Expertin

Stichworte Christa Lufts Analyse der ökonomischen Entwicklung in "Wendeland"

Christa Luft hat sich mit diesem Werk - es ist nach Zwischen Wende und Ende (1990) und Die nächste Wende kommt bestimmt (1994) ihr drittes Buch - viel vorgenommen: In einer faktenreichen, sehr flüssig und engagiert geschriebenen Analyse beschreibt sie die aus ihrer Sicht wirtschaftlich fahrlässige Abwicklung des Ostens, vor allem aber die Entwicklung vom "rheinischen zum reinen Kapitalismus" in Deutschland und die, wie sie es nennt, "Amerikanisierung der Weltwirtschaft". Sie beschäftigt sich dieses Mal also mit einer ganz anderen Art und Dimension von Wende. Sie geht grundsätzlich von dem Standpunkt aus, dass diese Entwicklungen sich nicht aus Sachzwängen ergeben, sondern gemacht sind, entweder von wirtschaftlichen oder von politischen Eliten. Vor diesem Hintergrund entwickelt sie auch ihre Vorstellungen einer anderen Wirtschafts- und Sozialpolitik.

Es gibt in ihrem weit ausholenden Buch kaum eine zentrale Entscheidung, ein bedeutendes historisches Ereignis oder ein wichtiges Stichwort zu diesem wahrlich breiten Themenfeld, das sie nicht behandelt: der verweigerte Neuanfang in Deutschland - verbunden mit einer harschen Kritik an dem Opportunismus vieler ostdeutscher Politiker - und seine Folgen, die ihrer Ansicht nach zu den großen Problemen von heute geworden sind; die Nachteile des europäischen Stabilitätspaktes; die Rekapitalisierung in Russland und Osteuropa, übrigens eines der spannendsten Kapitel; die Risiken und Chancen der Ost-Erweiterung der EU; die vielfältigen Gefahren, die dem Sozialstaat in Deutschland drohen; die Rolle der Finanzmärkte und eben die "Amerikanisierung" der Weltwirtschaft.

Ebenso nützlich wie anregend sind die Kapitel, in denen sie sich - vergleichbar mit Autoren wie Albrecht Müller und Peter Bofinger - mit den gängigen Legenden und Thesen der Mainstream-Ökonomen - Sozialstaat zu teuer, Arbeitszeit zu kurz, Unternehmenssteuern zu hoch - auseinandersetzt und sie auch mit viel Datenmaterial zu widerlegen versucht. Entsprechend breit angelegt entwickelt sie auch ihre Vorstellungen einer Alternative zur herrschenden Wirtschaftspolitik: eine andere Arbeitszeit-Politik, die Machbarkeit von Vollbeschäftigung, Mindestlohn, Grundeinkommen, eine höhere Bedeutung von ehrenamtlicher Arbeit, Ansätze einer neuen linken Eigentums- und Mittelstandspolitik.

Der Nachteil, der sich zwangsläufig ergibt, wenn ein solch großes Thema zurecht breit angelegt behandelt wird, sowohl in Analyse als auch in der Entwicklung von Alternativen: Die Autorin eilt nicht selten von Stichwort zu Stichwort, kann viele nur kurz abhandeln, verharrt manchmal auch zu nahe an der Tagespolitik, an vergangener wie aktueller. Über was würde man von Christa Luft mehr lesen wollen? Beispielsweise über ihre Einschätzung der wirtschaftspolitischen Kompetenzen von heute an führender Stelle tätigen westdeutschen Politikern, wie dem Bundespräsidenten Horst Köhler. Eine solche Nachbereitung aus dieser zeitlichen Distanz wäre eben kein "Nachkarten", sondern eine kritische kompetente Bewertung von Politikern, die uns heute regieren. Die Kapitel über ihre Vorstellungen von Eigentum, von der Bedeutung des Mittelstandes für eine linke Wirtschaftspolitik, auch darüber würde man gerne mehr lesen; möglicherweise zu Lasten von Themen wie der Auseinandersetzung mit dem EU-Stabilitätspakt und anderer, über die man nicht selten von anderen Autoren an anderem Ort gleiches lesen kann. In diesem Sinne hätte eine behutsame, aber deutlich thematische Konzentration diesem Werk mehr Spannung geben können.

Das Buch ist jedoch ein unwiderlegbarer Beweis dafür, dass es sehr kompetente, differenziert argumentierende Wirtschaftspolitiker aus Ostdeutschland gibt. Ja, das sollte schon bewusst festgehalten werden. Zwar redet niemand mehr öffentlich von der ostdeutschen "Laienspielschar", wie es einst prominente bundesdeutsche Politiker zu Beginn der Wiedervereinigung taten. Aber es fällt schon auf, dass diese ostdeutschen Experten - im Gegensatz zu den Sinns, Zimmermanns, Steingarts et cetera - beispielsweise in entsprechenden Fernsehrunden nicht oder nur sehr selten auftauchen. Dabei könnte jemand wie Christa Luft mit ihrer theoretischen wie praktischen Erfahrung als Wirtschaftspolitikerin der DDR einiges zu einer ebenso unaufgeregten wie inhaltlich spannenden Debatte über das beitragen, was sich heute in Deutschland Wirtschaftspolitik nennt.

Christa Luft: Wendeland - Fakten und Legenden. Aufbau Taschenbuch, Berlin 2005, 275 S., 8,50 EUR


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