Freie Software gleich Gedankenfreiheit

Aber Microsoft ist immer schon vorher da Auf der Wizards-of-OS-Konferenz in Berlin diskutierten Wissenschaftler, Aktivisten und Software-Praktiker aus 23 Ländern über Open Source, Globalisierung und Ökonomie

David ist erwachsen geworden, aber klein geblieben, und er trägt jetzt Anzüge. So ließe sich eine Tagung zusammenfassen, auf der das aufgeklärte Bewusstsein unter der technophilen Jugend am Wochenende zusammentraf. Wenig mehr als 200 Leute bevölkerten die geräumigen Säle im neu renovierten Berliner Congress Center am Alexanderplatz. Etwa die Hälfte davon hielt sich auf einem der 38 Podien während der drei Konferenztage auf. Das Selbstverständnis konnte dies kaum trüben: Mit der Gewissheit des richtigen Bewusstseins machte die Open-Source-Szene auf die prekäre Balance zwischen öffentlichem und proprietärem Wissen aufmerksam und sagte den Weltkonzernen der IT-Branche den Kampf an.

"Man kann keine Demokratie auf einem proprietärem Betriebssystem betreiben", erklärte Federico Hein, Vorstand der argentinischen Fundacion Via Libre mit Blick auf das weltweite Marktmonopol von Microsoft auf den Computern der öffentlichen Hand. Tatsächlich lässt sich nicht eben gut erklären, warum der Einsatz von freier Software und transparenten Open-Source-Produkten dort nur so mühsam vorankommt. Zwar hat 2002 eine Umstellung der Server im deutschen Bundestag auf das Betriebssystem Linux stattgefunden und die Entscheidung der Münchner Stadtverwaltung, alle 13.000 Computer trotz höherer Kosten auf Linux umzustellen, ist bravourös zu nennen. Doch sind das nur Peanuts. Und andererseits taucht immer noch ein "t-online" in der Internetadresse des ZDF auf. Und auf den Hochrechnungen der ARD zur Europawahl prangte das Logo "Windows Server". Wieso eigentlich?

Während die Kommerzialisierung von einst frei zugänglichen Informationen rasanten Schrittes vorangeht, diffundieren die Ideen und Vorstellungen von Open-Source nur sehr langsam in die Öffentlichkeit. "Eigentlich ist Freiheit ja ein Default-Wert", erklärte Volker Grassmuck, Organisator der Konferenz, "aber in der Welt, in der wir leben, sind Kontrollmechanismen, Geldorientierung und Hierarchien an der Tagesordnung". Hiergegen richtet sich der Geist von Open-Source und begreift Information und Wissen als Allmende, als Teil des Gemeinwesens, zu dem jeder Zugang und das Recht auf Aneignung und Weitergabe haben sollte. Ganz in diesem Sinne verstand es der amerikanische Rechtswissenschaftler Eben Moglen in seinem Eröffnungsvortrag Die Gedanken sind frei, die Freie-Software-Bewegung an die Menschrechte und den historischen Kampf um das Recht auf freie Rede anzubinden. Eine "praktikable Revolution" müsse sich freie Soft- und Hardware, eine auf freien Wissenstausch basierende Kultur sowie den freien Zugang zu öffentlichen Frequenzen im Äther erkämpfen.

Geschenk-Ökonomie

Als Beispiel für eine praktische Umsetzung kann Creative Commons gelten, eine Initiative des Stanford-Professors Lawrence Lessig, die vergangenen Freitag ihren Deutschlandstart feierte. Bei Creative Commons handelt es sich um Nutzungslizenzen für Autoren, die damit einverstanden sind, dass ihre Werke von anderen verwendet, vertrieben und verändert werden dürfen. Ein digitaler Code weist die mit den Creative-Commons-Lizenzen versehenen Texte, Audiodateien, Videos und Grafiken mit präzisen und frei wählbaren Nutzungsbedingungen aus. Bereits drei Millionen Werke sind dementsprechend lizenziert. "Von der Rechtskultur ist eine Norm für das Internet statuiert worden", erläuterte Lawrence Lessig, "ohne ausdrückliche Erlaubnis ist alles, was du dort tust, verboten. In den Anfängen des Internets dachten viele Leute, es sei genau umgekehrt. Doch die vielen Jahre des Prozessierens und Regulierens haben diese Annahme ins Gegenteil verkehrt."

