Fördern statt Feuern

Wirtschaft Bückeburger Modell: Wie ein Kleinbetrieb im Niedersächsischen in der Krise Entlassungen vermeidet und ältere Beschäftigte dabei sogar noch etwas lernen können

Gleichmäßig dröhnen die Maschinen in der kleinen Fabrikhalle. 45 Menschen fertigen in Handarbeit täglich rund 55.000 Meter gelbe Rohre aus Kokos, PVC und Stabilisatoren. Ein ziemlicher Knochenjob, aber gut bezahlt. Gut 60 Mal am Tag müssen die Arbeiter riesige 25-Kilo-Ballen heben. „Das entspricht der täglichen Trainingseinheit eines Gewichthebers für die Olympiade,“ sagt Wilfried Heidicke. Der stämmige Mann arbeitet hier seit 1984. Ein Traumberuf war das nicht. Heidicke wollte Kfz-Mechaniker oder Elektriker werden, landete dann aber doch in der niedersächsischen Röhrenschmiede. 30 Jahre später hat der 45-Jährige nun die Chance, seinen Wunsch noch zu übertreffen. Weil die Firma den Maschinenpark auswechseln will, wird Heidicke umgeschult: „Mechatroniker ist sogar noch höherwertiger als Elektriker.“

Die Fränkischen Rohrwerke im niedersächsischen Bückeburg sind einer jener vielen klein- und mittelständischen Betriebe, die das Fundament des deutschen Arbeitsmarktes bilden. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Krise voll auf den Arbeitsmarkt durchschlägt. Auf den Mittelstand konzentrieren sich darum einige der erfolgversprechensten Strategien gegen die Arbeitslosigkeit. Wie in Bückeburg, wo man sich vor allem älterer Menschen mit wenig Ausbildung annahm.

Das in Bayern beheimatete Unternehmen beschäftigt an drei deutschen Standorten rund 1.500 Mitarbeiter, davon 65 im Schaumburger Land. 2007 stand der Betrieb wegen der museumsreifen Anlagen vor der Schließung. Mit den Maschinen war auch die Belegschaft gealtert: Der Schnitt lag bei 45 Jahren, 70 Prozent der Beschäftigten hatten zudem keine Ausbildung. „Jahrelang hatte man unsere Forderung nach Investitionen und Qualifizierung ignoriert“, sagt der Vorsitzende des Betriebsrats, Ralf Meier. Personalchef Günther Kon beschreibt die drei Optionen, die das Unternehmen damals hatte: „Investieren, den Standort aufgeben oder in Bückeburg nur noch ein Lager halten.“

Als der Markt wieder anzog, vor allem die Landwirte wieder Drainagerohre bestellten, entschied sich das Management im Herbst vergangenen Jahres, doch noch einmal 2,5 Millionen Euro zu investieren. Einerseits brauchte man nun „qualifizierte Leute, die die Anlagen fahren können“, so Korn. Andererseits waren durch die Automatisierung plötzlich ein gutes Dutzend Mitarbeiter zu viel an Bord.

Bekannte Arbeitsmarktinstrumente wie die Altersteilzeit wurden erwogen, die Anwendung des Tarifvertrags zur Beschäftigungssicherung in der Metallbranche diskutiert und über die Gründung einer Transfergesellschaft nachgedacht. Zufällig entdeckte Betriebsrat Meier ein Qualifizierungsprogramm der Bundesagentur mit der eigentümlichen Abkürzung WeGebAU – zur Weiterbildung Geringqualifizierter und beschäftigter älterer Arbeitnehmer im Unternehmen.

Unwissenheit in Betrieben

Das Programm wurde bereits 2005 auf den Weg gebracht, die Idee dafür stammte von den Gewerkschaften. Schon 2006 stellte die Nürnberger Behörde erstmals 200 Millionen Euro für die „Stiefkinder“ der betrieblichen Bildung zur Verfügung: ungelernte und ältere Arbeitnehmer über 45 Jahre. „Wir wollten damit in Erinnerung rufen, dass der Gesetzgeber uns auch dazu verpflichtet hat, das Entstehen von Arbeitslosigkeit möglichst zu vermeiden und die Beschäftigtenstruktur ständig zu verbessern“, sagt Verwaltungsratsmitglied Wilhelm Adamy, der auch den Fachbereich Arbeitsmarktpolitik beim DGB-Bundesvorstand leitet.

Ungelernte und ältere Beschäftigte sind schnell gefeuert und bleiben am längsten arbeitslos. Gerade jene mit den schlechtesten Jobchancen und dem höchsten Unterstützungsbedarf wurden zuvor aber kaum gefördert. Das sollte sich nun ändern – doch in den Betrieben kam das Programm immer weniger an. Wurden im ersten Jahr noch 170 Millionen Euro für 115.000 Beschäftigte von den Firmen abgerufen, waren es im Folgejahr nur noch 61 Millionen Euro – ein Desaster, das auch durch eine Modifizierung des Programms kaum gelindert wurde. „Firmen haben kein Interesse an Weiterbildung“, titelte im Herbst 2008 eine Zeitung.

Da war die Krise schon im Gange. Die Deutsche Industrie- und Handelskammer vermutete damals als einen der Gründe für die geringe Beachtung von WeGebAU die Unwissenheit der Unternehmen. Adamy zeigte sich enttäuscht, dass die Betriebe „einfach nicht langfristig“ planen würden. Bereits Ende 2007 hatte das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung darauf hingewiesen, dass fast die Hälfte aller Unternehmen gar nichts von dem Sonderprogramm wusste. Drei Viertel der Betriebe, die WeGebAU kannten, hatten nach eigenen Angaben für die geförderte Weiterbildung keinen Bedarf. Die Experten empfahlen damals mehr Werbung und mahnten mehr Bewusstsein für die Bedeutung der beruflichen Qualifizierung an.

