Froschschenkel in Toronto

Amphibium Politikwissenschaftler Tilo Schabert spürt einem Appetit, einem Tabu und seiner Kindheit nach
Froschschenkel  in Toronto

Grafik: der Freitag

Ende August 2018. Im Cluny Bistro in Toronto, genauer: im Distillery District dort, einem Ensemble von siebenundvierzig Gebäuden hauptsächlich aus Backstein, für industrielle Zwecke im 19. Jahrhundert errichtet und vor wenigen Jahren aufwendig restauriert. In den Gebäuden befinden sich jetzt Theater, Galerien, Boutiquen, Restaurants. Das Cluny zitiert durch seine Ausstattung die Art-Deco-Zeit an. Freunde aus Toronto haben uns am letzten Abend unseres Toronto-Besuchs dorthin geführt.

Beim Anschauen der Speisekarte sehe ich: Froschschenkel! Was! Seit langer, langer Zeit hatte ich nicht mehr an Froschschenkel gedacht. Und wenn sie in einem Restaurant – eher einem französischen, denn einem deutschen – auf der Speisekarte aufgelistet waren, so muss ich das überlesen, nicht weiter beachtet haben. Doch jetzt werfe ich einen Blick auf die Karte, und was ich sehe, nimmt mich gefangen. Vielleicht sind es die Umstände, die Tage in Toronto und zuvor im Norden von Ontario in dem urkanadischen Städtchen Midland am Huronsee. Nichts Erschütterndes, doch Entfremdungen betörender Art. An diesem Abend noch gesteigert durch die Retro-Szenerie des Distillery District. Vieles, das zu entdecken ist, neugierig macht, für sich einnimmt. Dazu verführend, alles andere aus dem Sinn zu verlieren.

Und da nun die Froschschenkel, die sich in die Suggestion dieses Moments einfügen! Durch das, was sie in mir wachrufen. Wie von Weitem her jäh gegenwärtig werden die Jugendjahre im Oberschwäbischen, als meine Großmutter gelegentlich Froschschenkel für uns beide zubereitete. Ich schätzte sehr deren feinen Geschmack, so gestehe ich gerne. Sie waren auch etwas Besonderes in einer Zeit, in der es kaum etwas anderes als Sauerkraut, Kartoffeln, Grießbrei und Nudeln zu essen gab. Und das wenige Gemüse und Obst, das der Garten bot. Kein Überfluss, gewiss. Keine industriell aufgezogene Landwirtschaft. Nichts Exotisches von ferne her. Wir lebten nahe und mit der Natur; ihr Leben, allein schon die Jahreszeiten, formte das unsere. Und von Fröschen waren viele da, bei den Weihern in der Umgebung.

Ich bestellte die Froschschenkel. Der Geschmack wie damals. Nein, auf eine Weise intensiver. Das, was in der Imagination schon wachgerufen worden war, verspürte ich jetzt auf der Zunge. Die Erfahrung jenes Lebenskosmos meiner Jugend. Sie war mir ganz offenbar nicht völlig entglitten, wie anders die Welt auch geworden war. Sie konnte geweckt werden, und was in ihr bewahrt war, kam zurück, an diesem Abend in Toronto. Es wäre verkehrt gewesen, die Froschschenkel nicht zu bestellen, trotz der gängigen Meinung in Deutschland: Man isst keine Froschschenkel.

Wieder zu Hause, erzählte ich da und dort von meinem Erlebnis. Keine Vorhaltung erfolgte, kein Anpfiff. Unter dem gegebenen Umstand zivilisierter Geselligkeit verbot sich das wohl. Die Reaktionen waren ambivalent, aber es überwog ein gewisses Vergnügen an meiner Geschichte. Sie hatte offenbar etwas Ausgefallenes an sich. Aber da war noch anderes. Die komplexen Reaktionen zeigten mir, dass mein Erlebnis offenbar mehr bedeutete, als mir selbst bewusst war.

