Fump, macht die Babyblase

Schwangerschaft Für die Geburt ziehen sich viele komplett zurück. Das ist manchmal auch eine Flucht ins Unpolitische

Das Geräusch hörte ich zum ersten Mal, als meine hochschwangere Freundin A. sich neulich von mir verabschiedete mit den Worten, sie ginge jetzt „in die Babyblase“. Das war etwa anderthalb Monate vor der Geburt. Ich dürfe mich gern melden, alles wie immer. Sie könne nur nicht versprechen, dass sie antworten wolle. Sie erhob sich mühsam, wirkte heiter, und ich las genau denselben Text – „Ich bin dann mal weg“ – wenige Minuten später, allein am Restauranttisch sitzend, in ihrem neuen Instagram-Post. Auf dem Foto lag die Hand an dem, was sie „Wundermurmel“ nannte, und um den Mund diese Heiterkeit von unserem Abschied: die muntere Gelassenheit derer, die wissen, dass die knirschende Weltmaschine ihnen für eine ganze Weile sonst wo vorbeigehen darf.

Tief im Lammfell vergraben

Da war das Geräusch. Es war leise, aber vernehmlich: fump. Es war das Geräusch ihrer Babyblase. Die Babyblase ist ein virtuell existierender Ort, in den man als Kindswillige via Hashtagsuche unverbindlich hineinlugen kann. Unter #babybubble werden etwa 20.000 Beiträge bei Instagram zutage gefördert: viele Babyfüße und Babyköpfchen auf verschiedenen, immer sehr kuschelig aussehenden Untergründen. Ich habe beim Sichten der Bilder vor allem gelernt, dass selbst so interesselose Farbtöne wie Naturweiß und Eierschale aggressiv wirken, wenn sie im Schwarm auftreten.

Es gibt keine trennscharfe Definition der Babyblase. Für meine Freundin A. begann sie sechs Wochen vor der Niederkunft, für andere beschreibt der Begriff ausschließlich das Wochenbett, wieder andere meinen damit die Phasen des Nestbaus während der Schwangerschaft, die in dem produktbesessenen Selbstvermarktungsuniversum von Instagram hauptsächlich dazu genutzt werden, allerlei babybezogene Dinge auf fotogene Häufchen zu schichten. Eine schwedische Lifestyle-Influencerin spricht gar von der „birthing bubble“, in die sie eintritt, um sich spirituell und körperlich auf den transformierenden Vorgang der Geburt einzulassen: „Das ist so eine heilige Zeit!“, bekräftigt eine ihrer Followerinnen in den Kommentaren.

In den Sphären der Familienblogs und Instagram-Accounts werden hauptsächlich Frauen abgebildet, was nicht bedeutet, dass die Babyblase nur den potenziellen Müttern vorbehalten ist: Auch frische und werdende Väter können sich tief, tief im Lammfell vergraben. Und um das Vergraben geht es mir.

Freundin A. meldete sich einige Wochen nach der Geburt bei Instagram zurück und sah erschreckend pfirsichfarben aus: im Gesicht vor allem, aber auch die ganze Wohnung hinter ihr hatte bei genauem Hinsehen einen argen Rosa-Orange-Stich. Sie schwärmte per Insta-Story über diese besondere Zeit, in der mal nicht über Corona oder Klimakatastrophe gesprochen würde, über die Freuden des Wochenbetts mit aller Zeit der Welt, um einander – also sie das Baby und das Baby sie – kennenzulernen. Sie wolle eigentlich gar nicht mehr raus aus der Babyblase. Sie sah glücklich aus dabei. Gegen Babyglück ist rein gar nichts einzuwenden. Gegen eine Deutung des Wochenbetts als babybreisoftes Ressort für Mütter (und Väter!), die globalisierungserschöpft und coronamüde den Rückzug in die Kernfamilie antreten, um sich dort mal richtig von den Strapazen da draußen zu erholen, aber schon.

