Sabine Pamperrien
07.05.2010 | 15:00 6

Feindbild Vorurteilsforschung

Kulturkommentar Fragliche Deutungshoheit in Sachen Antisemitismus - Zum Streit um die Nachfolge von Wolfgang Benz

Das Berliner Zentrum für Antisemitismusforschung genießt einen hervorragenden Ruf. Nur ganz wenigen deutschen Hochschuleinrichtungen ist es gelungen, sich international ein solches Renommé zu erarbeiten. Doch nun, kurz vor seiner Emeritierung, kommt plötzlich heraus, dass der langjährige Leiter Wolfgang Benz ein schlimmer Finger ist. Das zumindest will ein Autoren-Kollektiv vermitteln, das mit großem Engagement eine Enthüllung nach der anderen über den 68-jährigen Historiker raushaut. Kaum wurde der Öffentlichkeit demonstriert, dass Benz an seinem Institut den Antisemitismus mit der Kritik am Islam gleichsetzt und den Holocaust trivialisiert, wurde auch schon bewiesen, dass der Forscher selbst Antisemit ist. Der 68-Jährige ignoriert die Vergangenheit seines toten Nazi-Doktorvaters. Wissenschaftler, die Benz kritisieren, ließ er mundtot machen. Wen kann es da noch wundern, dass er mit Taschenspielertricks das Berufungs­verfahren zu seiner Nachfolge manipuliert, wie nun bekannt wurde. 

Wenn es denn stimmte. Tatsächlich aber sind publizistische Winkeladvokaten am Werk. Bruchstückhafte Informationen werden so zugerichtet, dass am Ende der „Beweisführung“ das gewünschte Ergebnis herauskommt. Die Protagonisten des seltsamen Tribunals sind engagierte Privatforscher wie der Berufsschullehrer Mathias Küntzel und der Post-Doktorand Clemens Heni, die es geschafft haben, in vorwiegend rechten Zirkeln so etwas wie wissenschaftliche Reputation zu erwerben.

Feindbild Moslem

Journalistisch heizt Benz’ ehemaliger Doktorand Benjamin Weinthal die Gerüchteküche an. Was den brillanten Polemiker Henryk Broder treibt, diese unausgegorenen Konstrukte zu fördern, ist auf den ersten Blick rätselhaft. Mit Weinthal gemeinsam verfasste Artikel lancierte er ebenso beim Spiegel wie jetzt die etwas unvollständigen Recherchen von Matthias Küntzel zum an der TU Berlin anhängigen Berufungsverfahren. Hätte Küntzel an der TU die richtigen Fragen gestellt, wäre ihm seine schöne Hypothese von der inszenierten Benz-Nachfolge wie ein Kartenhaus zusammen gebrochen. 

Aber vielleicht ist der Furor ja doch nicht so rätselhaft. Tatsächlich geht es um die Deutungshoheit in Sachen Antisemitismus. Küntzel und Broder wollen der Öffentlichkeit klar machen, wie skandalös Benz „Treiben“ sei. Die Tagung „Feindbild Moslem – Feindbild Jude“ war das Sakrileg: Es wurde die ungeheuerliche Frage gestellt, wann Kritik am Islam in Islamophobie umschlägt! Dass überhaupt dieser Kampfbegriff des radikalen Islam verwendet wurde! Das Zentrum für Antisemitismusforschung soll den Antisemitismus erforschen – und Punkt. Die Vorurteils- und Paradigmenforschung seien überhaupt nicht Aufgabe des Zentrums. Dass während der Tagung auch antisemitische Feindbilder von Muslimen Gegenstand der Betrachtungen waren, blenden die Kritiker einfach aus.

Die Forscher vom Zentrum und ihre Verteidiger können noch so häufig darauf hinweisen, dass vergleichen nicht gleichsetzen bedeutet und dass der Vergleich zweier Phänomene nicht nur dem Herausarbeiten von Parallelen dient, sondern auch von Unterschieden. Ihre Argumente werden mit schlichten Denkverbote gekontert. In ihrer Bereitschaft, alles auszublenden, was der Bestätigung einmal vorgefasster Meinungen zuwiderlaufen könnte, schaffen die „Dissidenten“ (so spricht Küntzel über sich selbst) und die Strukturen, in denen sie wirken, prachtvolles Anschauungsmaterial – für die vergleichende Vorurteilsforschung.

