Europäische Kulturhauptstädte - Eine Bilanz

Nachhaltigkeit Die Idee der Kulturhauptstadt soll die Kunst in den Städten stärken. Doch was bleibt den Städten und Künstlern nach dem Ablauf ihrer Hauptrolle?

Die Initiative Kulturhauptstädte Europas war der Traum von Melina Mercouri mit einem doppelten Ziel und doppelter Ausrichtung. Einerseits richtete sich die Initiative nach innen, es sollte in Europa das Bewusstsein geprägt werden, zusammen zu gehören. Aber gleichzeitig auch nach außen, um die Erweiterung der EU zu fördern.

Bis 1990 haben ausschließlich Hauptstädte um den Titel gerungen. Mit Glasgow 1990 nahm aber diese Tendenz einen Wendepunkt. Die Stadt hat sich mit einer ganz neuen Strategie beworben: Wie kann Kultur zur Stadtentwicklung beitragen? Kann Kultur Geld in eine verschuldete Stadt bringen, kann Kultur lukrativ sein? Seitdem die Glasgower bewiesen haben, dass es machbar ist, ist der Titel eindeutig als eine Programmserie mit Nachhaltigkeitseffekt für die Bevölkerung gedacht.

Slowenien

Im Falle des slowenischen Maribor ist der Nachhaltigkeitseffekt noch schwer zu beurteilen. Wenn man aber das Jahresprogramm Maribors unter die Lupe nimmt, kann festgestellt werden, dass es an wirklich großen und spektakulären Events oder internationalen Stars fehlte. Das war auch nicht der Schwerpunkt sagt Mia Mise, Leiterin der Tourismus-Organisation.

„Wenn man die Bewerbung von Maribor aus dem Jahr 2006 und was davon realisiert wurde miteinander abgleicht, kann gesagt werden, dass die zwei, wie Stiefbrüder, nicht viel miteinander zu tun haben. Man hatte auch in Maribor vieles vor. Vor allem die Errichtung eines neuen Kulturzentrums. Das ist aber nichts geworden, weil zwischen der Bewerbung und dem tatsächlichen Ereignis 6 Jahre vergangen sind und in dieser Zeit hat sich die Welt geändert, sie wurde sogar auf den Kopf gestellt. Man hoffte und rechnete auf mehrstellige EU-Gelder, aber die sind wegen der globalen Krise nicht gekommen, oder nur ein Bruchteil davon”, so Frau Mise.

Über konkrete Summen will sie nicht sprechen. Da es an großen Events fehlte, kamen die Touristen nicht in Massen. Und slowenischsprachige Künstler könnten viele Touristen eh nicht verstehen. Zum Glück hat die Kunst den Charme, auch ohne Worte vieles aussagen zu können. Dazu aber muss die Kunst vor Ort gefunden werden, was in Maribor nicht einfach ist. Die Galerie, die eine Austellung mit berühmten Slowenen und ihren Gebrauchsgegenständen verspricht, ist trotz der Öffnungszeit geschlossen und kein Schild erklärt uns warum, oder ob sie überhaupt aufgemacht wird.

Unsichtbare Kunst

Andere Kunstwerke, wie zum Beispiel die Kaugummi-Milchstraße in der Fußgängerzone fallen gar nicht auf, wenn man nicht extra darauf aufmerksam gemacht wird. So ist es auch mit den Kunstwerken der Kindergartenkinder, die berühmte slowenische Sehenswürdigkeiten, Häuser aus Ton und Lehm geformt haben. Sie befinden sich weit unten, vor den Zuschaueraugen versteckt, auf dem Pflaster der Fußgängerzone am Fuße der Strommaste. Die Präsentation ist zu unauffällig. Man hat den Eindruck, dass die Mariborer die Eventreihe für sich selber ausgedacht und organisiert haben, was nicht so schlimm ist, wie es sich anhört.

„Die Mariborer und die Menschen in Slowenien sind überhaupt ein wenig depressiv und gehen nicht gern aus, sondern hocken zu Hause und gucken fern. Aber diese Veranstaltungen und die Tatsache, dass sie sie aktiv mitgestalten konnten, haben sie dazu bewegt, ihre Nester und Käfige zu verlassen. Sie nehmen aktiv teil, sei es ein Vorlesungsabend, ein Konzert oder eben ein Kochevent auf einem bis jetzt zum Parken benutzten Hinterhof”- sagt Jasna Vrecko, Journalistin.

