Frau Klum, das Kleid und der Ball

Medientagebuch In Leipzig wurde die Gala-Werdung des Fußballs probiert. Es hat nicht ganz geklappt

Es geht in dieser Kolumne um Fußball. Aber weil es vor allem um die Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland geht, muss zunächst einmal an den Academy Award aus Hollywood erinnert werden, den Oscar. Den gibt es seit über siebzig Jahren, und er hat die Maßstäbe gesetzt, die gegenwärtig im deutschen Fernsehen beinah wöchentlich erfüllt werden sollen. Dann werden Bambi, Echo, Felix, Deutscher Filmpreis, Bayerischer Filmpreis, Goldene Kamera, Goldene Stimmgabel oder Goldene Henne verliehen.

Das könnte man eine Galaisierung des Fernsehens nennen: Der Unterhaltungsbetrieb kommt in feinen Abendkleidern zusammen und feiert sich selbst. Jeder darf jedem eine Laudatio halten, und jeder darf mal seinem Produzenten danken. So wie eine Abiturfeier, nur größer.

Es soll aber in dieser Kolumne um Fußball gehen. Nicht nur, weil der Ball rund ist und das Spiel immer noch neunzig Minuten dauert, hatte der Fußball in den letzten Jahren diverse Modernisierungsdefizite. Die Auslosung der Gruppen, die in der vergangenen Woche in Leipzig über die Bühne ging, hatte einerseits über 300 Millionen Zuschauer in der ganzen Welt, wie Heidi Klum, die Moderatorin des Abends, mitteilte. Andererseits war man von solchen Institutionen wie dem Weltfußballverband Fifa bislang gewohnt, dass sie zu eher gediegenen Inszenierungen neigen, neben denen ein Landesparteitag der württembergischen CDU beinah modern wirkt: Alte Herren sitzen in verschiedenen Reihen über- und hintereinander an Tapeziertischen, vor die Bettlaken gespannt wurden, damit man schlecht sitzende Hosen und sporadisches Kratzen am Gemächt nicht sehen kann und muss.

Aber schon die Verpflichtung von Heidi Klum, die früher bei solchen Männerzusammenkünften nur als das Fräulein, das das Pils bringt, geduldet worden wäre, deutet an, dass der Fußball mitmachen will bei der Galaisierung der Medienwelt. Noch geht es nicht zu wie bei der Oscar-Verleihung, und gerade das die Hüften betonende blaue Kleid von Heidi Klum war Ausdruck des noch nicht vollendeten Sprungs in die Moderne.

Wie schwierig die Modernisierung ist in einem kulturell so heterogen entwickelten Weltmarkt wie dem des Fernsehfußballs, war aus Teheran zu erfahren. Das iranische Fernsehen übertrug die Auslosung knapp zeitversetzt, denn alle Szenen, in denen Heidi Klum und ihr tief ausgeschnittenes Kleid zu sehen waren, wurden rausgeschnitten.

Auf die Übertragung aber wollte man auch im Iran nicht verzichten, denn die Botschaft, die an jenem Abend zu überbringen war, hatte schon das Zeug, 300 Millionen Menschen in den Bann zu ziehen. Schließlich nehmen 32 Nationen an der WM teil, und wie erfolgreich eine solche Teilnahme sein wird, liegt nicht zuletzt am Gegner.

Es wurden also keine Bambis oder Oscars verliehen, sondern Größeres: die Ehre in der Gruppe A bei der Fußballweltmeisterschaft mit der deutschen Nationalelf das Eröffnungsspiel bestreiten zu dürfen.

Damit auch die WM noch große sportliche Spannung aufweisen wird, hat sich die Fifa ein kompliziertes Regelwerk ausgedacht, das - ganz nebenbei gesagt - auch darauf verweist, wer wie viel Macht in diesem Weltverband besitzt. Bildlicher Ausdruck dieses Regelwerks waren in Leipzig etliche Glastöpfe, in denen Kugeln waren, die von früheren oder immer noch aktiven Weltklassekickern gezogen wurden. Ein von der Fifa gestellter Moderator, den man früher Pressesprecher genannt hätte, und der heute als Fifa-Mediendirektor firmiert, übernahm den schwierigen Part, viersprachig die Zeremonie zu dirigieren, und nicht so ganz prickelnde Typen wie den Kameruner Roger Milla oder den Deutschen Lothar Matthäus zum pünktlichen und lächelnden Abliefern ihrer Kügelchen zu bewegen.

Bis dann endlich feststand, wer mit wem im nächsten Sommer Fußball spielen darf, hatten die deutschen Regisseure noch gezeigt, welch, sagen wir: beschränkte Vorstellung von einem Weltereignis sie haben. Von Wolfgang Becker, dem Regisseur von Good Bye, Lenin, gab es einen Kurzfilm, der von wenigen netten Ideen, einer nur sporadisch guten Realisierung und dem völligen Fehlen einer Geschichte gezeichnet war: Ballero - wie herrlich fußballverrückt Deutschland angeblich ist. Dann gab es einen dreiteiligen Film über den Ball im Laufe der Jahrzehnte, wo Christian Brückner als Ich-Erzähler aus dem Off den Ball zu mimen hatte, und dabei immer solch devote Sprüche wie "mein Kaiser" (Beckenbauer) oder "mein Meister" (Maradona) sagen musste. Neben dem moderierenden - und dankenswerter Weise fließend und fehlerfrei Englisch sprechenden - Weltstar Heidi Klum traten noch im Showprogramm welche auf, die man in einer durchschnittlichen öffentlich-rechtlichen Samstagabendshow auch als Weltstar präsentiert hätte: Ein Sänger namens Juanes und ein Zauberer namens Hans Klok. Dazu kam noch eine Prise Selbstpräsentation des Gastgeberlandes, die mit der bei Fernsehmachern bekannten Faustregel arbeitete: Kinder und Tiere gehen immer. Es stürmten Schulkinder "aus allen Teilen Deutschlands" (Klum) auf die Bühne, die um das dämliche Maskottchen Goleo herumtanzen mussten. Wie sich die deutsche Gesellschaft selbst sieht, war nicht nur am Tanz und am Maskottchen zu beobachten: Die Kinder sahen eben so aus, wie deutsche Kinder auszusehen haben, wie nur mittlerweile kaum noch eine Schulklasse zusammengesetzt ist: weiß und blond. Auf die Idee, schwarze Jungs oder türkische Mädchen mit um das deutsche WM-Maskottchen tanzen zu lassen, kam man wohl gar nicht erst.

Die Galaisierung hat in Leipzig den Fußball erreicht, was ja nichts Schlechtes sein müsste, wenn wenigstens eine große Gala zu besichtigen wäre. Es ist aber schlecht, denn wo gemäß des Vorbilds der Academy Awards Weltstars und großes Kino (übersetze: großer Sport) verlangt gewesen wäre, kam Heidi Klums Ko-Moderator Reinhold Beckmann, bei dem nicht nur der Vollständigkeit halber erwähnt werden sollte, dass sein Sakko unvorteilhaft über den Bauch spannte, was ihn sogar noch schlechter aussehen ließ als Gerhard Mayer-Vorfelder.



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00:00 16.12.2005

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