Französische Feldwespe

Flugplatz Kolumne

Was für ein Sommer! Kaum ist er da, ist er auch wieder weg. Noch rund drei Dutzend Tage, dann ist Herbstanfang und der Hypothalamus wird unaufhörlich damit beschäftigt sein, aktivitätshemmende Hormone auszuspeien. Was für ein vergeudeter, miserabler, fieser Sommer! Erst kam der Regen, dann der kalte Ostwind, dann das immer mehr zu einem Zähneknirschen mutierte Lächeln Ulrich Wickerts, wenn er "Das Wetter" sagte, dann rieselte Neuschnee auf die Zugspitze und dann kamen die Wespen. Zugegeben: Mit den Wespen kam auch der Sommer. Die Temperaturen stiegen, der Himmel wurde wieder blau, die Freibäder füllten sich und trotzdem: Wir sind aktivitätsgehemmt.

Entgegen aller bitter gelebten Erfahrung sind Experten der Meinung, es gäbe in diesem Jahr nicht mehr Wespen als in vergangenen Sommern auch. Aber Experten verlassen selten ihr Forscherstübchen, wissen also nicht, wie es draußen aussieht, haben nicht die geringste Ahnung wie die Menschen in Biergärten und Cafés wild um sich schlagen, wie Mütter sich schützend vor ihre Kinder und Väter über ihr Bier werfen. Nein, so macht der Sommer keinen Spaß. Dabei hätte man ihn noch einmal so richtig genießen können.

Es gibt so schrecklich viele Sorten: die Gemeine Wespe, die Deutsche Wespe, die Zierliche Feldwespe, die Französische Feldwespe, die Rote Wespe, die Sächsische Wespe ... Hierzulande am häufigsten sind die Gemeine Wespe und die Deutsche Wespe, die aber auch schon mal nach Syrien, Indien oder Algerien fliegen. Ihre Nester bauen sie aus einem Speichel-Holz-Gemisch, wobei es erstaunliche Vorlieben gibt, denn die Deutsche Wespe bevorzugt graue Holzfasern, die Gemeine Wespe braune. IKEA oder rustikal Eiche - die Geschmäcker sind verschieden. Dass jetzt so viele Wespen unterwegs sind, ist einfach damit zu begründen, dass die Brut, passend zum Schulanfang, flügge geworden ist. Nicht selten verlassen über 7.000 junge Wespen ein Nest. Am Ende des Sommers gehen sie dann fast alle zugrunde. Nur die frisch geschlüpften Königinnen überwintern und verstecken sich, um im nächsten Jahr einen neuen Staat zu bilden. Wer sollte es ihnen also übel nehmen, wenn sie so kurz vor ihrem Tod noch einmal so richtig die Sau rauslassen, sich auf jede Kaffeetafel stürzen, am Pflaumenkuchen knabbern, am Bier nippen und am Würstchen zutzeln? Spüren wir vor Hartz IV nicht ein ähnliches, wenn auch flügellahmes Verlangen?

Die größte heimische Wespe, die Hornisse, verhält sich eher zurückhaltend. Würde der Mensch nicht immer gleich herumfuchteln, käme sie nie auf die Idee, ihm lästig zu werden. Körperkontakt ist ihre Sache nicht. Entgegen ihrem Ruf wird den Hornissen sogar eine gewisse Ängstlichkeit außerhalb ihres Nestbereiches zugesprochen. Jemand, der in Pankow lebt, würde sich in Kreuzberg auch fürchten. In diesem Zusammenhang müssen wir noch einmal auf die Sächsische Wespe zurückkommen. Sie ist nämlich so bescheiden, nur mittelgroß, verzichtet sogar auf Süßigkeiten. Selbst ihr birnenförmiges Haus ist höchstens 30 Zentimeter groß und mutet im Vergleich zu den anderen geradezu winzig an. Dem Menschen wird sie nie lästig. Wahrscheinlich weiß sie gar nicht, was sie mit ihrem Stachel anfangen soll. Die Zierliche Feldwespe dagegen dreht Ende August völlig durch. Die Flugzeit ist vorbei und das Tier packt die Zerstörungswut. Einzelne Tiere ziehen die Larven aus den Nestern und zerfleischen sie. So ist das, wenn man vor Langeweile nichts mehr mit sich anzufangen weiß.

Obwohl sie doch nützlich ist - die Wespe fängt zum Beispiel Fliegen, um die Larven zu füttern - wird sie ihren schlechten Ruf nicht los. Die Biene dagegen: giftig, aber weich und flauschig, hat es bis zum Film geschafft. Niemand könnte sich vorstellen, wie Karel Gott "Und diese Wespe, die ich meine, die heißt Vera" singt. Der Hummel und der Forelle wurden Musikstücke gewidmet, die Wespe taugt nicht einmal dazu, als eine von zehn Plagen im 2. Buch Mose über Ägyptenland geschickt zu werden; stattdessen: Frösche, Stechmücken und Heuschrecken. Vielleicht liegt´s an ihrem rabiaten Liebesleben? Unter dem Motto: Ist der Ruf erst ruiniert, vermehrt es sich ganz ungeniert, werden die Männchen, nachdem sie die Königin befruchtet haben, von den Arbeiterinnen kopfüber in eine leere Wabe gestopft und so lange festgehalten bis sie verhungern. Natürlich, sie werden für die Kinder als Speisevorräte gebraucht, aber gehört sich das?

Im Übrigen ist im Wespengift der glücklich machende Neurotransmitter Serotonin enthalten. Aber es wäre ein delikates Unterfangen, sich nur oft genug ordentlich stechen zu lassen, um glücklich zu werden. Ab 30 Wespenstichen könnte die Angelegenheit tödlich enden. Zu viel Glück ist eben auch nicht gut. Und an Serotonin kommt man viel bequemer: Schokolade essen. Dann allerdings kommen auch die Wespen.


00:00 20.08.2004

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