Ministerium für Fischerei. Deswegen dieses Büro in Diamniadio und ein Standard, der Secks Nähe zur Regierung zeigt?

„Wir erleben eine urbane Revolution. Dieser Trend ist weltweit nicht aufzuhalten“, meint er. Es gehe darum, eine Metropole wie Dakar zu entlasten, und in Bargny habe es eben Platz gegeben – sicher auch Umweltprobleme. „Der Premierminister hat versprochen, das Kohle- in ein Gaskraftwerk umzuwandeln, um die Protestierenden in Bargny zu besänftigen.“ 2021 solle es so weit sein, wenn Senegal seine ersten Gasvorkommen ausbeuten werde. Und die Landwirtschaft? Der Gemüseanbau? „Das wird es in Bargny nicht mehr geben“, so der Bürgermeister, ebenfalls ein weltweiter Trend. „Land- und Viehwirtschaft gehören nicht mehr in diese Stadt.“

Chinesische Textilfabrik

Lieber spricht Seck von den neuen Jobs, auf die man stolz sei. 35 Jugendliche, die in Bargny ausgebildet wurden, hätten in der neuen chinesischen Textilfabrik in Diamniadio einen Arbeitsplatz bekommen . Und dann würden in einer neuen Stadt immer Leute für die Bau-, Sicherheits- und Reinigungsbranche gebraucht – die Jobs rings um den neuen Hafen nicht zu vergessen. Weil der Staat das bezahlt habe, verfüge man dort über einen Kai für Fischerboote, der Ende Januar freigegeben wurde. Schließlich spendierte eine indische Entwicklungsgesellschaft drei Kühlräume und zwei Kühllaster, um den Fischfang auf den Märkten von Dakar und nicht nur dort in bester Qualität anbieten zu können. Die Fischerei könne demnach die wichtigste Erwerbsquelle für Bargny bleiben.

Natürlich hat ein Bürgermeister, der so zukunftsgewiss seine Entscheidungen trifft, auch einen Plan für die Familien, die demnächst wegen des in den Küstenstreifen vordringenden Ozeans ihre Häuser verlassen müssen. Auf den allerletzten freien Flächen Bargnys will er ein neues Stadtviertel bauen. Die Erdarbeiten haben schon begonnen, während das Geld von der Stromgesellschaft Senelec kommt, die bluten muss, weil sie ihr Kohlekraftwerk auf dem Gelände errichtet hat, mit dem der Staat Ende der 90er Jahre eigentlich die Opfer der Küstenerosion entschädigen wollte. Dann allerdings hatte der Bau des Kraftwerkes Priorität. Das jetzt von Bürgermeister Seck in Aussicht genommene Finanzierungsmodell erntet viel Kritik. Zudem gibt es Streit über die Ansprüche und die Zahl der Umsiedler. Vorerst reißen deshalb Protestmärsche in Bargny nicht ab.

Fatou Samba von der Fischereigenossenschaft blickt sorgenvoll in die Zukunft. Sie habe noch drei Kinder, die sie durch die Schulzeit bringen müsse, auch bleibe ihr nichts anderes übrig, als für den Unterhalt ihrer Mutter zu sorgen. Ihr ältester Sohn brach die Schule ab, wie das oft in den Küstengebieten Senegals der Fall ist. Die Jungen schließen sich lieber einer Gemeinschaft von Fischern an, um schnell Geld zu verdienen und die Familie verlassen zu können. Inzwischen, so Fatou Samba, habe ihr Sohn von Marokko aus das Mittelmeer überquert und sei seit zwei Monaten in Spanien. Leider habe er noch keine Arbeit gefunden.

Ende Januar rollten Präsident Macky Sall und viele geladene Gäste im neuen Expresszug durch Bargny, unterwegs vom Stadtzentrum Dakars in das aus dem Boden gestampfte Diamniadio. In Bargny konnte nicht gehalten werden, ein Bahnhof oder wenigstens ein Bahnsteig war für diesen von der Zeit überholten Ort nicht vorgesehen.

Odile Jolys ist freie Journalistin in Dakar und schreibt aus Westafrika unter anderem für den Evangelischen Pressedienst und welt-sichten

06:00 03.03.2019
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