"Es zählt nicht nur der Fußball"

Frauenfußball Bei "Discover Football" treffen in Berlin Frauenfußballteams aus aller Welt aufeinander. Warum es dabei nicht nur um Sport geht, erzählt Initiatorin Valerie Assmann

Der Aufstieg in der Regionalliga ist nicht das einzige Ziel, das die Frauenmannschaft des türkischen Vereins AL-Dersimspor in Kreuzberg verfolgt. Durch den Dokumentarfilm Football Under Cover wurde das Multikulti-Team über Berlin hinaus bekannt: Die Fußballerinnen hatten 2006 ein Spiel gegen die iranische Frauennationalmannschaft arrangiert – das erste gegen ein ausländisches Team seit 1979. Jetzt will AL-Dersimspor wieder zur interkulturellen Verständigung beitragen: Vom 6. bis zum 13. Juli 2010 haben die Spielerinnen sieben Mannschaften aus aller Welt zu Discover Football nach Berlin eingeladen – dem ersten internationalen Frauen-Fußball-Kultur-Festival mit Turnier, Filmen und Konzerten. Valerie Assmann, 28, spielt Rechts-Außen und hat das Festival mitinitiiert.

freitg.de: Frau Assmann, wie entstand eigentlich die Idee, ein internationales Frauen-Fußball-Festival zu veranstalten?

Nach dem Spiel in Teheran sollte es 2007 ein Rückspiel in Berlin geben, das nicht stattfinden konnte, weil die Iranerinnen nicht ausreisen durften. Danach waren alle frustriert. Ein halbes Jahr später haben wir gedacht, dass es schön wäre, wieder etwas zu machen. Und wir wollen die Frauen-WM in Deutschland nutzen. Es gibt für Männerfußball ganz viel Kultur, gerade rund um die WM – beim Frauenfußball überhaupt nichts. Das große Turnier wird deswegen 2011 zur WM der Frauen stattfinden. Dieses Jahr wird „Discover Football“ mit acht Mannschaften halb so groß – als Vorlauf quasi.

42 Teams aus 30 Ländern hatten sich um die Teilnahme beworben. Wie kam die Auswahl zustande?

Ein Kriterium ist mangelnde Unterstützung im Heimatland, das andere Kriterium ist soziales Engagement. Die Mannschaft aus Österreich qualifiziert zum Beispiel ihr soziales Engagement, die Mannschaft aus Afghanistan die mangelnde Unterstützung. Bei den Afghaninnen war es so, dass sie schon zweimal in Deutschland waren und wir eigentlich nur Teams unterstützen wollten, die bisher nicht die Möglichkeit hatten zu reisen. Aber sie können in Afghanistan nicht einmal trainieren, weil sie so gefährdet sind – es kann immer sein, dass die Spielerinnen von Fundamentalen angegriffen werden. Sie aus dem Land rauszuholen ist die einzige Chance. Auch hier in Deutschland brauchen die Afghaninnen Polizeischutz.

Wenn soziale Faktoren entscheidend sind, stimmt das spielerische Niveau dann noch – oder geht es darum gar nicht?

Wir haben überhaupt nicht nach sportlichen Kriterien ausgewählt. Ich glaube, es treffen ganz unterschiedliche Fußballniveaus aufeinander, aber es wird sicher gut. Es zählt ja nicht nur der Fußball – wir wollen uns kennen lernen und austauschen und werden auch zusammen trainieren. Ich freue mich zwar auf alle, aber Iran und Liberia waren eigentlich meine Lieblingsmannschaften, deswegen ist die Enttäuschung so groß, dass sie jetzt doch kurzfristig absagen mussten.

Ein Déjà-vu: 2007 konnten die Iranerinnen nicht ausreisen, jetzt wieder nicht. Was war das für ein Gefühl, als Sie erfahren haben, dass Sie nicht spielen dürfen?

Ohnmacht – so ist es leider. Ich habe mich ein bisschen von dem Schock erholt. Wir haben die ganze Zeit auf eine Zusage gewartet: Der Fußballverband nimmt die Daten auf, man bekommt Termine für eine Entscheidung genannt, aber es passiert nichts. So funktioniert der Iran.

Könnte die Teilnahme der israelisch-palästinensischen Mannschaft ein Grund für die Absage gewesen sein?

Es gab keine Begründung. Ich denke, dass die israelische Mannschaft es Iran bei der Entscheidung nur sehr leicht gemacht hat, dass es aber so oder so nicht besser ausgefallen wäre. Sie müssen jetzt von einer anderen Mannschaft ersetzt werden, wie Liberia auch. Ein Team aus Serbien kommt und wir haben ein Okay von Paraguay.

Wieso dürfen die Frauen aus Liberia nicht in Deutschland spielen?

Die Mannschaft hat ihre Visa nicht bekommen, die deutsche Botschaft in Ghana hat sich geweigert. Wahrscheinlich denken sie, die Spielerinnen wollen hier bleiben. Die Mannschaft hat aber schon in Australien auf der Obdachlosen-WM gespielt und damals sind alle zurückgekommen.

Wurde der Gesinnungswechsel der Botschaft begründet?

Die Botschaft hat erklärt, die Liberianerinnen hätten nicht gut genug belegt, dass sie finanziell, beruflich und wirtschaftlich in ihrem Heimatland verankert sind. Sie hätten die Spielerinnen vorher darauf hingewiesen, so, als hätten diese solche Unterlagen und wären nur zu nachlässig, sie mitzubringen. Aber wie soll die Mannschaft, bei der alle arm, teils obdachlos sind und auch eingeladen wurden, um durch den Fußball Hoffnung zu erfahren, beweisen, dass sie finanziell, beruflich und wirtschaftlich verankert ist? Meine Enttäuschung war so groß, auch wenn viele aus meinem Team finden, dass ein Visum-Antrag eben nach bestimmten Regeln abläuft.

