Faust

Im Kino Die Dokumentation "Too much future" erzählt von den Punks in der DDR und den Protagonisten dieser Szene

Schon zu Zeiten seiner höchsten öffentlichen Präsenz, Ende der siebziger bis Mitte der achtziger Jahre, wurde Punk für tot erklärt. Natürlich konnte er nicht einfach durch ein biederes Revival, den Neopunk der letzten Jahre, wieder zum Leben erweckt werden. Und auch nicht durch eine seit der Jahrtausendwende stetig anwachsende Zahl von Büchern, Filmen und Ausstellungen zum Thema.

Immerhin deuteten Bücher wie England´s Dreaming von Jon Savage oder Verschwende deine Jugend von Jürgen Teipel zumindest an, welche komplexe und nachhaltige Wirkung von Punk ausging. Die grandiose Ausstellung Ostpunk! too much future, vor zwei Jahren in Berlin zu sehen (Freitag 36/2005), lenkte den Blick auf einen zuvor kaum beachteten Schauplatz, die DDR. Die beiden Kuratoren Michael Boehlke und Henryk Gericke zeigten anhand von Texten, Ton- und Bilddokumenten, was die Punks im Osten mit ihren Gesinnungsgenossen im Westen gemein hatten. Und was sie voneinander unterschied. "Too much future" statt "no future": Es galt, nicht die Perspektivlosigkeit eines Lebens zu beschreiben, das einem keine Möglichkeiten bot, sondern die Perspektivlosigkeit eines Lebens, in dem alles Künftige schon festgeschrieben und vorweggenommenen war. Und was aus der Rebellion resultierte: Die Ostpunks konnten nicht wie im Westen zum Popstar werden, sondern war schweren Repressionen ausgesetzt, landeten fast unweigerlich im Knast.

Boehlke und Gericke haben nun mit dem Regisseur Carsten Fiebeler einen Dokumentarfilm gedreht, der zwei schon in der Ausstellung sichtbare Anliegen verbinden soll: einerseits über den Ostpunk zu berichten, andererseits Biografien derer bis heute vorzustellen, die damals dabei waren. Der Film Ostpunk! too much future überfällt den Zuschauer am Anfang durchaus punkgemäß mit einer wilden Flut von Bild- und Musikfetzen, zeigt dann, mal in längeren Sequenzen, mal kurz gegeneinander geschnitten, die sechs aus der ersten DDR-Punkgeneration stammenden Protagonisten. Da spricht Conny Schleime, mittlerweile zur allbekannten Künstlerin geworden: "Wir wollten Einzelwesen sein." Mike Göde, Gerüstbauer, gediegener Häuslebauer, noch heute als Schreihals für Brachialmusik zuständig: "Zu viert waren wir eine Faust." Oder Stracke, einstmals Sänger der legendären Leipziger Punkkapelle Wutanfall, jetzt in der Kommunalpolitik: "Ich bin heute ein angepasster Freund der Demokratie." Dabei werden sie immer wieder unterbrochen von räudigen Punkeinlagen, verfremdeten Schmalfilmsequenzen, überkritzelten Fotografien oder DDR-Propagandafilmen, Schnipseln von Stasi-Überwachungsmaterial.

Der Film hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck. Was Ausstellung und Katalog leisten konnten, vermag der Film nicht. Das Bild des Ostpunks bleibt schemenhaft. Ostpunk! too much future liefert dem Zuschauer abgesehen von der namentlichen Vorstellung der Interviewten kaum Orientierungshilfen. Man kann das als bewusste, aus dem Punk geborene Verwirrungsstrategie bezeichnen. Die ist jedoch ein unbrauchbares Mittel, um Unwissenheit über Punk in der DDR zu beseitigen. Ein Beispiel: Wer wüsste nicht gern, was die Ostpunks in ihren Liedern den Funktionären entgegenzurotzen hatten. Die Texte sind auf den häufig nur im Proberaum entstandenen Mitschnitten natürlich kaum zu verstehen - lesbare Untertitel wären hilfreich gewesen. Die Brüche, die wirklichen Abgründe in den Biografien der sechs Interviewten bleiben zumeist ausgeblendet, ein zackiger Filmschnitt, ein Witz geht schnell darüber hinweg. So fügt sich kein Gesamtbild zusammen: Die Lebensgeschichten, die der Film versammelt, vermitteln dem Außenstehenden nur ein höchst fragmentarisches Bild der Szene von damals. Die Intention, einen Film über Punk und zugleich im Film selbst Punk zu machen, stehen sich beständig im Weg.

Darüber hinaus stellt sich beim Betrachter nach etwa einer Stunde das Gefühl ein, dass alles erzählt ist. Vielleicht hätte ein Dokumentarfilm über Punks sein sollen wie ein Punksong: kurz und schmerzhaft. Oder man hätte nach sechzig Minuten nur noch Musik gespielt. Rumpeliger DDR-Punk, bis zum Ende. Bis zum Erbrechen.

Die Ausstellung Ostpunk! too much future ist, ergänzt um den Schwerpunkt "Punk in Sachsen/Dresden", noch bis zum 14. Oktober im Stadtmuseum Dresden zu sehen. Der Katalog too much future - Punk in der DDR, herausgegeben von Michael Boehlke und Henry Gericke, ist im Berliner Verbrecher Verlag erschienen und kostet 16,80 EUR.


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00:00 24.08.2007

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