Esther Buss
Ausgabe 1617 | 21.04.2017 | 06:00 1

Früher oder Brater

Kino „The Founder“ erzählt die Geschichte des Mannes, der einst McDonald’s prägte. Und nicht viel mehr

Früher oder Brater

Wolf im Hühnerstall: Ray Kroc (Michael Keaton) entdeckt für sich den Burger

Foto: Splendid Film

Früher hat Ray Kroc (Michael Keaton) mal Pappbecher und Klapptische verkauft, inzwischen ist der schon etwas abgewirtschaftete Vertreter mit einem Fünf-Spindel-Milchshake-Mixer on the road. Das Geschäft läuft nicht gut und es geht an die Würde. Wenn Kroc nach einem glücklosen Verkaufsgespräch den schweren Supermixer wieder in den Kofferraum seines Wagens wuchtet, gibt er ein doch eher klägliches Bild ab.

Dabei macht er seine Sache nicht mal schlecht: Der Pitch, den er gleich in der ersten Szene des Films direkt in die Kamera spricht, reicht zwar nicht an Don-Draper-Qualitäten heran, aber die Performance stimmt. Die Dinger will aber trotzdem niemand haben. Also legt Kroc abends im Hotelzimmer Norman Vincent Peales The Power of Positive Thinking auf den portablen Plattenspieler – und schon ist er wieder halbwegs motiviert für den nächsten Tag.

Während die Starbiografie im Erschöpfungszustand vor sich hindümpelt, entdeckt das Biopic immer mehr die Unternehmerfigur für sich (Steve Jobs, Joy etc.). The Founder schildert die oft erzählte Geschichte eines erfolgreich in die Realität überführten amerikanischen Traums: Ende der 1950er Jahre gründet der 52-jährige Ray Kroc den McDonald’s-Konzern und startet damit ein beispielloses Franchise-Empire. Kroc geht als „Hamburger King“ in die Geschichte ein, zu Lebzeiten soll er ein Vermögen von 500 Millionen US-Dollar erwirtschaftet haben. Heute wirbt die Website der Fast-Food-Kette mit einem sehr mythisch klingenden Zitat: „Es war ein Erfolg über Nacht, aber 30 Jahre sind eine sehr lange Nacht.“

John Lee Hancock versucht sich etwas halbherzig an einer Korrektur der „offiziellen“ McDonald’s-Geschichtsschreibung, die den Beitrag der Namensgeber Mac und Dick McDonald zu dem Firmenerfolg kleinschreibt. So erzählt The Founder, wie einer mit Zielstrebigkeit und Penetranz (und wenig Bildung) – also ganz nach den Versprechungen von Peales Self-Help-Bibel – eine smarte Idee kapert und sie zu Geld macht. Die Haltung des Films schwankt dabei zwischen offener Bewunderung für Krocs unternehmerische Chuzpe und einer ziemlich braven Kritik an seinen rücksichtslosen Geschäftsmethoden.

Eine neue Kirche

Anfang der 1950er Jahre führt die etwas irre lautende Bestellung von acht (!) Milchshakern Kroc in ein Burger-Restaurant im kalifornischen San Bernadino. Mit großem Erfolg hatten die Brüder Mac (John Carroll Lynch) und Dick McDonald (Nick Offerman) ihren Betrieb auf fordistische Produktionsmethoden getaktet. Die Gäste stehen Schlange, müssen aber nicht warten – das „Speedee-System“ bedeutet: perfekte Arbeitsteilung, flüssige Abläufe, nur 30 Sekunden Herstellungszeit für einen Burger. Und das bei hohen Qualitätsansprüchen.

In einer langen Rückblende erzählen die McDonalds dem Speedee-begeisterten Kroc ihre bewegungsreiche Unternehmerbiografie. In der schönsten Szene des Films sieht man, wie das Fast-Food-Team die Produktionsmechanik auf einem Tennisplatz trockenübt und dabei Raumaufteilung und Bewegungsabläufe optimiert – „it was a crazy burger ballet“.

Die Schnellimbiss-Pioniere beeindrucken Kroc aber noch mit einer weiteren Erfindung: den „Golden Arches“, jenen ikonisch-gelben Bögen, aus denen das McDonald’s-Logo hervorgehen sollte. Mit einem hochpatriotischen Pitch kriegt Kroc die beiden dazu, der Franchise-Idee, die sie in der Vergangenheit selbst mal mit wenig Glück ausgetestet haben, zuzustimmen: „Kreuz, Flaggen, Bögen – McDonald’s kann die neue amerikanische Kirche werden!“

Als Mac und Dick realisieren, dass sie einen Wolf in den Hühnerstall gelassen haben, ist es zu spät. Einige Jahre und einen diabetischen Schock später – die Burger-Filialen schießen mittlerweile wie Pilze aus dem Boden, Kroc hat sich ein Finanzgenie zur Unterstützung geholt – verkaufen die von Krocs aggressiver Expansionspolitik plattgemachten McDonald’s ihre Firma für 2,8 Millionen US-Dollar. Bald darauf müssen sie auch den Namen ihres Restaurants – des Originals! – abgeben.

The Founder macht entschieden zu wenig aus einem eigentlich vielversprechenden Setting – das Fast-Food-Restaurant als ein Ort des beschleunigten Konsums und der Propagierung von Familienwerten. Und die Folgen von Krocs monströsem Franchise-Unternehmen für Arbeitsverhältnisse, Immobilienmarkt und Umwelt werden in keinem Moment auch nur angedeutet. Hancock interessiert sich nicht dafür, was jenseits der individuellen Erfolgsgeschichte passiert (auch hier lahmt der Film: Laura Dern etwa hat eine denkbar öde Rolle als aufs Abstellgleis gestellte Ehefrau). Zum Zeitpunkt von Krocs Firmenkauf (1961) nähert sich The Founder ungefähr der Zeitrechnung von Mad Men an – im Film aber bleiben die gesellschaftlichen Themen, die die Serie so gekonnt diskutiert hat, unreflektiert.

Info

The Founder John Lee Hancock USA 2016, 115 Minuten

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 16/17.

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