Flaneure

Französische Filmwoche in Berlin Über das Leben davor und danach

Sie hat diese Rolle eigentlich schon etwas zu oft gespielt; hat sich festlegen lassen auf das Genre der verlegen lächelnden, rabiat durch alle Verrücktheiten der Liebe gehenden Frau, die endlich erwachsen werden will. Dass Valeria Bruni-Tedeschis Debüt als Regisseurin voller Szenen steckt, die uns aus ihren früheren Filmen vertraut sind, mag man als sicheres Zeichen dafür nehmen, wie wohl und heimisch sie sich in diesen Charakteren gefühlt hat. Il est plus facile pour un chameau ... (der Titel verweist auf das Bibelwort, demzufolge eher ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als dass ein Reicher ins Reich Gottes käme) schürt listig den Verdacht, die wacker neurotische Frau sei auch ihre Lebensrolle.

Der Film gibt sich den Anschein eines Selbstporträts, lädt ständig dazu ein, die Lebenskrise der Protagonistin, einer von Schuldgefühlen geplagten Tochter aus sehr reichem Hause, zu überblenden mit Bruni-Tedeschis eigener Biografie - der Flucht ihrer Eltern vor den Roten Brigaden, der Rivalität zu ihrer ebenso berühmten Schwester, dem Fotomodell Carla Bruni.

Das hätte gründlich schief gehen können. Aber die zu befürchtende, kokette oder aber schwer verdauliche Nabelschau bleibt aus. Selbst das Spiel mit unterschiedlichen Zeit- und Erzählebenen gelingt der Debütantin stilsicher, weil sie es auch als Regisseurin versteht, ihren Figuren die Würde des Unangemessenen zu verleihen.

Die diesjährige Französische Filmwoche bietet nicht nur Gelegenheit, ihren Film zu entdecken, sondern zugleich ihre künstlerische Herkunft zu erkunden. Der Rückschluss auf ihren Lehrmeister Patrice Chéreau, in dessen Théâtre des Amandiers sie einst anfing und dem die Retrospektive gewidmet ist, wäre interessant. Ein gemeinsames Bild verstörend intimer Körperlichkeit verrät, wie eng ihre Verwandtschaft ist: auch in Chéreaus neuem Film Son frère gibt es eine Szene, in der der nackte Körper eines Sterbenden sorgfältig gewaschen wird. Aber während Chéreaus Signatur der rastlose, den Bildausschnitt sprengende Aufruhr bleibt, ist die Raserei der Gefühle bei Bruni-Tedeschi bezähmt: ein flanierender Film, der sich neugierige und zärtlich ungeläufige Blicke auf ihre Leinwandpartner und den Schauplatz Paris erschließt.

Das Französische Kino genießt das Privileg, sich auf vitale Traditionen berufen zu können, ohne beflissen deren Lektionen beherzigen zu müssen. Gleichwohl ist eine erstaunliche Affinität zu spüren unter Filmemachern verschiedenster Provenienz. Eine zentrale Erfahrung verbindet viele ihrer Filmfiguren: die Rekonstruktion des eigenen Lebens. Im Zentrum von Christophe Honorés 17 fois Cécile Cassard steht die Trauerarbeit einer jungen Witwe, deren Umgebung ihr nurmehr wie eine durchsichtige, substanzlose Doppelbelichtung erscheint. Jean-Pierre Limosins Novo handelt von einem Mann, der sein Gedächtnis wieder finden soll. Dabei liegt etwas zutiefst Bewahrenswertes in der Spontaneität und Ursprünglichkeit, mit der dieser Selbstvergessene auf jede Situation reagiert, sodass der Film die Frage, ob nun das Erinnern oder das Nicht-Erinnern ein Gefängnis ist, gar nicht definitiv antworten muss.

In La Cage sucht eine Frau die Begegnung mit dem Vater des Jungen, den sie vor acht Jahren, noch als Minderjährige, ermordet hat. In konzentrierten, klaren Bildern steuert Alain Raoust auf diese Konfrontation zu. Auf Aussöhnung ist nicht zu hoffen, allenfalls auf eine Katharsis, bei der ihr Schuldgefühl und seine Wut und Trauer endlich ein Gegenüber finden. Das Motiv des Umbruchs, der Erneuerung findet in Claude Berris Une femme de menage seine komödiantische Variante: Der Alltag und Gefühlshaushalt eines gerade von seiner Frau verlassenen Mannes geraten gründlich durcheinander, als er ein junges Dienstmädchen engagiert. Altmeister Michel Deville fügt dieser thematischen Linie ein leises Meisterwerk hinzu. Un Monde presque paisible handelt von der Rückkehr ins Leben nach dem Holocaust. Die Leichtfüßigkeit, mit der er erzählt - die Geborgenheit eines jüdischen Schneiderateliers im Paris des Jahres 1946 dient ihm als Mikrokosmos -, scheint auf den ersten Blick die Gräuel zu leugnen. Diese schwebende Heiterkeit beharrt auf dem Recht auf das Glück nach der Erfahrung von Verlust und Todesangst. Sie verleiht den alltäglichsten Gesten ein Gewicht und eine Würde, die ihnen in den fünf Jahren davor verwehrt blieben. Die Erinnerungen sind gut aufgehoben in diesem Film. Eine unbändige Lust am Fabulieren herrscht in Devilles kleinem Welttheater, jeder hat eine Anekdote zu erzählen, um sich zu vergewissern, dass es ein Leben davor gab. Und eines danach geben wird.

00:00 11.07.2003

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