Im Wochenbett regeneriert sich die Gebärende von einer strapaziösen Geburt. Der Körper darf heilen, die Seele eventuelle Geburtstraumata zu verarbeiten beginnen. Allein damit ist die Zeit von sechs bis acht Wochen zur Genüge ausgefüllt. Dass Freundin A. und andere, etwa eine Hamburger Mutterbloggerin, die sich während #blacklivesmatter erleichtert in „die heile Babyblase“ zurückzieht, sich von dieser notwendigen Schonzeit nun gleichzeitig eine Pausentaste vom Lärm der in Partikularinteressen zerschellenden Globalgemeinschaft erhoffen, macht mir Sorgen. Schon klar: Wir organisieren unsere Enttäuschung gegenüber einer sich stetig verdüsternden Zukunftsperspektive in vielen Blasen unterschiedlichster Größe und Beschaffenheit. Die Babyblase ist nur eine davon. Was ich von ihr gesehen habe, erschreckt mich aber auch, tja: ästhetisch. Die Blase der werdenden Mütter ist gefüllt mit bemerkenswert vielen runden Dingen: Sie töpfern kleine Schälchen aus Naturton, sie beschäftigen sich intensiv mit dem wohl größten runden Ding überhaupt: dem Mond (die Periode nennt man hier #moondays und berichtet über Träume und Gefühle in #moonlists, sie hängen sich die Mondphasen in Drucken übers Bett), sie nähen Blümchen auf runde Stickrahmen und binden exzessiv runde Kränze aus Trockenblumen.

An die Dinge dotzen

Der Kreis ist die harmonischste aller möglichen Formen; ein Buch des Synästhetikers Clemens J. Setz trägt den kryptischen Titel Der Trost runder Dinge, der gesellschaftlich verstanden werden kann: Der Kreis geht in sich selbst auf, er fängt nicht an und endet nicht, er ist ein ewig konsistentes, gut überblickbares Rund, dessen geometrische Ruhe dem Auge gefällt. Wenn ich mir vorstelle, wie die Babys der Babyblasenjünger*innen zwischen ecken- und kantenlosen Interieurs groß werden, graust es mir. Das Sein bestimmt das Bewusstsein; und Kinder sind doch keine kleinen Geisteskranken, die in gnadenlos gepolsterten Gummizellen, Verzeihung, Filterblasen aufwachsen sollten.

Als ich A. nach der Geburt besuchen durfte, suchte ich lange nach einem Geschenk für das Kind. Ich fand im Internet ein entzückendes Designglockenspiel aus Kirschholz, es war pentatonisch gestimmt – niemals kann damit also ein disharmonischer Klang erzeugt werden, egal, wie talentfrei man darauf herumhaut. Lange hat mich nichts mehr so kulturpessimistisch gestimmt wie der in ein überteuertes schwedisches Designglockenspiel gegossene Versuch, einem Kleinkind nur noch harmonische, ja: runde Töne zu entlocken.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Für neue Eltern muss und soll es einen geschützten Raum geben, in dem sie zu sich selbst finden dürfen, in die neuen Rollen hineinwachsen. Von diesen Räumen bietet unsere Gesellschaft zu wenige, und die Corona-Zeit mit ihren Kita- und Schulschließungen hat den Eindruck noch verstärkt, der Staat sehe im Bekommen und Aufziehen von Kindern ein Privatvergnügen, für das ausschließlich die Eltern haften. Aber ich möchte keine Blasenbildung aus Angst und Hilflosigkeit vor dieser herausfordernden Welt. Die Babyblase ist kein wattierter Raum, der auf seligmachende Weise befreit ist von Politik und Weltgeschehen, Revoltenschmutz und Debattenlärm. Im Gegenteil, die Babyblase ist einer der politischsten Räume, den wir haben.

Ich möchte dieses Geräusch des Dotzens an etwas hören, weil man den Mut hat, trotz der Beschissenheit der Dinge heute Kinder zu bekommen: Wir dotzen damit hart an die kapitalistische Arbeitswelt. Ich möchte es hören als einen Akt des politischen Widerstands, wenn wir unsere Babygreifbälle gemeinsam einem System an den Kopf werfen, das Erwerbsarbeit vor Care-Arbeit stellt, Kinderarmut nicht verhindern und Alleinerziehende nicht ausreichend unterstützen kann. Auch Wut kann eine Blase sein.

Leona Stahlmann ist Schriftstellerin und Journalistin. Zuletzt erschien im Februar ihr Roman Der Defekt im Verlag Kein & Aber

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06:00 05.10.2020

Ausgabe 44/2020

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