Sucht man nach den Ursprüngen einer Philosophie der Allmende, nach den Einflüssen von Open-Source, landet man schnell bei den Avantgarden, bei Surrealismus und Dada, Collage, Remix und Cut-up. Auch der Situationismus und sein détournement, das darauf abzielt, bestehende Kultur (parodistisch) zu zweckentfremden, ist mit seiner Bezugnahme auf Marcel Mauss´ Geschenkökonomie einflussreich. Geschenke und Gegengeschenke zirkulieren in einem Gemeinwesen und korrelieren mit dem sozialen Ansehen des Schenkers. Diese Dynamik haben sich viele Gruppierungen im Internet zu eigen gemacht, wo Fachwissen in Newsgroups getauscht und gemeinsam an Software geschrieben wird.

Ausdruck eines kollaborativen Geistes ist etwa Wikipedia, die freie Internet-Enzyklopädie, an der seit Januar 2001 viele Tausende von Usern mitschreiben. Insgesamt 750.000 Einträge, davon allein 100.000 deutsche, stehen zur öffentlichen, kostenfreien Nutzung bereit. Jeder Artikel kann ergänzt und verändert, Veränderungen revidiert und neu ausformuliert werden. Ein System des peer-reviewing, an dem teilzunehmen jedem frei steht, sorgt für hohe Qualität. Über eine watchlist kann der ursprüngliche Autor alle Veränderungen an seinem Artikel verfolgen, was manchmal zu heißen Fehden, so genannten edit wars führt.

Globalisierung anders

Auf der Wizard-of-OS-Konferenz bot sich die Gelegenheit, den Stand der Verbreitung von Open-Source-Software in anderen Ländern zu verfolgen. In Spaniens ärmster Provinz, Extremadura, ist nicht nur die gesamte Verwaltung bereits 2002 auf Linux umgestiegen, sondern auch Wirtschaft und Privatpersonen. An Universitäten, Schulen, in Politik und Verwaltung stehen 80.000 Linux-PCs bereit. Inzwischen haben sich zwölf Firmen gegründet, die Software-Produkte kommerziell weiterentwickeln und unter der GNU-Linux-Lizenz vertreiben. Auch in den Niederlanden ist die Realisierung von Open-Source-Projekten weit vorangeschritten. Für die 1.400 Regierungsstellen auf Bundes-, Länder- und lokaler Ebene gibt es ein Kompetenzzentrum, das in allen Fragen der Migration auf Open-Source-Software berät.

Außerhalb "Kern"-Europas ergibt sich ein gemischtes Bild, das an das Gleichnis von Hase und Igel gemahnt: Microsoft ist immer schon vor Ort. So informierte Veni Markovski, Vorstand der bulgarischen Internet Society, über ein mit UN-Mitteln unterstütztes Open-Source-Projekt in seinem Land, das den Wettlauf gegen bestehende Verträge mit Microsoft antreten muss. Der Filz ist so dicht, dass von einer jüngst verabschiedeten Urheberrechtsänderung sich die Regierung selbst ausgenommen hat, weil eine noch gültige Vereinbarung mit dem Weltkonzern besteht. Dessen Dominanz ist auch in Südamerika gewaltig, so dass freie Software im öffentlichen Bereich zwar angestrebt wird, eine Realisierung jedoch nur schrittweise vorankommt.

Federico Hein berichtete vom teilweise klandestinen Einsatz von Linux auf Behördenservern, ohne dass die Behördenchefs davon wüssten. Aufgrund der veralteten technischen Infrastruktur auf dem Subkontinent und der hohen Preise für den Internet-Zugang sind Informationstechnologien außerhalb von Regierung, Verwaltung und Universitäten in der Öffentlichkeit nicht weit verbreitet. Nach wie vor herrscht ein digital divide zwischen erster und dritter Welt, ländlichen und städtischen Regionen, armen und reichen Bevölkerungsgruppen vor. Das Berkman Center for Internet Society geht für das Jahr 2002 von 429 Millionen Online-Zugängen weltweit aus. Das sind nur sechs Prozent der Weltbevölkerung, wovon wiederum 41 Prozent in den USA und Kanada leben.

So ist auch die Situation in Afrika, von der der ghanaische Software-Entwickler Guido Sohne sagt: "Alle benutzen Windows, aber keiner zahlt dafür", von der digitalen Spaltung betroffen. Die Ausgangsvoraussetzungen sind denkbar schlecht: Hardware ist doppelt so teuer wie bei uns, Modem-Bandbreite mit 400 Dollar pro Monat unbezahlbar. Zudem vergeben Banken keine Kreditkarten an Privatpersonen, und Internethändler verschicken ihre Ware erst gar nicht in afrikanische Provinzregionen. Das bedeutet einen kompletten Ausschluss vom Wissen der Welt. Organisationen wie die Bostoner Geekcorps bemühen sich um den praktischen Wissenstransfer in unterentwickelte Regionen und entsenden Computerexperten in Länder wie Mali und Senegal.

www.wizards-of-os.org, www.creativecommons.org, www.wikipedia.org, www.geekcorps.org


00:00 18.06.2004
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