Es tut mir Leid

Wahl 2002 Die SPD und der Opel Ascona sind zwei Seiten einer Medaille. Geschichte einer tiefen Bindung

Ein Mann von einem Kanzler", verkündet das Wahlplakat und zeigt eine monströse Brille, hinter der das missmutige Gesicht des Spitzenkandidaten Hans-Jochen Vogel hervorlugt. Dann ist Sonntag. Wahltag. Ich sitze im Schlafanzug mit meinen Eltern vor dem Farbfernseher. Noch etwa 40 Sekunden bis zur ersten Hochrechnung. Eilig schlinge ich die letzten Bissen meines Leberwurstbrots herunter. Jetzt ist es soweit. Mein Vater zuckt kurz zusammen und der schwarze Balken schießt hoch, höher und überrundet lässig den roten, der mickrig und armselig wirkt. Ich schließe die Augen, stelle mir vor, wie der schwarze Balken unaufhörlich weiterwächst, in die Zukunft hinein, bis irgendwann alles schwarz ist.

Stille. Helmut Kohl ist Bundeskanzler. Die SPD tut mir Leid, mein Vater tut mir Leid und meine Mutter. Ich bin acht Jahre alt und glaube, dass wir alles der SPD verdanken. Unser gelbes Fertighaus, den Opel Ascona und unseren letzten Urlaub am Gardasee. "Was wird jetzt werden?", frage ich besorgt und schaue meinen Vater an. Der sitzt zusammengesunken auf dem Sofa und antwortet nicht. Im Bett blicke ich traurig auf meine Helmut Schmidt Aufkleber. "Zieht mit, wählt Schmidt". Der Wahlkampfslogan von 1980. Der Reim beeindruckt mich stark - noch drei Jahre später. Fünf Stück kleben auf meinem Kleiderschrank, gleichberechtigt neben Karl Heinz Förster und Kalle Rummenigge. Ich dachte an Helmut Schmidt und bessere Zeiten.

Eine endlose Epoche sozialdemokratischer Niederlagen war angebrochen, damals im Bett, hab ich das geahnt. Am nächsten Morgen klingelt unser Nachbar. Onkel Hartmut. Er ist Mitglied im Arbeiterflügel der Union und hat gewonnen. Seine gute Laune verrät das. Ich hasse ihn dafür und lehne mich an meinen Vater, weil er mir Leid tut und Unterstützung braucht. "Wie kann man sich nur mit CDU-Wählern unterhalten?", fragte ich mich. Mit acht liebte ich die SPD schon von ganzem Herzen.

1976, da war ich zwei, soll ich an einem Wahlplakat schon "Hel-Mid" gerufen und auf den zukünftigen Kanzler gezeigt haben. Meine Mutter erzählt, wie erstaunt sie war, und fortan glaubte sie an eine Karriere ihres Sohnes in der Partei. Mit drei nahm ich erstmals am traditionellen Ostereiersuchen des Ortsverbandes teil. Im Gebüsch vor dem Rathaus hatte die Vorsitzende Ute Tuschinski rote Ostereier versteckt. Ich sammelte vier und verwahrte sie sorgfältig in meiner Spielzeugkiste. Im Alter von sieben verstand ich, dass wir unseren Wohlstand den klugen Entscheidungen Willy Brandts und Herbert Wehners verdankten. Mein Vater reparierte keine Waschmaschinen mehr, sondern große Druckmaschinen und war im Außendienst tätig. Als Angestellter. Samstags stand ich mit ihm in der Fußgängerzone und verteilte Luftballons. Die Sonne schien, und ich kam mir wichtig vor. "Zieht mit, wählt Schmidt", sagte ich und überreichte meiner Klassenkameradin Mareille einen roten Ballon. Dann lernte ich Tennisspielen. "Unter der CDU wäre das für ein Arbeiterkind wie dich nicht möglich", raunte mir Ute Tuschinski zu. Sie hatte eine Dauerwelle und war Clubmeisterin. Ich müsste sonst Fußball spielen, dachte ich und schwor dafür zu sorgen, dass alles so bleibt. Dass Arbeiterkinder Tennis spielen und dass die SPD bleibt und Helmut Schmidt sowieso.

