Fetisch, geschredderter

BERLINER ABENDE Am Donnerstagabend war wieder der kritische Punkt erreicht. Ein übler Novembertag. Folglich waren auf dem Prenzlauer Berg und rundherum die ...

Am Donnerstagabend war wieder der kritische Punkt erreicht. Ein übler Novembertag. Folglich waren auf dem Prenzlauer Berg und rundherum die Eingeborenen unter sich. Ich war vergeblich auf der Spur einiger Jungfaschisten gewesen. Vermute, dass die sich ob des Segens einer tags zuvor eröffneten Ausstellung, deren Grundvoraussetzung gewesen sein muss, dass es dem deutschen Soldaten gelungen sein könnte, in seinem Vernichtungskrieg der anständige Nachbarsbursch von nebenan, der brennende Engel der Unschuld oder doch zumindest Gentleman beinahe englischen Ausmaßes - so wie Mutti eben ihren Racker kannte - geblieben zu sein, und nun halbe Universitäten und ganze Institute an die Arbeit zu gehen und Ausstellungshallen über Stockwerke mit Gegenbeweisen zu füllen hatten; so dass also jetzt die Jungfaschisten, statt sich mit mir zu treffen, lieber begeistert die Hälse grölvollschütteten und ihrer Demo entgegenfieberten.

Da die Eingeborenen mich zu jagen begannen, keine Ampelschaltung achtend, mich von unten bis oben mit Schlamm und Kot bewarfen, über die längst versunkenen Zebrastreifen trieben. Radfahrer mich wiederum mitleidslos von den Trottoirs fegten, die ich vorfristig glücklich und nur oberflächlich verletzt erreichte hatte. Und niemand ein gutes, entschuldigendes Wort gab! Stattdessen aus Automobilen, wie von Sätteln die zotigste Wut aus entgleisten Gesichtern auf mich herab brüllte und tobte, als hätte sich aller Hass aus den je erlittenen Demütigungen just auf mich konzentriert. Da war er, der kritische Punkt: Hau ab, sagte ich mir. Das ist der Dank! Zieh mal wieder woanders hin. Das werden doch nie Menschen. Da kannst du dich noch so anstrengen.

Erst einmal rannte ich indes, gleich dem bespienen Hiob, in die Immanuelkirchstraße hinein und betrat die Kohlehandlung in der Nummer 5. Da war es leider auch nicht warm. Es war aber wieder so ein geweißelter Leerstand - der Leerstand ist mir derzeit in Berlin das Liebste; im Leerstand ist Leben!

(Man sehe sich dagegen die ausrestaurierte Alte Nationalgalerie an: Sodbrennen satt!) Und in diesem "Kohlehandlung" genannten Leerstand, verkauft der junge Herr Laquay, unter Benutzung eines falschen Apostrophs, Briketts im Kasten, im Bündel, lose, den beliebten Laguay´s Koks - Brech, und Kohleanzünder. Das erzieherisch Wertvolle aber, das für manchen Frappante: Alle die gepressten, verschweißten, gebündelten Kohlen, der türstopperförmige Kohleanzünder, die lose Schüttung des Kohle-Bruchs sind aus geschredderter Deutscher Edelwährung. Bläulich schimmern Briketts aus 10 oder 100 Mark-Scheinen, grünlich die aus den Zwanzigern, und das Gemisch des Koksbrech-Berges erinnert an gebleichte Putzwolle.

Um einen Eindruck vom Brennwert zu geben: Der kleine Kasten Brikett hat einen Brennwert von 200.000 Mark, der pupsige Kohlenanzünder von 7.000 Mark. Und wer sich mit dem formschönen mechanischen Bagger ein Eimerchen voll Koks-Brech füllt, trägt 27.000 Mark nach Hause.

"Ohgottogott", sagen die ehrwürdigen Greisinnen des Bezirks: "Fünfmal ausgebombt, dreimal Währungsreform und jetzt das. Das schöne Geld." - "Gier-schlefz-lechz", sagen die Kids, und hauen sich in die Halde. "Nur Papier, ich habe es immer gewusst", sagt Ostessa von T., eine Verfechterin von echten Werten. "Ein Goodby an meine geliebten Scheinchen", weint Dagobert D., nimmt eine Hand voll und schnüffelt darin herum. Dem jungen Herr Laquay ist leicht blümerant: "Ginge mit jeder anderen Währung, perspektivisch auch mit dem Euro", sagt er, "ein bisserl Sentimentalität ist natürlich erlaubt."

Aber spaßig jetzt: 200.000 Mark kosten 129. Das Kohleanzündstopferl (Brennwert 7.000) ist für 27,50 Mark deins. Den Eimer mit dem Brech-Bruch (Brennwert 27.000) kannst du für unter 20 Mark mitnehmen. Da ist das Künstlersurplus schon mit drin. Da denkst du sofort an den Berliner Haushalt, und wie es gehen könnte mit der Sanierung: Schreddern. Und wie der Geldfetisch am Manager hängt, ruiniert in einer Ökonomie, wo das Zirkulationsmittel sich aus der Wertschöpfung verabschiedet hat, der Manager nix ist, wie ein behängtes Vogelscheucherl, und der Gelddreck ihm sein Leben zersetzt wie ein AIDS.

Kommen am Ende noch ganz Clevere in die Kohlehandlung. Naht nicht das Fest? "So ein Stopferl nehmen wir für die Tante. Und die Omi. Und dem Bernd einen Bund. Der hat so lang von Hand geheizt! Und für die Mutti? Bagger mir den Eimer, Liebster!"

Da kriegen sie zurück, was sie investiert haben, die Altvorderen. Zum Aktionspreis. Geschlachteter Fetisch.

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 07.12.2001

Ausgabe 41/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare