Franco, das sind auch Sie

DAS VERGANGENE LÄSST SICH NICHT AUSLÖSCHEN Rafael Chirbes neuester Roman »Die schöne Schrift«

Rafael Chirbes stammt aus einem kleinen Ort bei Valencia. Als 1987 in Valencia der »Internationale Kongreß der Intellektuellen« stattfand, das für Spanien wichtigste kulturelle Ereignis der 80er Jahre, war sein erster Roman Momoun, schon im Druck. Das Treffen hatte unmittelbare Wirkung auf seinen zweiten Roman, Die schöne Schrift, der 1992 in Spanien veröffentlicht wurde. Wieso? Die Zusammenkunft führender Köpfe der spanischsprachigen Welt auf Initiative von Jorge Semprun, Juan Goytisolo, Octavio Paz, Vargas Llosa und anderen sollte die entscheidende Etappe der »Transición«, des Übergangs zur Demokratie besiegeln. Alle Welt sollte ein neues Spanien sehen, ein Spanien, das seine dunkle Vergangenheit abschüttelte. In seiner Eröffnungsrede forderte Octavio Paz, daß man vom Bürgerkrieg nicht mehr sprechen solle, weil die Demokratie gewonnen sei und mit ihr die Monarchie. Paz' Plädoyer nahm eines ganz offen in Kauf: 40 Jahre Bürgerkrieg und Franco-Diktatur auszuradiereen. Gegen diese geistige und politische Haltung schreibt Rafael Chirbes in Die schöne Schrift an, wie auch in den folgenden Romanen, so dem 1998 auf deutsch erschienenen Band Der lange Marsch. Chirbes lehnt sich auf gegen die »große Lüge, uns plötzlich eine heile und glückliche Welt zu verkaufen, ein im Fortschritt begriffenes Land«, denn, so Chirbes, »das Vergangene läßt sich nicht so einfach auslöschen, irgendwann werden die Leichen wieder an Land gespült«. Seine Romane setzen auf historisches Gedächtnis, richten sich geegen die weit verbreitete Meinung, mit der »Modernisierung des Landes könne man das Vergangene einfach abhaken«, die vom Kreis der Sozialisten nach dem Wahlsieg 1982 vertreten wurde. Rafael Chirbes stellt sich bewußt außerhalb der »Bewegung des Übergangs zur Demokratie«. Seine Literatur plädiert kompromißlos für ein historisches Herangehen, thematisiert die Geschichte des Bürgerkriegs (1936 bis 1939), die Franco-Diktatur, die das Land spaltet und mit Francos Tod, 1975, noch lange nicht zu Ende ist.

Allerdings ist Chirbes kein linker hard-liner. Sein Herangehen reduziert das Problem nicht auf die »Zwei Spanien«, den Graben zwischen Falangisten und Kommunisten/Sozialisten, Francoanhängern und Republikanern beziehungsweise Monarchisten und Demokraten. Entscheidend ist: Chirbes historisches Erzählen konzentriert sich auf das Alltägliche, das scheinbar »Banale« in der Geschichte des Bürgerkriegs und seiner Folgen. Er erzählt nicht von den »Vaterlandsverrätern«, sondern vom ganz privaten »Verrat«. Ihn interessieren die Erfahrungen und Gefühle, Mitleid und Schmerz, die Rebellion und Resignation der Betroffenen und nicht die Heldentaten. Die schöne Schrift ist eine Familiengeschichte. Sie spielt auf dem Land. Erzählt wird aus der Perspektive einer Frau: Ihre Ehe, die Kinder, die Arbeiten in der häuslichen Gemeinschaft, die Ereignisse des Krieges. Mit dem Sieg der Falangisten werden der Ehemann und der künstlerisch begabte Onkel im Ort selbst festgenommen, geschlagen. Ihr Mann kommt nach kurzer Zeit wieder frei, der Onkel verbringt Jahre im weit entfernt gelegenen Gefängnis, unter ständiger Androhung der Todesstrafe. Die Erzählung fokussiert die 40er und 50er Jahre, die Zeit des Hungers und der Entbehrungen, die Zeit, in der selbst Fraueen aus den besten Familien sich für ein Stück Brot prostituierten. Der Onkel kommt unvermittelt frei, kehrt in die Großfamilie zurück, wird aufgepäppelt und verwöhnt. Um ihm eine Existenz zu ermöglichen, wird ein Familienhandwerksbetrieb aufgebaut. Als die Lebensverhältnisse sich in den 60er Jahren langsam bessern, begeht der Onkel persönlichen »Verrat« an der Familie. Eine Fremde, eine Frau aus der Stadt, taucht auf. Mit ihr, die durch eine sehr »schöne Schrift« auffällt, gelingt dem Künstleronkel der soziale Aufstieg. Das Paar geht eine Allianz ein mit dem einzigen Geschäftsmann des Ortes, dem Falangisten, der damals Ehemann und Onkel verhaftete und mißhandelte. Chirbes bezieht in seiner Schilderung der Verhältnisse eindeutig Position gegen eine heute gängige Meinung in der spanischen Öffentlichkeit: daß im spanischen Bürgerkrieg jede der beiden Gruppen (Falangisten und Republikaner) »ihre Gründe« und auch jede ihr »legitimes Recht« gehabt hätte.

Nicht nur historisch, auch erzählerisch geht Rafael Chirbes »zurück« zu einer Form von Realismus. Erzählt wird in der ersten Person. Das Ich richtet sich an ein Du: die alternde Mutter an den erwachsenen Sohn. Doch verbinden sich in dem weiblichen Ich mehrere Stimmen: die Stimmen der Familie und der Dorfbewohner. Chirbes thematisiert im erzählerischen Spiel zwischen Ich und Du, die Beziehung zwischen dem Erzähler und der Erzählung und wirft damit die große Frage auf: Wie kann das Leid, die Entbehrung, der Schmerz erzählt werden? Die Ich-Erzählung ermöglicht dem Autor, dieselbe Ebene des Erzählers einzunehmen, in einem Raum zu sein mit den Stimmen. Der Vorteil ist, Nähe herzustellen, ohne ins rein Autobiographische zu verfallen. Denn es ist nicht die eigene, also Chirbes Stimme, die erzählt. Die schriftstellerische Leistung besteht gerade darin, die eigene Stimme zurückzunehmen, um die anderen Stimmen zum Sprechen zu bringen.

Als Rafael Chirbes den Roman 1992 in Spanien veröffentlichte, war das Land »noch« ein zerrissenes Land, gespalten zwischen den Bildern der Vergangenheit und dem Bedürfnis nach einem neuen, gegenwärtigen Bild. Das Problem war, daß die Spanier wußten, was sie nicht mehr wollten, aber nicht genau definieren konnten, was sie wollten. Chirbes Erzählen postuliert, daß die Gegenwart nicht zu verstehen ist ohne das Wissen um die Vergangenheit. Es ist das Verdienst von Rafael Chirbes und anderen Autoren wie Xavier Marías, daß die spanische Literatur heute wieder internationale Bedeutung hat. Während der 80er Jahre lag der Akzent im kulturellen Leben Spaniens nicht auf der Literatur. Kino, Musik und Journalismus waren die treibenden und erneuernden Kräfte. Im Rahmen der »movida madrielena (Madrider Künstlerbewegung) spielten die Filme von Almodóvar, neue Rhythmen wie jene Mischung aus Flamenco und Salsa die führende Rolle. Journalisten der Zeitschrift Cambio 16 warteten mit spektakulären Wahrheiten auf, zum Beispiel 1985, als spanische Leser sich mit der Aussage konfrontiert sahen: »Franco también es Usted« (Franco, das sind auch Sie).

Chirbes hat mit Die schöne Schrift für Spanien und die Welt den großen Roman über die jüngere spanische Geschichte und Gegenwart geschrieben. Wünschen wir uns, daß etwas Vergleichbares über die deutsche Vergangenheit und Gegenwart entsteht.

Rafael Chirbes: Die schöne Schrift. Aus dem Spanischen übersetzt von Dagmar Ploetz. Antje Kunstmann Verlag, München 1999, 143 Seiten, 29,80 DM

00:00 06.08.1999

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