Kommentare (6)

Tillmann Eichhorn 08.05.2010 | 02:41

einfach lächerlich, dieser offenbar gar nicht recherchierte Artikel.

Wenn man anderen Leuten vorwirft, ihre Recherchen seien unvollständig, dann ist es recht ungeschickt, auf deren ziemlich vollständige Recherchen verlinken, und dann würde es sich empfehlen, wenn der eigene Artikel ein bisschen besser recherchiert wäre, anstatt sich auf billigstes, denunziatorisches Vokabular zu verlassen.
Und wer sind eigentlich diese »vorwiegend rechten Zirkel«, bei denen sich Küntzel »so etwas wie eine wissenschaftliche Reputation« erworben haben soll?
Seine tatsächliche Arbeit, einschließlich seines Publikums kann man hier nachlesen:

Frau Pamperrien, machen Sie erst mal Ihre Hausaufgaben.

Catherine Davies 08.05.2010 | 12:54

Dieser Artikel ist schlecht recherchiert und völlig argumentfrei.

Küntzel hat sich seine Reputation also in rechten Zirkeln erworben? Nun, Micha Brumlik z.B. scheint von seinem jüngsten Werk ganz angetan zu sein:

www.perlentaucher.de/buch/32991.html

Und Benz' Verhältnis zu seinem Nazi-Doktorvater sieht Brumlik ebenfalls kritisch:

www.taz.de/1/archiv/print-archiv/printressorts/digi-artikel/?ressort=ku=2010%2F04%2F06%2Fa0027=c757783f9e

Und inwiefern sind Küntzels Recherchen zur Benz-Nachfolge eigentlich unvollständig?

zelotti 08.05.2010 | 19:35

Es ist halt ein Thema für Denunzianten, kein Wunder, dass auch Benz in die Schusslinie gerät. Feiges Pack.

Vielleicht sollte man sich mal fragen mit wie viel antisemitismus man selbst leben will... Meinetwegen bin ich nämlich gerne Antisemit, wenn die Antisemitismusdenunzianten vom Dienst dann nur den Mund halten, und auch die Moslems in meiner Nachbarschaft in Ruhe lassen. Übrigens bin ich auch antikatholisch und antifussball.

"Benz wurde 1968 in München von dem Mediävisten Karl Bosl promoviert und steuerte zu dessen Festschrift 1983 einen wohlwollenden Beitrag bei.
Durch die Recherchen von Clemens Heni ist jetzt bekannt geworden, dass der 1908 geborene Bosl nicht nur ab Mai 1933 Mitglied der NSDAP und des NS-Lehrerbundes, später wohl auch der SA war, sondern sich 1938 für eine Mitarbeit im Forschungsprojekt des SS-Instituts "Ahnenerbe" zum Thema "Wald und Baum in der arisch-germanischen Geistes- und Kulturgeschichte" bewarb und aufgenommen wurde."

Lol. Köstlich. Denunzianten finden immer wieder überraschend heraus, dass die deutsche Wissenschaftsinstitution nach 1933 gebräunt war. Nein, so etwas, wer hätte das gedacht? Da muss man die "Kacke" ordentlich dampfen lassen, und zu Benz wird nach dem Schema Guilt by Association was drangeschmiert mit aller archivarischer Detailversessenheit. Und vielleicht finden wir noch mehr, was mag sein Nachbar davon berichten, dass er mal im Flur "Autobahn" gesagt hat... Die andere Frage ist ja, ob die Fakten bereits gegen Bosl sprechen. Das Standgericht der Denunzianten hat dazu sein Urteil schon gesprochen.

josse 09.05.2010 | 12:13

Institut für Kartoffelforschung
hieß eine wissenschaftliche Einrichtung im Norden der DDR.
Durch die Wiedervereinigung wurde auch dieser Wissenschaftsbereich umstrukturiert und teilweise neu bestimmt.
Das alte DDR-Institut ging auf im Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung (IPK).
Was sagt uns das?
Wenn ein wissenschaftlicher Acker mehr als ausreichend bearbeitet worden ist, braucht er ein neues, erweitertes Betätigungsfeld und eine andere Struktur.
Das gilt auch für das o.g. Beispiel.