Sie haben selbst in Israel gelebt. Wie hoch ist dort die Akzeptanz des Frauenfußballs?

Sehr niedrig. Als ich acht Jahre alt war, waren meine Eltern als Gastdozenten in Jerusalem an der Uni und meine Geschwister und ich konnten kein Wort Hebräisch. Beim Fußballspielen konnten wir ohne Sprache mitmachen und haben sehr viel gespielt. Damals war es kein Problem, als Mädchen mitzuspielen – entweder weil wir Kinder waren oder weil WM war. Als ich während meines Studiums in Jerusalem war, wollten mich die Männer oft nicht mitspielen lassen. Um Tel Aviv herum gibt es ein paar Frauen-Teams und auch eine Nationalmannschaft, aber die Jerusalemer Frauenmannschaft war ganz schön schlecht und hat sich gerade aufgelöst, als ich dazukam. Dann gab es dort nichts mehr. Frauenfußball ist in Israel ziemlich unorganisiert und schwer zu finden.

Eine Mannschaft hat es zumindest bis nach Berlin geschafft.

Die Mannschaft, die kommt, ist halb israelisch, halb palästinensisch. Wir glauben, dass das Team erst seit einem Monat existiert. Das Peres Center for Peace hatte sich beworben, die Mannschaft hat sich wahrscheinlich erst danach zusammengesetzt. Dafür haben sie in der Bewerbung geschrieben, dass sie sich für Frieden einsetzen, aber auch, dass sie die Männerdomäne Fußball knacken wollen und das Land starke Frauen braucht. Das finde ich spannend, weil keine andere Mannschaft das so explizit sagt.

Eine solche Offenheit hätten sich die Iranerinnen gar nicht erlauben dürfen.

Ja, natürlich – die Iranerinnen hatten eine korrekte Bewerbung geschickt. Komischerweise haben sie geschrieben, sie seien die stärkste Vereinsmannschaft im Iran und könnten den Männern das Wasser reichen – obwohl sie noch nie gegen Männer gespielt haben. Das ist dort einfach undenkbar, denn man macht sich schon Sorgen, wenn man gemischt in einem Auto sitzt.

Und wie ist dort die Situation des Frauenfußballs?

Die Iranerinnen spielen zumindest Fußball, die finden ihren Platz irgendwie. Auch wenn Niloofar, die wir in Iran kennengelernt haben, zwei Stunden mit dem Flugzeug unterwegs ist zum Training, weil nicht alle da wohnen, wo sie spielen. Zu Turnieren müssen sie auch fliegen, weil die Mannschaften weit entfernt sind. Sie trainieren abwechselnd in Teheran und Bandar Abbas, da sind es jetzt schon 50 Grad und sie müssen bei der Hitze in der Halle spielen, mit Kopftuch, obwohl nur Frauen zusehen. Das ist offensichtliche Schikane, um ihnen die Lust zu nehmen. Als wir die Spielerinnen kennen gelernt haben, haben sie zwar auch in der Halle gespielt, aber in normaler Kleidung – das hat sich jetzt geändert.

Bekommen die anderen Teams Anerkennung in ihren Heimatländern?

Die Mannschaft aus Ecuador hat anscheinend keine Anerkennungsprobleme und keinen Konflikt als Frau – ihre Freunde und Familie sind stolz auf sie. Viele afghanische Spielerinnen werden von ihrer Familie unterstützt, aber es bleibt ungewöhnlich. In Sambia ist es auch mit den Eltern schwieriger, aber die Frauen erhalten Geld und Bildung, das hat die Eltern wahrscheinlich überzeugt. Auch wenn es für die Afrikanerinnen anfangs schwer war, sich durchzusetzen, haben sie sehr gute Assoziationen zum Fußball. Eine findet, dass Fußball ein Mittel sein kann, das Leben von jemandem so zu verändern, dass es sie stärker macht, sie wieder Hoffnung bekommen und an eine Zukunft glauben.

Und wie sieht es in Deutschland aus?

Die Nationalmannschaft ist akzeptiert, Amateurfußball weniger und dass Frauen einfach so aus Spaß spielen, am wenigsten. Wenn wir spielen, kommen von kleineren Jungs blöde Sprüche – aber die Sprüche werden weniger blöd, je älter die Leute sind. Es ist eben etwas anderes. Wenn ich mit dem Ball am Fuß in den Victoriapark laufe, was bei einem Jungen selbstverständlich wäre, ist es klar, dass irgendwelche Kommentare kommen. Und beim Layouten und dem Texten für das Festival habe ich gemerkt, dass es eben „Frauenfußball“ heißt – nur „Fußball“ ist automatisch Männerfußball.

Was erhoffen Sie sich von „Discover Football“ – auch über das Festival hinaus?

Wir wollen die Entwicklung von Frauenfußball in der Welt fördern. Fußball kann unheimlich viel bewegen. Die Ecuadorianerinnen wollen ihre Kultur, Quechua, promoten, in Liberia ist der Fußball ein Weg, vom Krieg traumatisierten Frauen Selbstwertgefühl wiederzugeben. Auf dem Festival sollen alle eine gute Zeit haben und viele Kontakte hergestellt werden, die den Mannschaften die Zukunft erleichtert.

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13:51 06.07.2010

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