Es ist vielleicht gut, dass man nicht so viel Geld für Spektakuläres hatte. In der Not fühlte sich die Zivilbevölkerung gezwungen, sich an der Programmerfindung aktiv zu beteiligen. Sie kamen mit einfachen aber tollen Ideen. Wie: Lass uns mit Tante Slavica auf dem Hinterhof im Freien alte slowenische Spezialitäten zubereiten und wie wäre es, wenn wir dann die Zutaten auch selbst anbauen würden, und wenn schon, warum nicht autochtone, heimische Sorten, sogar im Kindergartenhof als Anbauort?

Das ungarische Pécs

Immer noch besser als im Falle von Pécs, Kulturhauptstadt 2010, wo leider von Anfang an klar war, dass die gesamte Veranstaltung zum Tode verurteilt ist. Und es sind tatsächlich zwei Todesfälle aufgetreten, die die Vorbereitungen und Vorgeschichte enorm beeinflusst haben.

2006 starb László Toller, der Oberbürgermesiter der Stadt, an einem Autounfall. Das Kulturjahr war schon in der Planungsphase, seit 2005 wußte man, dass Pécs Kulturhauptstadt wird. Das Konzept von Toller fiel mit ihm ins Grab, er hatte fast niemanden in seine Pläne eingeweiht. Sein Nachfolger, ebenso Sozialist, Peter Tasnádi starb 2009 unmittelbar vor dem Endspurt der Realisierungssphase an Krebs.

Der Stadt reichte es mit den Sozialisten, sie wählten den Kandidaten der Fidesz Partei, Zsolt Páva. Im Land und im Parlament regierten die Sozalisten. Der Urhass der beiden half der Veranstaltung nicht, im Gegenteil sie hinderte bei jedem Schritt. Was die Stadtverwaltung vorschlug, ließen die Sozialisten aus Trotz nicht zu, was sie vorschlugen, wurde auf der anderen Seite ebenso aus Trotz nicht akzeptiert.

Geisterstadt der Versprechen

Das Konzept fing mit großen Versprechungen von U2 und Sting- Konzert über Matisse-Ausstellung bis zu einer neuen Konzerthalle unweit des Stadtzentrums an. Die wichtigsten Pfeiler des Konzepts waren, Pécs in eine grenzüberschreitende Stadt zu verwandeln. Daher der Name des Konzepts: Eine Stadt ohne Grenzen. Erst nach den fertiggestellten und genehmigten Plänen wurde es der Stadtverwaltung klar, dass sie diese Gebäude, die sie aus EU-Gelder erbaut hatten, auch mit Publikum füllen, erhalten und finanzieren müssen.

„An den Bauten und öffentlichen Plätzen sieht man, dass sie nicht von Pécser Künstlern und Archtitekten entworfen worden sind, sie sind einfach seelenlos und fremd für die Einheimischen. Im Zsolnay-Viertel steckt viel Potenzial, es hat aber keinen wirklichen Kontakt zu der Stadt, wegen seiner Lage. Es liegt einfach außerhalb, kein Pécser würde so weit laufen, um Kaffee zu trinken, ins Restaurant zu gehen oder eine Ausstellung anzusehen” – so Katalin Acél, Architektin.

Anfang September ist das Zsolnay-Viertel einer Geisterstadt gleichzusetzen. Alles steht leer, zwei Jahre sind seit dem Kulturjahr vergangen, jetzt ist mehr als die Hälfte des Komplexes ohne Funktion. Der Direktor, István Márta möchte mich sogar per Telefon loswerden, er empfiehlt seine Sekretärin als Interviewpartnerin.

Man muss traurig feststellen, dass sich in Ungarn sehr wenig verändert hat. Die Spielregeln der Politik sind zu fest, als dass so ein Ereignis etwas daran hätte ändern können. Die Pécser Künstler und Intellektuellen haben dagegen zu wenig Moneten in den Flinten um den Drachen zu töten. Ihre Träume sind zu übertrieben und sie sind nicht fähig, eine Brücke zwischen Politik und Zivilisten zu schlagen.

Österreich

In Graz hingegen - Kulturhauptstadt 2003 - empfängt mich Herr Dr. Peter Grabensberger, der Abteilungsvorstand des Kulturamtes Graz. Bei sich hat er eine Analyse, die die retrospektiven Betrachtungen und längerfristigen Chancen der Kulturhaupstadt in Erwägung zieht, und konkrete Angaben zu direkten und indirekten Wirtschaftsimpulsen über Bruttowerterschöpfung bis Nächtigungszahlen liefert.

