Fluchtversuche

Kehrseite I Dass man schon sehr lange, um nicht zu sagen viel zu lange in dieser Stadt lebt, merkt man daran, dass einem in den öffentlichen Verkehrsmitteln ...

Dass man schon sehr lange, um nicht zu sagen viel zu lange in dieser Stadt lebt, merkt man daran, dass einem in den öffentlichen Verkehrsmitteln gewisse Menschen zu gewissen Stunden immer wieder begegnen. Eines Tages fällt es einem auf; fällt einem auf, dass man ja schon mittendrin ist in dieser Stadt. Dann ist es höchste Zeit, dass man aufhört, sich ins eigne Herz zu lügen, alles sei hier noch neu - die Stadt, ihre Bewohner, man selbst und jeder Tag ist die Stunde Null und was man heute nicht schafft, morgen ist auch noch ein Tag, schließlich müssen die Stadt und das Ich sich erst aneinander gewöhnen, das kann dauern. Vorbei. Wenn sich Gesichter in der Straßenbahn wiederholen, weiß man es, längst gehört man zum Mobiliar der Stadt. Ich bin ein Berliner. Nur wie um Gottes Willen funktioniere ich die Wartehalle, in der ich mich so lange schon aufhalte, in ein Zuhause, in mein Zuhause um?

Warten ist so bequem. Man setzt sich in irgendein Haus in irgendeiner Straße, in irgendeine Ecke, schaut ein bisschen aus dem Fenster, liest die Tageszeitung, isst ein Butterbrot, brüht sich einen Kaffee und wartet, bis einen das Leben aufruft. Det is Berlin. Ich hasse Berlin. Ein Möglichkeitsmensch wird man hier und ist jeden Tag damit beschäftigt, sich eine Parallelbiografie zu konstruieren. Dabei ist es längst Zeit, seinem Leben in die Speichen zu greifen. Kam ich nicht gerade deshalb nach Berlin? Um meinem Leben in die Speichen zu greifen? Ich dachte, die Stadt beherberge unzählige Möglichkeiten zu unzähligen Biografien. Später musste ich über diesen Gedanken wie über eine Nachttischlampe ein Tuch hängen. Jetzt stehe ich im Dämmerlicht.

Vor kurzem sind zwei Freunde aus Berlin weggegangen. Sie haben Arbeit bekommen; dafür leben sie jetzt in Hessen. Sie hatten Angst davor. Zeit ihres Lebens bewegten sie sich zwischen Dresden, Cottbus, Berlin. Da geht man nicht einfach mal so rüber. Hessen ist so mittendrin im Westen und sieht auf Landkarten immer ein bisschen eingequetscht aus. Wenn ich Hessen höre, muss ich immer noch an Heinz Schenk denken, an seinen "Blauen Bock", an Bämbel und Äppelwoi. Also, da würde ich nicht hin wollen.

Ich glaube, ich bin in Berlin zu einer Amöbe geworden. Diese kleinen, wässrigen Tierchen, richtungslos treiben sie, ihre Form fließt. Wenn´s ihnen zu kalt wird, schließen sie sich gelegentlich zu Kollektiven zusammen. Unterm Mikroskop sehen sie ziemlich langweilig aus. So eine bin ich jetzt.

Die Stadt ist wie Klebstoff. Die Stadt weiß das und kichert sich eins in ihren dreckigen, schlaglöchrigen Asphalt.

Neulich sagte ein Mädchen in der Straßenbahn (sie saß neben einem Gesicht, das ich kannte!), sie sei vor kurzem erst von Bremen nach Berlin gezogen, um hier zu schreiben. Sie müsse aber erst mit der neuen Stadt warm werden ... Kehr um, wollte ich sagen, geh zurück, verschwinde, wo du hergekommen bist, mach ab an die Weser, Mädchen. Hier kann man nicht leben. Die Spree stinkt, die Bratwurst ist zu teuer, die Leute müffeln vor sich hin und verstauen ihre Mundwinkel in den Hosentaschen. Wie willst du hier je eine Zeile schreiben? Aber ich schwieg.

Und bleibe. Warum?

Einmal nachts, ich war in Mitte unterwegs, sah ich eine Sternschnuppe. Es war am 12. August des vergangenen Jahres. Natürlich habe ich mir etwas gewünscht. Natürlich ist es nicht in Erfüllung gegangen.

Einmal stieg ein Mann in die Straßenbahn und schrie - und er war nicht betrunken: "Ich fresse kleine Kinder!" Er schrie immer wieder: "Ich fresse kleine Kinder!" Schon gewöhnte ich mich daran und dachte, er mache vielleicht nur einen kleinen Verdauungsspaziergang. Soweit ist es mit mir gekommen. Wie hat erst vorige Woche eine Frau zur anderen im Bus gesagt? "Wenn ´ne Katze zugibt, dass se krank ist, dann ist es meisten schon zu spät." Ihr Körbchen war leer.

Heike Kunert, geboren 1972, lebt und arbeitet als freie Journalistin in Berlin.


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00:00 26.11.2004

Ausgabe 39/2020

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