Die schwarzen Zeiten. Das Ostereiersuchen empfand ich plötzlich als eine Zusammenkunft Oppositioneller, die sich konspirativ im Gebüsch vor dem Rathaus treffen. Und ich gehörte dazu. Helmut Kohl wurde dicker und unser Nachbar auch. Eines Abends stand ein Mercedes vor seiner Tür. Ein beiger Diesel. 200 D. Ich staunte. Er lud er mich zu einer Probefahrt ein, aber ich lehnte ab und ging nachdenklich nach Hause. Fortan übertrug ich meine Solidarität auf unseren Opel Ascona. SPD und Opel, dachte ich, sind eigentlich zwei Seiten derselben Medaille.

Die nächsten Wahlen standen vor der Tür und Johannes Rau war unser Kandidat. Hatte mich Hans-Jochen Vogel mit seiner Monster-Brille an Erich Honecker erinnert, erinnerte mich das gequälte Grinsen des nordrheinwestfälischen Landesvaters an die Grimassen Sepp Maiers und Hannelore Kohls. Sepp Maier war Alkoholiker und erzählte immer dieselben Witze in der Sportschau. Hanelore Kohl war die Gattin von Helmut Kohl. Das verhieß nichts Gutes. Jeden Morgen auf dem Weg zum Schulbus begegnete ich Johannes Rau. Auf großen und kleinen Plakaten. Er grinste sein angestrengtes Lächeln. Ein Verlierergrinsen. Ein Grinsen, das mir jeden Morgen rauchig kratzig weihevoll zurief: "Obwohl ich die Wahl verlieren werde, grinse ich weiter. Bis in alle Ewigkeit." Und Rau hat Recht behalten. Die Geschichte hat das gezeigt. Jahre sind ins Land gegangen. Die Menschen haben sich verändert, außer Johannes Rau. Damals hatte ich Mitleid. Mit meinem Vater, meiner Mutter und Johannes Rau. So konnte es nicht weiter gehen. Weder mit dünnen, alten Männern und dicken Brillen, noch mit Dauergrinsern waren Wahlen zu gewinnen.

Helmut Kohl wirkte folglich siegessicher und unser Nachbar auch. Ihre Entwicklungen verliefen vollkommen parallel. Ich brauchte nur unseren Nachbar anzuschauen, um zu wissen, wie es Helmut Kohl ging und Helmut Kohl, um zu wissen, wie es unserem Nachbarn ging. Ich begegnete ihm jeden Morgen auf dem Weg zur Grundschule und sah wie er sich selbstzufrieden in den beigen Mercedes setzte. "Wie geht´s?", rief er mir zu. Seinen freundlichen Gruß empfand ich als Hohn. "Er verhöhnt nicht nur mich", überlegte ich, "sondern die ganze SPD und alle Arbeiter. Insgesamt." Ich ahnte zum ersten Mal wie die Welt funktioniert.

Am Wahlabend saß ich mit meinen Eltern vor dem Fernseher. Wir kannten das Ergebnis schon vorher. Meine Mutter hatte in meiner Grundschule als Wahlhelferin gedient. Zwei große Wahlkisten hatte sie ausgezählt. Das Ergebnis war klar. 317 zu 225. Die schwarze Säule würde ins Unendliche klettern. Mein Vater guckte so missmutig wie Hans-Jochen Vogel, damals auf dem Wahlplakat. Ich litt. Konnte es noch schlimmer kommen?

Es konnte. 1988 wurde mein Vater arbeitslos. Er kam geknickt nach Hause und meine Mutter weinte. Da erinnerte ich mich an 1983 und den endlosen schwarzen Balken, der alles erfasst. Während unsere Familienentwicklung sich dem Niedergang der SPD anzupassen schien, feierte Onkel Hartmut zusammen mit der CDU Erfolge. Sein Diesel hatte ausgedient, er kaufte einen Benziner. Mit Extras und Alu-Felgen, die er samstags stolz polierte. Wir hatten jetzt einen R4. Die Welt wird von dicken, selbstzufriedenen Männern beherrscht, dachte ich damals. Und lag damit gar nicht so falsch. An einem anderen Phänomen konnte ich das beobachten. Dem Fußball. Die deutsche Mannschaft wirkte beim Fußball so, wie Helmut Kohl in der Politik. Sie okkupierten den Platz und boykottierten das Spiel. Stillstand war das Ergebnis. Die Gegner erinnerten mich an die SPD. Unter den großen Hosen schlotterten dünne Beine. Sie wirkten zaghaft und unentschlossen. Ich hatte Mitleid mit England und Mitleid mit Holland und erinnerte mich an das Hans-Jochen-Vogel-Syndrom. Da half kein Beten, da half kein Hoffen, das hatte ich mit dreizehn schon kapiert. Der Fußball lehrte mich, die Politik zu verstehen, die Politik lehrte mich, den Fußball zu verstehen. Die Sieger waren groß und selbstzufrieden. Ich träumte, wie die schwarze Säule alles verschluckt.