„Ich fange mit dem Kulturbudget an, weil alles im Endeffekt damit zusammenhängt. In dem Kulturjahr hat die Stadt Graz erfreulicherweise ihr Kulturbudget gleich belassen, wie im Jahr zuvor. Alles, was die Projekte der Kulturhauptstadt betroffen hat, ist extra finanziert worden, das war ein wichtiger Punkt. Der zweite war, dass man versucht hat, die Infrastruktur so zu finanzieren, dass das normale Budget davon nicht betroffen wird.

Trotzdem war das folgende Jahr 2004 ein Absturz, weil dieses große Budget, woran sich der Bund, das Land Steiermark und die EU auch beteiligt haben im Jahr 2004 nicht mehr da war. In Graz ging das Leben auch im kulturellen Sinne weiter. Die Problematik, die alle Städte im Rückblick haben ist, dass sehr viel Geld an die entstandenen Projekte gebunden ist. Das Literaturhaus kostet Geld, das Kunsthaus kostet Geld, das Kindermuseum etc.

Im Jahre 2003 konnten wir Projekte verwirklichen, die schon 100 Jahre in der Dikussion standen, wie das Kunsthaus beispielsweise. Der Bau war kein Teil des Kulturhaupstadtjahres, das wurde alleine, extra durch die Stadt Graz finanziert. Aber das ist eine Entwicklung gewesen, die sich aus dem Jahr als Kulturhauptstadt ergeben hat. In der Infrastruktur haben wir sehr viel Nachhaltiges. Diese Infrastrukutur muss aber auch bespielt werden.

Neues Lebensgefühl

Wir haben immer sehr starke Beziehnungen zu Ost- und Süd-Europa gehabt, auch in der freien Szene. Was sich mit dem Kulturhauptstadtjahr grundsätzlich geändert hat, ist die Einstellung zu den Programmen. Es wurde oft darüber lamentiert, dass man am Wochenende in Graz nicht viel unternehmen könne. Mit dem Jahr 2003 hat sich das Lebensgefühl geändert. Das Kulturjahr und die serbischen und kroatischen Flüchtlinge haben ein südliches Lebensgefühl mitgebracht.

Darauf reagiert natürlich auch die Wirtschaft, die Restaurants. Dieses neue Gefühl in Graz ist wahrscheinlich eine der wichtigsten nachhaltigen Entwicklungen aus 2003. Auch die Einstellung zu Förderungen wurde durch das Kulturjahr geändert. Wir veröffentlichen jedes Jahr einen Kunst-und Kulturbericht, jeder kann nachvollziehen und sehen, wer wieviel bekommen hat. Das ist eine wichtige Entwicklung gewesen.

Die freie Szene hat durch das Kulturjahr mehr Selbstbewusstsein bekommen, das hat gezeigt, dass sie sich als Träger und Initiatoren verstanden haben. Seitdem finden in Graz dank der freien Szene pro Tag fast 100 Kulturveranstaltungen statt, diese Tendenz konnte ich in anderen Städten nicht feststellen. Und noch einen wichtigen Ertrag hatte das Kulturjahr: Niemand wird mehr die Kultur und Kunst in Graz in Frage stellen. Das Budget für Kultur ist sogar ein Wahlkampfthema geworden.”

Bis heute entstehen in Graz in alten Häusern neue Strukturen. Am linker Ufer der Mur werden die seit Jahren leer stehenden Läden an junge Designer fast gegen nichts vermietet, weil das Design zur europäischen Positionierung der Stadt gehört. Die Kunst spielt sich in der Stadt im öffentlichen Raum ab, Kunst und Kunstobjekte sind Orte der Begegnung. Aber die Kultur oder der Ertrag des Kulturjahres ist in Graz nicht nur im Stadtzentrum präsent, sondern auch am Stadtrand. In der Industriezone wurde eben von der Stadt das Futterwerk Tagger angekauft. Dort soll jetzt viel Kultur entstehen: ein kleiner Verlag, Ateliers und La Strada das Festival für Strassen- und Figurentheater werden da untergebracht.

Zum Schluss

Da alle Beiträge solcher Art nach Fazit schreien, werde auch ich nicht ohne gehen. Wo vorher Kultur ein Bestandteils des alltäglichen Lebens war, hat sie Nachhaltigkeit. Wo sie das vorher nicht war, kann allein durch ein Event - egal, wie groß oder europäisch es ist- Kultur nicht generiert werden.

Ich war vor kurzem auf einer Konferenz in Russe, das sich für das Kulturjahr 2019 bewerben möchte. Die Bewerber trauen sich aber noch nicht, ein Konzept aufzustellen, weil sie zuerst aus den Stärken und Schwächen der anderen Veranstaltungen lernen und Schlüsse ziehen wollen. Viel Glück!

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11:01 28.12.2012

Ausgabe 39/2020

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