Ewalds Welt

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Als Profi spielte Ewald Lienen oft auf der Position des Linksaußen. Diese Information ist nicht ohne Brisanz. Denn in jenem Teil der Welt, wo der Ball rund ist und ein Spiel neunzig Minuten dauert, gilt auch die eherne Weisheit, dass Torleute und Linksaußen eine Macke haben. Im anderen Teil der Welt, den man ruhig ein Paralleluniversum nennen könnte, gilt dieser Ewald Lienen als ein sympathischer, nachdenklicher Nonkonformist, und dass er links außen spielte, inspirierte so manchen Journalisten zu einer vermeintlich sinnigen und doppeldeutigen Überschrift, die irgendwie Linksaußen und Lienen in einen Satz zwängte. "Grau ist alle Theorie, maßgebend ist auffem Platz", gehört aber zu den Weisheiten der irdischen Welt, und hier wechselte Ewald Lienen im Jahr 1977 in die erste Bundesliga zu Borussia Mönchengladbach. In die Nationalelf brachte es der Spieler Lienen nie, was, so erklärt man sich das in der Welt des Fußballplatzes, an seinen spielerischen Mängeln lag.

Die Erklärung passt nicht zum Bild des Ewald Lienen, wie man es sich in der Welt jenseits des mit der Kreide markierten Rasens macht. Da verweist man nämlich lieber auf den Linken Lienen. Der war immatrikulierter Student der Pädagogik, er hatte lange Haare, war engagiert in der Initiative "Weg mit den Berufsverboten", und für den Frieden war so einer natürlich auch. Schon früh nervte er Mitspieler damit, sie sollten ihm gefälligst mit Unterschriften gegen Berufsverbote gefällig sein. Er verschickte seine Listen gar an alle Bundesligaclubs, mit der Bitte, sie an die Spieler weiterzuleiten. Aus der ganzen Bundesliga erhielt Lienen etwa zwanzig Unterschriften. Das kann man so deuten, dass Fußballprofis wahlweise unpolitisch oder - korrumpiert durch hohe Gehälter - reaktionär wären, aber das wäre Interpretationen, die der schon geschilderten unfußballerischen Welt entsprängen.

Woanders hätte man vielleicht Verständnis für sich artikulierenden Unmut über einen, der nach einem Spiel, wenn man erschöpft in der Kabine hockt, über Themen nicht reden, sondern diskutieren möchte, die einen selbst nicht so sehr berühren. Und wenn der forsche junge Diskutant obendrein zwar eine Unterschrift will, sich aber, wie der junge Lienen, selbst weigert, Autogramme für Fans zu schreiben. Winfried Schäfer, der heute als Trainer arbeitet und damals als Profi von Borussia Mönchengladbach Opfer von Lienens Politattacken wurde, schimpfte etwa über dessen Weigerung, selbst zehnjährigen Jungens Autogramme zu geben: "Da malochen die Leute die ganze Woche, zahlen für ein Spiel 20 Mark Eintritt, und der Lienen gibt nicht mal ne Unterschrift." In der anderen Welt, wo der Fußball nichts zählt, kam Lienen mit dieser Haltung, begründet als aktive Tat gegen Heldenverehrung, gut an. Lienen verkündete in dieser Zeit - nach Auskunft meines Archivs: erstmals als 26-Jähriger - mindestens einmal jährlich, dass er im nächsten Jahr mit dem Profigeschäft aufhören und sein Studium abschließen wolle. Im Alter von 38 Jahren beendete Lienen endlich, mittlerweile war das Studium abgebrochen, seine Profikarriere und wurde sofort Trainer. Lienen wurde bald Cheftrainer des MSV Duisburg, mit dem er gar in die erste Bundesliga aufstieg. Doch im zweiten Erstligajahr spielte das Team schlecht, und Lienen flog. Ähnliches - gute erste Saison, miese zweite - wiederholte sich bei Hansa Rostock, und zur Zeit (zumindest zur Zeit vor dem Redaktionsschluss dieser Ausgabe) ist Lienen Cheftrainer des 1. FC Köln, mit dem er eine gute erste Erstligasaison hingelegt hatte, und den er in der zweiten Saison in die Krise führte. Lienen muss sich behaupten in der Welt des Fußballs, in der nur Tore und Punkte zählen. Und hier liest sich die jüngste Bilanz des Trainers Lienen desaströs: 1:2-Heimpleite gegen Nürnberg, 0:3-Auswärtspleite in Berlin, 0:4-Heimpleite gegen Wolfsburg, 0:3-Auswärtspleite in Rostock und zuletzt eine 0:2-Heimpleite gegen Bayern München. Nach den Regeln dieser Welt müsste Ewald Lienen entlassen werden, aber der Mann hat, anders als viele Kollegen, einen Ausweg: Er flüchtet sich in die andere Welt, wo er nicht als einer gilt, der den Fußball mit grobem politischen Unfug stört, sondern als Intellektueller. Als sich die Krise des FC Köln schon andeutete, kam es Lienen zupass, dass gegen Manhattan ein Terrorschlag vollzogen wurde. Lienen wusste, was zu tun war. Als DGB und Arbeitgeberverbände zu einer fünfminütigen Arbeitsniederlegung aufriefen, da ließ auch Lienen seine Profis während des Waldlaufs anhalten und schwer betroffen auf den Matschboden starren. Was als Demonstration gedacht war, man solle doch, bevor man ihn rauswirft, daran denken, dass es wichtigere Dinge als Fußball gibt (gern wüsste man, welche), wurde doch nur zum Beweis, dass nicht nur Ball und Welt rund sind, sondern dass auch Torwarte und Linksaußen eine Macke haben.

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00:00 02.11.2001

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