Frauen gegen Frauen

Festival Die Days of Cinema versuchen, eine Kinokultur in den palästinensischen Gebieten zu unterstützen
Wolfgang Sréter | Ausgabe 47/2017
Frauen gegen Frauen
Was dieser heute baut, reißt jener morgen ein

Foto: Jaafar Ashtiyeh/AFP/Getty Images

Auch im Spätherbst von Ramallah noch über 25 Grad, die Balkontüren des dänischen Kulturzentrums sind weit geöffnet, im Saal ist jeder Platz besetzt. Besucher warten auf die Vorführung des palästinensischen Films The Chair, der für die Days of Cinema gedreht wurde. Nach der Vorstellung könnte das Lächeln von Madj Hajjaj, einer der Darstellerinnen, strahlender nicht sein, als sie aufsteht und auf die Bühne gebeten wird.

46 nationale und internationale Kurz-, Spiel- und Dokumentarfilme wurden in diesem Jahr ausgesucht für das vierte Programm, das in Ramallah, Nablus, Bethlehem, Jerusalem und Gaza lief. Dazu ein Kinderprogramm, Diskussionen und Workshops. Bei den Veranstaltungen, die zum ersten Mal angeboten werden konnten, lag der Schwerpunkt bei Themen, die für dortige Filmemacherinnen von Interesse sind.

Europa spielt bei der Positionierung eine geringere Rolle als der Blick nach Osten in die Golfstaaten. Ein Erfahrungsaustausch wird angeboten darüber, wie man Filme ohne Infrastruktur angeht. Die Kollegenschaft aus Gaza war per Skype zugeschaltet. Im letzten Jahr hatte man dort einen roten Teppich von einem Kilometer Länge ausgerollt, auf dem keine Stars wandelten, den aber das Publikum nutzte, um seine Begeisterung fürs Kino zu zeigen.

Brigitte Boulad und Hanna Atallah ist es heuer gelungen, insgesamt 25 Partner für die Days of Cinema zu gewinnen. Internationale Unterstützer, darunter die Vertretung der Bundesrepublik in Ramallah, haben den Hauptteil der Finanzierung übernommen. Ohne ausländische Sponsoren würde es in Palästina kein Filmfestival geben (und auch sonst nur wenig Kultur). In Interviews betont der künstlerische Leiter Hanna Atallah, der regelmäßig die Berlinale besucht, die Bedeutung von internationalem Austausch. Wenn Reisen schwierig sind, gibt das Kino dem jungen Publikum die Möglichkeit, Grenzen zu überwinden und in andere Welten einzutauchen.

Kinos sind rar in diesem Land. Das legendäre Cinema Jenin musste geschlossen werden. Der Mietvertrag wurde nicht verlängert, das Gebäude von seinen Besitzern verkauft; Bagger haben ihre Arbeit erledigt.

Oma reist per Google

Eine Hauszerstörung – vom neuen Investor, der ein Einkaufszentrum für rentabler hält. Die Arbeit hunderter Freiwilliger wurde eingeebnet, und von der Vision des deutschen Filmemachers Marcus Vetter, eine regionale Filmindustrie aufzubauen, bleiben nur Trümmer.

Das Al-Asi-Filmtheater in Nablus wurde im Juni abgerissen und die Cinematheque des Al-Kasaba-Theaters in Ramallah hat aufgegeben. In Bethlehem gibt es zwar noch einen Cinema Square, ein Kino aber sucht man dort vergeblich. Gleichzeitig entstehen in Universitäten und kommunalen Einrichtungen neue Räume, die nicht nur für die Days of Cinema genutzt werden können, sondern ebenso für Theater- und Tanzveranstaltungen.

Die beiden Sunbird Awards konnten zum ersten Mal vergeben werden. Nur mit Geld wäre der kleinen Gemeinde palästinensischer Filmemacher wenig geholfen. Deshalb beinhalten die Preise zielgerichtet sowohl Herstellung, Postproduktion als auch Distribution eines Filmprojekts in Kooperation mit dem dänischen Aarhus-Filmworkshop. Razan AlSalah hat für ihren Kurzfilm, in dem eine palästinensische Großmutter mithilfe von Google Maps ihre Geburtsstadt Haifa besucht, einen Preis bekommen. Und Alexandra Dols den anderen für ihre Dokumentation über die psychischen Auswirkungen der israelischen Besatzung auf die lokale Bevölkerung.

Das diesjährige Programm beschäftigt sich mit Alltagsthemen der zerrissenen Gesellschaft. In dem wohl schmerzlichsten Film bezweifelt die Mutter eines Bräutigams die Jungfernschaft der Braut und zwingt die jungen Leute einen Arzt aufzusuchen. Obwohl der Arzt Entwarnung gibt, besteht die Mutter des Bräutigams auf einer persönlichen Überprüfung.

Die Braut liegt in ihrem weißen Kleid hilflos auf einem gynäkologischen Stuhl und muss die erniedrigende Prozedur über sich ergehen lassen. In der anschließenden Diskussion sagt eine Teilnehmerin: „Ganz gleich, ob wir Englische Literatur oder Business studiert haben, bei der Heirat werden wir auf unsere Jungfräulichkeit reduziert. Und was das Schlimmste ist: Die Frauen sind dabei die treibende Kraft.“

Auch in The Chair geht es um eine junge Frau, deren Eltern nach Jamaika ausgewandert sind. Zur Weihnachtszeit hat Olga ihre christliche Großmutter in Bethlehem besucht. Der Film beginnt mit einer Trauerfeier, die Großmutter ist verstorben. Während Kaffee gereicht wird und Tränen fließen, machen sich die Frauen Gedanken, wie man die 26-jährige Olga an den Mann bringen kann. Ein berührender Film, dem es gelingt, die Stellung und Rolle unverheirateter Frauen in der palästinensischen Gesellschaft auf humorvolle Weise aufzubereiten.

Wolfgang Sréter war auf Einladung des Dar Al-Kalima University College unterwegs

06:00 10.01.2018

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