Der Appell scheint zu wirken. Jedenfalls hat die Bundesagentur jetzt den Topf für WeGebAU um weitere 200 Millionen Euro aufgestockt. Im Rahmen des zweiten Konjunkturpakets soll das Programm zudem für noch mehr Beschäftigte geöffnet werden. Auch Leihbeschäftigte und Kurzarbeiter können unter bestimmten Voraussetzungen künftig davon profitieren.

Nochmal auf die Schulbank

In Bückeburg schneiderten Betriebsrat, Geschäftsführung, die IG Metall, die Beratungsgesellschaft Phönix und die regionale Bundesagentur in Hameln ein Paket für die Belegschaft. Der Personalberater Detlef Schröder kann der gegenwärtigen Krise sogar etwas Positives abgewinnen: „Wir haben derzeit historisch einmalige Verhältnisse bei der Förderung von Qualifizierung.“ Im Wahljahr wolle die Politik eben Massenentlassungen möglichst vermeiden. „Schade, dass ein so wirksames Instrument wie WeGebAU bisher so wenig genutzt worden ist“, sagt Thorsten Gröger, der zuständige Betriebsbetreuer der IG Metall. „Eigentlich müsste die Krise den Durchbruch bringen nach dem Motto: Fördern statt Feuern.“

Zwölf Mitarbeiter der Fränkischen Rohrwerke werden jetzt über WeGebAU weitergebildet – zu Mechatronikern, Lagerfachkräften, Industriemechanikern. Kombiniert mit der Altersteilzeit von neun Kollegen muss niemand entlassen werden. Das nützt auch dem Unternehmen. Personalchef Korn hat die Kosten einer möglichen Schließung des Werkes ausgerechnet. „Ehe ein Sozialplan verabschiedet wird, kann ein Jahr vergehen.“ Die Personalkosten laufen in dieser Zeit weiter, Kündigungsfristen, Abfindungen – das summiert sich.

So profitieren beim Bückeburger Modell alle Beteiligten. Vor allem aber die Beschäftigten. Nie hätte sich Erich Dettmer vorstellen können, noch einmal die Schulbank zu drücken – und das freiwillig. Der Schichtleiter in der Drainagefertigung wollte noch einmal aus dem Alltagstrott herauskommen. Wie Kollege Heidicke macht der 52-Jährige nun eine zweijährige Ausbildung zum Mechatroniker. Als Familienvater mit drei Töchtern zählt zuhause jeder Cent. Die fehlende Schichtzulage von 150 Euro im Monat kann er gerade so verkraften. Dettmer freut sich. „Die Qualifizierung ist wie ein Geschenk. Man muss sich zwar an das strukturierte Lernen erst wieder gewöhnen, aber jetzt macht es richtig Spaß.“

Grüne wollen regionalen Transfer

Gravierende Auswirkungen der Wirtschaftskrise auf die Arbeitsmärkte gelten unter Experten und Gewerkschaftern als nicht mehr vermeidbar. Dass die Bundesrepublik bisher noch recht glimpflich davon gekommen ist, liegt nach Auffassung der grünen Arbeitsmarktpolitikerin Brigitte Pothmer an der massiven Ausweitung der Kurzarbeit. Das sei aber auf Dauer keine Rettung vor der Jobkrise.


Strukturprobleme und Überkapazitäten werden nicht nur zu vorübergehenden Arbeitsplatzverlusten führen, so Pothmer. Mit neuartigen Transfergesellschaften wollen nun die Grünen die wachsende Erwerbslosigkeit bekämpfen und zugleich den industriellen Umbau voranbringen. Im Mittelpunkt soll dabei nicht mehr wie bisher ein einzelnes Unternehmen stehen, sondern eine ganze Region. Wegen der vernetzten Produktionsketten würden ohnehin häufig mehrere Betriebe gemeinsam in Schwierigkeiten geraten.

Entlassene Arbeitnehmer aus verschiedenen Unter-nehmen sollen nach den Vorstellungen der Grünen in Transfergesellschaften ihr Wissen bündeln, an neuen Produktideen und Produktionskonzepten arbeiten und diese zur Marktreife entwickeln. Die Transfergesellschaften dienen dann zugleich als Gründer-zentren. Beschäftigte, die ihren Job verloren haben, sollen als Lohnersatzleistung für 24 Monate das bisherige Transferkurzarbeitergeld erhalten also 60 bzw. 67 Prozent vom letzten Netto-gehalt. Der Zugang zu Mikrokrediten der Kredit-anstalt für Wiederaufbau (KfW) soll erleichtert werden.

Die von der großen Koalition abgeschaffte Ich-AG war nach den Vorstellungen der Grünen erfolgreich und sollte wieder eingeführt werden. Aber auch andere Gründungsförderungen für kollektive und genossenschaftliche Geschäfts- modelle sollen unterstützt werden, vorausgesetzt, ihnen liegt eine möglichst ökologische Idee in der Industrie oder im Dienstleistungsbereich mit regionaler Anbindung zugrunde.

Neben Arbeitslosen sollen die neuen Transfergesellschaften auch Berufseinsteigern offen stehen und so zu einer Schnittstelle für Wissenstransfer werden. Die Förderung der Gesellschaften soll von regionalen Konzepten zur ökologischen Modernisierung abhängig gemacht werden. Zur Finanzierung schlagen die Grünen vor, Mittel in Höhe von 200 Millionen Euro aus dem ersten Konjunkturprogramm der Bundesregierung freizumachen.

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05:00 28.05.2009

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