Alexander Jürgs
Ausgabe 0816 | 09.03.2016 | 06:00 1

Falscher Löwe

Ausstellung Gewalt ist das bestimmende Thema in der Kunst von Regina José Galindo und Arcangelo Sassolino. In Frankfurt muss sie dafür bluten, er lässt es krachen

Eine Performance eröffnet die Ausstellung. Auf einer Krankentrage wird die guatemaltekische Künstlerin Regina José Galindo in den Raum gebracht. Die Träger stehen da, rühren sich kaum, die Anstrengung merkt man ihnen nicht an. Galindo liegt nackt auf der Trage, wird von den Besuchern umringt. Sie atmet ein, sie atmet aus, die Bauchdecke hebt sich, das Piercing in ihrem Bauchnabel scheint zu tanzen. Dann entdeckt man, dass Blut von der Trage aus auf den Boden tropft, doch man sieht keine Wunde, keinen Schnitt. Galindos Bewegungen werden heftiger, ihr Körper wölbt sich immer mehr, der Blutfleck wird größer, bildet Rinnsale. Secreto de Estado heißt die Aktion, Staatsgeheimnis. Besonders aufgewühlt wirkt das Publikum im Frankfurter Kunstverein nicht. Man gibt sich abgebrüht, bald schon lichten sich die Reihen, geht es zurück an die Bar. Die Schockwirkung solcher Performances hat abgenommen. Den vollen Körpereinsatz, die Zurschaustellung nackter, verletzlicher Haut, ist das Kunstpublikum längst gewöhnt. Galindos Aktionen wirken umso heftiger dort, wo sie auf unvorbereitete Zuschauer treffen, immer dann, wenn sie im öffentlichen Raum agiert.

Reine, rohe Kraft

Bekannt wurde die heute 41-Jährige durch die Performance ¿Quién Puede Borrar las Huellas? (auf Deutsch: Wer kann die Spuren löschen?), mit der sie 2003 in Guatemala-Stadt gegen die Präsidentschaftskandidatur des früheren Diktators Efraín Ríos protestierte. Wie kann es sein, fragte Galindo mit ihrer Aktion, dass ein verhasster Putschist, einer der Hauptverantwortlichen des guatemaltekischen Bürgerkriegs, der das Leben von mehr als 150.000 Zivilisten, vor allem aus der indigenen Bevölkerung gefordert hat, nun wieder für das höchste Amt im Staat kandidiert? In einem schwarzen Kleid lief sie durch die Stadt, vom Verfassungsgericht zum Nationalpalast. Sie trug eine Schüssel voll Blut mit sich, tauchte ihre Füße hinein, hinterließ ihre Spur.

In der Ausstellung Mechanismen der Gewalt im Frankfurter Kunstverein zeigt ein Video den künstlerischen Protestmarsch durch die Stadt. Die wichtigsten Aktionen von Galindo, die 2005 mit dem Goldenen Löwen der Venedig-Biennale in der Kategorie der unter 35-jährigen Künstler ausgezeichnet wurde, sind in der Schau dokumentiert. Galindo geht es darum, zu zeigen, dass meist Frauen die Opfer von Gewalt sind. Man sieht, wie sich das Wort perra – Hure – in die Haut ritzt. Das Blut in der frischen Wunde erscheint in einem satten Rotton, auch diese Aktion soll die Erinnerung an den brutalen Bürgerkrieg wachhalten. Man sieht, wie die Künstlerin nackt, ausgeliefert, in Embryonalstellung unter einer transparenten Kuppel liegt – Besucher der Performance schlagen wie besinnungslos mit Stöcken auf diese Behausung ein. Für eine andere Inszenierung lässt sich Galindo, wieder nackt, in einem Plastiksack auf eine Müllkippe tragen.

Großformatige Fotografien und Videos zeigen ihre Aktionen. Und auch der Goldene Löwe, der Galindo verliehen wurde, ist ausgestellt, in einer perfekt ausgeleuchteten Vitrine. Es ist eine Fälschung, das Original hat die Künstlerin an ihren Kollegen Santiago Sierra verkauft, den Falso León hat sie später aus guatemaltekischem Gold anfertigen lassen. Den herrschenden Blickwinkel und Gewissheiten zu hinterfragen, das ist der Kern von Galindos Kunst. Die Mittel, die sie dafür wählt, sind drastisch.

Gegenübergestellt werden ihre Werke den Arbeiten des italienischen Künstlers Arcangelo Sassolino. Auch er setzt sich mit Gewalt auseinander, nicht mit politischer Gewalt, sondern mit der Kraft an sich. Sassolino, Jahrgang 1967, baut verstörend wirkende Installationen, die das Wirken von durch und durch physischer Gewalt versinnbildlichen. Im Treppenhaus des Kunstvereins stößt man auf eine tiefschwarze, sechsgliedrige Baggerkralle. Sassolino hat ihren Mechanismus manipuliert, das Werkzeug macht sich selbstständig, wandert wie ein Insekt durch den Raum, zerkratzt den feinen Granitboden. Im anschließenden Ausstellungsraum, der mit einem Zaun abgegrenzt wurde, entdeckt man ein anderes sonderbares Gerät, das sich als Projektil herausstellt. Leere grüne Bierflaschen fallen in ein Rohr, werden nach Zufallsprinzip mit voller Wucht hinausgeschossen, zersplittern an einer Metallscheibe, werden pulverisiert. Mit beinahe 1.000 Stundenkilometern schießen die Flaschen durch den Raum, mit dem bloßen Auge erkennt man sie nicht. Reine, rohe Kraft, ohne Sinn.

Zweimal starke Bilder, zweimal die Beschäftigung mit der Gewalt, das jeweils auf völlig unterschiedliche Weise: Diese Gegenüberstellung funktioniert erstaunlich gut. Wo Galindo mit kunsthistorischen Bildern, mit dem gruseligen Realismus der mittelalterlichen Meister und dem feministischen Aktionismus von Künstlerinnen wie Valie Export, Martha Rosler oder Birgit Jürgenssen spielt, betätigt sich Sassolino als ironischer Tüftler, als Handwerker, zeigt die Faszination der puren Gewalt, lässt es krachen. Beides berührt einen, greift einen an, schafft es, zu verunsichern. Kurz hat man die Hoffnung, dieser Druck ließe sich im Ausstellungshaus einschließen. Es ist eine Illusion, natürlich.

Info

Mechanismen der Gewalt Regina José Galindo, Arcangelo Sassolino Frankfurter Kunstverein, bis 17. April

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 08/16.

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