Eventfieber

Kehrseite "Zu Hause bleiben wir nicht!" bestimmte Roland kategorisch, als ich mich auf ein ruhiges Wochenende mit Bügelwäsche und einem Besuch bei Großmutter ...

"Zu Hause bleiben wir nicht!" bestimmte Roland kategorisch, als ich mich auf ein ruhiges Wochenende mit Bügelwäsche und einem Besuch bei Großmutter im Seniorenpark freute. "Wir wollten uns doch schöne Stunden in der Pathologie machen! Hast du etwa vergessen, dass heute Museumsnacht ist?" fragte er entrüstet. "Und iss nicht soviel - als Tagesgericht soll´s dort Tote Oma geben!" "In Spiritus?" fragte ich pikiert und legte das Bügeleisen ergeben in die Halterung zurück.

Seit Wochen geht das nun schon so - Richard Kimbles Flucht ist das reine Understatement gegen unser Dasein. Wir sind überall und jetten von Honkytonk, zu Balloonviesta, von Rendezvous im Zoo zu Cityfest, von Bachmarathon zu Classic Open, von Beach-Soccer zum organisierten Sonnenuntergang auf dem Denkmal. Den Tag der offenen Museumstür, dem wir so entgegengefiebert hatten, mussten wir allerdings nach Deutschem Kleingärtner- und Apothekenmuseum wegen Übermüdung vorzeitig beenden. Wir schliefen über dem dort kredenzten Kamillentee ein, aber wir hatten ja noch die vierstündigen Videos ...

"Könnt Ihr Euch nicht mal alleine ein Pharaonengrab angucken?" maulte Schwiegervater vor dem Bildschirm, als er uns in der Menschentraube, die Einlass ins Ägyptische Museum begehrte, nicht gleich entdeckte. Vollkommen hoffnungslos unser Entgegenkommen, ihm einen visuellen Eindruck von unserem Leben zu vermitteln. Wir wechselten untereinander unseren "Er-kriegts-nicht-mehr-gerafft-Blick". Außerdem saßen wir schon wieder wie auf Kohlen - Pavarotti und friends sangen heute Abend zwischen Urkrostitzer Bier und Horten-Werbung den Gefangenenchor aus Nabucco, alles gedoubelt! - danach Riesenviedeoschau mit Gräfin Kallmann - das durften wir auf keinen Fall verpassen. Wir simulierten eine Bildstörung und begaben uns im Schweinsgalopp zu Classic Open.

Am prickelndsten aber war in diesen bewegten Vorsommertagen das Event der Stadtwerke "Hour of the lovely candle" während der Energiesparwoche. Genau um Mitternacht fand auf dem Marktplatz das gemeinsame Eintauchen der Zuschauer in völlige Dunkelheit statt. Schaurig schön.

Mitunter packt uns die Angst, den Veranstaltern gingen die Events aus. Dabei könnte man noch so viel öffnen, wo lange keiner gewesen ist: Den Schnürboden im Schauspielhaus zum Beispiel, die Duschräume im Gewandhaus, die Tierfriedhöfe unter Rosenbüschen in Nachbars Garten oder die Haustüren von in den letzten zehn Jahren zugereisten Familien. "Tag der offnen Wohnungstür" mit Einsicht in regionales häusliches Brauchtum, das wäre doch was! Es gibt noch vieles gemeinsam zu entdecken, trösteten wir uns; diesen Sommer verbringen wir nicht allein!

Wir wollten schon unser Grundstück am Wochenende vermieten, weil wir eh nie zu Hause sind, als es uns neulich auf der geführten "Radtour mit Schlips und Schleife" wie ein Blitz durchfuhr: Wenn die Rechtsmediziner ihre Leichenhallen öffnen, können wir doch auch unseren eigenen Kohlenkeller aufsperren, riefen wir wie aus einem Munde! Das Home-Event war geboren. Nun ist es offiziell:

"Wir laden die Öffentlichkeit gegen einen angemessenen Obolus zur Besichtigung unserer Schwerkraftheizung mit Koksfeuerung ein. Führung durch den heimischen Kohlenkeller ab 22.30 Uhr open end. Besonderer Höhepunkt um Mitternacht: Ins Ofenrohr gucken und in der heißen Asche stochern. Gussofen der Marke VEB Heizkesselwerke Schönebeck wird dafür extra noch einmal in Betrieb genommen. Wir danken der Lausitzer Brikettfabrik für die großzügige Förderung dieses Events!"

Wir fühlen uns blendend. Wir haben uns Ziele gesetzt. Unser Motto lautet: Wir liegen voll im Trend und machen selber ein Event!

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00:00 15.06.2001

Ausgabe 42/2021

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