Frau im Hintergrund

Porträt Swetlana Alexijewitsch ist das Gesicht der Protestbewegung in Belarus. Öffentlich tritt sie nie auf

Jetzt ist die Zeit, die sie kommen sah, da. „Der Kommunismus ist besiegt. Nun wird es eine europäische Zukunft in Belarus geben“, hatte Swetlana Alexijewitsch schon vor Jahren geglaubt und an die junge Generation ihres Landes appelliert: „Harte Zeiten werden kommen, bereitet euch vor!“

Seit nun schon drei Wochen protestieren Zehntausende Mensch in Belarus gegen Wahlfälschungen, Polizeigewalt und für Neuwahlen. Die belarussische Nobelpreisträgerin ist das internationale Gesicht der neuen Opposition, ein Symbol für Solidarität und Freiheit und eine langjährige Kämpferin gegen den autoritären Machtapparat von Lukaschenko. Swetlana Alexijewitsch ist 72 Jahre alt und will mit „aller Kraft helfen“, ihrem Land Demokratie zu bringen. Dafür trat sie dem jüngst gegründeten Präsidium des Koordinierungsrates der Opposition bei, um einen friedlichen Machttransfer in Belarus zu sichern. Ob ihr das gelingen kann? Kann sie Menschen dafür mobilisieren? Ein direkter Kontakt zur Bevölkerung fehlt ihr – keine öffentlichen Auftritte vor Publikum, keine Demonstrationsaufrufe. Viele Stimmen aus Minsk sagen, dass sie höchstens ein moralisches Symbol des belarussischen Widerstands sein kann.

Doch es sind auch ihre Bücher, die viele Menschen auf die Straße bringen. Davon ist Iryna Vidanava überzeugt. „Die Bücher von Alexijewitsch haben mich als Bürgerin geprägt. Auch meinen Menschenrechtsaktivismus verdanke ich ihr“, sagt die 42-jährige Journalistin, die in Belarus mehrere Medien gegründet hat. Die Onlinemagazine 34 Multimedia und citydog.by gehören zu den wenigen unabhängigen Informationsquellen.

Swetlana Alexijewitsch wurde als Tochter einer Ukrainerin und eines Belarussen im ukrainischen Stanislaw, dem heutigen Iwano-Frankiwsk geboren und ist in Belarus aufgewachsen. Sie studierte Journalismus in der Hauptstadt Minsk. Bevor sie eine Karriere als Autorin begann, unterrichtete sie als Lehrerin an einer Schule und schrieb nebenbei für verschiedene lokale Zeitungen. In ihrem Land war sie lange unbekannt. Als Lukaschenko 1994 an die Macht kam, wurde Alexijewitsch zensiert – ihre Bücher wurden aus den Schullehrplänen gestrichen, Verlage veröffentlichten ihre Bücher nicht mehr. Seit dem Jahr 2000 lebt die Autorin mit Unterbrechungen im westlichen Europa, unter anderem auch in Deutschland. Doch ließ sie sich vom belarussischen Regime nicht verschrecken und zog 2011 wieder nach Minsk zurück. „Ich will zu Hause leben, unter meinen Leuten, meine Enkel aufwachsen sehen“, erklärte sie.

Im Ausland wurde ihr Auszeichnung um Auszeichnung verliehen, neben dem Literaturnobelpreis unter anderem der „National Book Critics Circle Award“ und der „Friedenspreis des Deutschen Buchhandels“. Aber während man sie international ehrte, wurden ihr in der Heimat „antisowjetische“ und „russophobe“ Äußerungen unterstellt. Auch in Russland hat Alexijewitsch wenige Freunde. Kein Wunder: Sie kritisiert den Kreml, die Annexion der Krim und verurteilt den russischen Patriotismus als imperiales Machtgebaren.

Einen Namen machte sich Alexijewitsch damit, Menschen zuzuhören und das Gesagte in Erzählungen zu dokumentieren. Ihre Werke wurden in mehr als 30 Sprachen übersetzt. Sie deckt dabei ein breites Spektrum ab. Vom Dokumentarroman Der Krieg hat kein weibliches Gesicht (1983) über die Schicksale und Erlebnisse von sowjetischen Frauen, die während des Zweiten Weltkriegs an der Front mit der Roten Armee gegen Nazi-Deutschland kämpften, bis hin zu einem Roman über die Atomkatastrophe von Tschernobyl (1989). Darin porträtierte sie Überlebende, Ärzte, Feuerwehrleute und andere Augenzeugen. Als Hauptwerk Alexijewitschs gilt der Roman Secondhand-Zeit. Leben auf den Trümmern des Sozialismus (2013). Eine Stimmensammlung von Menschen aus verschiedenen sozialen Schichten und Generationen, die die Sowjetunion unter Stalin bis Gorbatschow und die Veränderungen unter Jelzin erlebt haben. Für ihre Darstellung dessen, was das gescheiterte kommunistische Experiment in der Sowjetunion mit den Menschen angerichtet hat, erhielt sie den Literaturnobelpreis 2015 – „für ihr vielstimmiges Werk, das dem Leiden und dem Mut in unserer Zeit ein Denkmal setzt“, hieß es in der Begründung des schwedischen Komitees.

Iryna Vidanava kann sich gut an das Jahr 2015 erinnern. Als Alexijewitsch die Auszeichnung erhielt, verschwieg der Staat Belarus das der Öffentlichkeit des Landes weitgehend. Kein einziger Fernsehsender berichtete. „Die Zivilgesellschaft wurde um sie herum aktiver“, berichtet Vidanava. Menschen versammelten sich in Bars und Cafés, um Alexijewitschs Preis zu feiern. „Viele fangen wieder an, ihre Bücher zur Hand zu nehmen und ihren Diskussionsbeiträgen zu folgen“, sagt sie.

Obwohl die Protestierenden auf den Straßen und Plätzen von Belarus keine explizit proeuropäischen oder antirussischen Parolen verbreiten, ist doch allen klar: Belarus wird künftig ein anderes Land sein. Der Sozialismus allerdings soll bleiben, geht es nach Swetlana Alexijewitsch: „Sozialismus ist das Rückgrat der Menschheit zu Gerechtigkeit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Und das kann niemand bestreiten“, erklärte sie im russischen Radiosender Echo Moskwy. „Wenn ich den Sozialismus kritisiere, dann kritisiere ich seine sozialistische Version, was die russische Utopie darstellte, die russische rote Utopie“, sagt sie. Damit findet sie große Unterstützung in der Protestbewegung.

Tigran Petrosyan hat in Jerewan, Mainz und Berlin Orientalistik studiert sowie promoviert, ebenso in Geschichte und Kulturwissenschaften. Als freier Autor schreibt er u.a. auch über den Südkaukasus Als sie den Nobelpreis für Literatur erhielt, war das den staatlichen Medien zu Hause keine Meldung wert. Diesen Job übernahm stattdessen die Zivilgesellschaft

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06:00 29.08.2020

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