Es fiel bei den Kommentaren das Wort „konservativ“. Wie das? Das nostalgische Zurückdenken an meine eigene Kindheit und meine Großmutter war damit wohl nicht allein gemeint; die Geschichte löste offenbar Wahrnehmungsresonanzen aus, die aus tieferen Schichten des kollektiven Erinnerns kamen. Was konnte es sein, das bei meiner Erzählung vom Froschschenkelgericht zusätzlich aufgerührt wurde? Was war es, das die Assoziation „konservativ“ auslösen konnte und in welchem Sinn war diese zu verstehen? Ich musste über meine Geschichte wohl selber noch einmal nachdenken, um herauszufinden, was in ihr oder mit ihr bewahrt, restauriert oder wiederhergestellt wurde. Es lag nahe, an allgemeine Sinnzusammenhänge zu denken, die mit Fröschen zu tun hatten. Oder, genauer, mit der Bedeutung von Fröschen für die Menschen.

Viele Frösche gab es früher an den Weihern im Oberschwäbischen. Zu viele konnten es werden, so hatte ich hie und da gehört. Und ich las nun davon, dass es nicht selten regelrechte Froschplagen gab. Dann gingen die Menschen dazu über, die Zahl der Frösche zu verringern, um die Natur im Gleichgewicht zu halten, und zusätzlich nutzten sie die Froschschenkel für die eigene Ernährung. Ich kam, so schien mir, auf die Spur einer älteren Frosch-Ökologie. Vielleicht wurde dort, wo die Froschschenkel im Cluny herkamen, dieser Lebenskosmos noch bewahrt, und ich habe ihn mit meiner Lust am Essen bestätigt.

Aber war es wirklich allein der Gedanke an jene Frosch-Ökologie, der mit meiner Geschichte wieder lebendig wurde? Die lebhaften Reaktionen der Zuhörer und ihr Fragen nach der Bedeutung meiner Erzählung waren auch damit nicht ganz zu erklären. Ich verfolgte also die Erinnerungsspur weiter in die Vergangenheit, zurück in die Zeit, in der Frösche nicht nur eine Naturplage und nächtliche Ohrenplage waren, sondern aufgrund ihrer unbezähmbaren Vitalität in der sakralen Kunst das Böse schlechthin verkörperten – wie die Kirchenornamentik mancherorts noch heute bezeugt. Andererseits war es wohl die atavistische Lebenskraft des Frosches, die in zahlreichen mittelalterlichen und späteren Wappen von vornehmen Familien als Tugend beansprucht wird. Das, was René Girard als Pharmakon wiederentdeckt hat, Monster und verehrungswürdiges Wesen, Gift und Heilmittel zugleich, war also der Frosch. Und auch diese reiche, ambivalente Symbolik öffnete sich wiederum in eine weite Vergangenheitsdimension und führte mich schließlich zu jener Froschplage, von der die Bibel berichtet. Dort, im zweiten Buch Mose, wird erzählt, dass Moses, um den Pharao dazu zu bringen, das in Ägypten gefangene Volk Israel ziehen zu lassen, mithilfe von Aaron eine Froschplage für das Land heraufbeschwört (2. Mose 7, 26 – 8,11). „Aaron reckte seine Hand aus über die Wasser in Ägypten, und es kamen Frösche herauf, sodass Ägyptenland bedeckt wurde“ (8,2). Der Pharao verspricht, dass er das Volk Israel entlasse, wenn Moses seinen Herrn bitte, die Frösche von ihm und seinem Volk zu nehmen. Dies geschieht; überall verenden die Frösche. Allerdings sind weitere Plagen nötig, bis der Pharao die Israeliten wirklich ziehen lässt.

Was also haben meine Kollegen und Freunde gemeint, als sie meine Geschichte und meine Freude am Froschschenkelgericht als „konservativ“ bezeichneten? Wohl nicht nur, dass ich eine persönliche Kindheitserinnerung kultiviert habe. Haben sie gefunden, dass ich die neue ökologische Maxime, Frösche seien zu schützen, noch nicht internalisiert habe? Oder dass ich die alte Norm beherzigt habe, durch die Dezimierung der Frösche das Gleichgewicht der Natur zu bewahren? Dass ich gar mit meiner atavistischen Freude am Froschmahl noch viel ältere Aspekte der Amphibiensymbolik in die Gegenwart geholt habe und durch die Froschvernichtung das Böse zu bekämpfen oder durch das Froschessen mir die urtümliche Kraft der Natur anzueignen glaubte?

06:00 17.10.2019
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