1990 verschluckte sie die DDR. Ich war in der Oberstufe und erkannte: Wiedervereinigungen sind nichts für Linke. In der Antifa-Gruppe warnten wir deshalb vor dem Vierten Reich. Für die SPD hatten wir nichts mehr übrig. "Sozialdemokraten haben uns verraten", sprühte ich an die Tür meines Kinderzimmers. Meine Eltern nahmen das hin. Sie hatten resigniert. Der Vorwärts hatte seinen Stammplatz auf dem Hocker vor dem Klosett eingebüßt. Auf direktem Weg verschwand er im Altpapier. Mein Vater las jetzt Stellenanzeigen und meine Mutter Die Zeit. Trotzdem gingen wir alle zusammen zur Wahl, immerhin war es meine erste. Im evangelischen Jugendheim, der Antifa-Zentrale, hatte ich am Vorabend noch geprahlt. "Wählen", sagte ich, "stabilisiert das System", und alle nickten. "Der Lafontaine ist genauso reaktionär wie Helmut Kohl", sagte Franziska, und wir schworen, die Wahl zu boykottieren. In der Wahlkabine bekam ich plötzlich Mitleid. Mit Oskar Lafontaine, meinen Eltern und allen Ostdeutschen. Ich wählte die SPD und hatte gegenüber meinen Antifa-Freunden ein schlechtes Gewissen und beschloss, meine Wahl zu verheimlichen. Um 18 Uhr saßen wir missmutig wie Hans-Jochen Vogel vor dem Fernseher und sahen der schwarzen Säule zu. Sie schoss hinauf, höher, noch höher, dann schloss ich die Augen und dachte an bessere Zeiten, an Helmut Schmidt, an das Ostereiersuchen und - meinen Antifa-Freunden zuliebe - an die Räterepublik.

Wahrscheinlich wählen alle SPD-Wähler die SPD aus Mitleid, dachte ich 1994 und lag damit gar nicht so falsch. Scheinbar war auch der Partei das aufgefallen. Mit Rudolf Scharping wurde das Mitleid Programm. Das Mitleid wird grenzenlos sein, glaubten die Wahlkampfstrategen. Ein Plakat zeigt ihn deshalb als Radrennfahrer. Er liegt in Front. Die Verfolger tragen windschnittige Helme, Rudolf Scharping ein gelbes Käppi. Eines, das man im Baumarkt als Dankeschön bekommt. Jeder weiß: dieser Mann wird niemals das Ziel erreichen. Schon in der nächsten Kurve wird er einen Platten bekommen oder ein Ast gerät in seine Speichen. Mein Vater liest weiter Stellenanzeigen und sagt: "Die Politik interessiert mich nicht mehr." Ich weiß, dass das nicht stimmt und begleite ihn zur Wahl. Das Mitleid wird grenzenlos sein, wissen die Wahlstrategen und ich. In der Wahlkabine denke ich an Rudolf Scharping und den Ast. Bestimmt tun das die anderen auch. Ich wähle die SPD. Das geht wie von alleine. Vor dem Wahllokal treffen wir Ute Tuschinski, die ehemalige Vorsitzende und Clubmeisterin. Sie kneift mir in die Wange, wie früher beim Ostereiersuchen, und sagt "Jetzt geht´s los", und reckt die linke Faust. Mein Vater und ich nicken traurig und gehen nach Hause. Wir sitzen vor dem Fernseher und schließen die Augen. Rudolf Scharping tut mir Leid, seine Familie tut mir Leid und Ute Tuschinski. Ich bin gefesselt, denke ich, an die Opel Asconas, die Scharpings und Dauergrinser dieser Welt und an die erfolglosen alten Männer mit dicken Brillen, die mit ihrem Missmut hoffnungsvolle Menschheitsprojekte zerstören. Irgendwie tue ich mir Leid und weiß: Es wird immer so weitergehen.

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00:00 20.09.2002

Ausgabe 42/2021

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