Fünf lange Jahre mit 9/11

Keine Diagnose, sondern eine Drohung "Es wird nichts mehr so sein wie zuvor"

Könnten Sie das Datum nennen, an dem die ersten amerikanischen Bomben auf Bagdad fielen? Wissen Sie noch, in welchem Jahr der Vietnamkrieg begonnen hat und wann er beendet wurde? Woran denken Sie, wenn vom 11. September die Rede ist? Es ist der Tag, an dem im Jahr 1973 der chilenische Präsident Salvador Allende ermordet wurde - von Putschisten, die eng mit den USA kooperierten und eine 17 Jahre währende Militärdiktatur errichteten, die fast 4.000 Menschen das Leben kostete.

Aber in den Köpfen präsent ist nur der andere 11. September. Den USA ist es gelungen, 9/11 zu der Chiffre zu machen, die den Beginn einer neuen Zeitrechnung markiert. Der terroristische Angriff auf das World Trade Center wurde erfolgreich zum entscheidenden Vorgang der neueren Geschichte deklariert, dessen tatsächliche oder suggerierte Implikationen allem danach Geschehenen als Ursache zu dienen haben. Es ist keine Übertreibung, wenn man behauptet, der 11. September 2001 hätte der US-Politik zumindest in seiner Auswirkung genau ins Konzept gepasst. Es bedarf keiner Verschwörungstheorien, es geht nur um das objektive Ergebnis, das sich bekanntlich von den Absichten unterscheiden kann. Auch Israel hatte nicht die Absicht, die Hisbollah zu stärken, als es den jüngsten Krieg im Libanon anzettelte. Dass genau dies aber, nämlich eine Stärkung der antiisraelischen Fanatiker, das Resultat ist, erscheint offensichtlich.

Was der Sowjetunion seit ihrer Geburt unterstellt wurde - dass sie sich die Welt untertan machen wolle - wird von den USA seit dem Untergang des sowjetischen Imperiums so schamlos betrieben, dass man sich nur über jene wundern kann, die diese Politik verteidigen. Dabei beschränken sich die Vereinigten Staaten längst nicht mehr auf die Mittel des Wirtschaftskrieges. Kein "Gleichgewicht des Schreckens" hindert sie am Einsatz militärischer Mittel. Sie scheren sich nicht um internationale Abmachungen, beanspruchen für sich Rechte, die keinem anderen Staat der Welt zugebilligt werden. Es ist das Verlangen, vor der inneramerikanischen Opposition und der Welt die Rolle der "Good Guys" zu spielen, was die Verantwortlichen in Politik, Militär und Wirtschaft nach Begründungen für ihre Aggressionen suchen lässt, und da kommt der islamische Terrorismus als Feindbild gerade zurecht. Mit dem 11. September und den damit verknüpften spektakulären Bildern wurde für den Feind eine Metapher gefunden, die sich gerade in ihrer scheinbaren Konkretheit exzellent zur Abstraktion eignet. Nine Eleven - das sagt alles und nichts.

Dass sich hinter angeblichen Religionskriegen in Wahrheit ökonomische Konflikte verbergen, müsste eigentlich jeder wissen, der nur die unendliche Katastrophe in Nordirland beobachtet. Dass "der Islam" der hochgerüsteten westlichen Welt aus religiösen Gründen den "Heiligen Krieg" angesagt habe, kann doch niemand ernstlich glauben. Es gibt gewiss einzelne Fanatiker, aber das gilt ja keineswegs nur für den Islam. Und es ist schon einigermaßen erstaunlich, wenn auch Juden in die antiislamische Propaganda einstimmen. Wie kurz ist ihr Gedächtnis? Haben sie schon vergessen, dass es keine Muslime waren, die sechs Millionen Juden ermordet haben? Und wir täten in unseren Stellungnahmen zum Islam gut daran, uns zu erinnern, dass die Juden seinerzeit von den Christen verfolgt und 1492 aus Spanien vertrieben wurden, die Türken sie aber herzlich aufnahmen. Es muss einem zu denken geben, dass in Südosteuropa das Christentum fünf Jahrhunderte der islamischen Herrschaft überlebt hat, während kaum eine andere Religion die mörderischen Bekehrungsbemühungen der Christen überstand.

Heute geht es allenfalls am Rande um den "richtigen Glauben". Was wir seit dem 11. September 2001 verstärkt wahrnehmen, ist, so banal es klingen mag, der Krieg der Reichen gegen die Armen. Er wird global geführt, und innerhalb der reichen Länder findet er, wenngleich in etwas weniger gewalttätiger Form, genauso statt. Die Rede von der "Dritten Welt" in den reichen Ländern ist mehr als eine Phrase.

Wie hanebüchen ist doch der Verweis darauf, dass einige Rädelsführer des Terrors keineswegs arm seien. Es ist nicht schwer zu begreifen, dass Einzelne, jenseits ihrer persönlichen Motive, politisch nur Erfolg haben können, wenn es Bedingungen für eine massenhafte Resonanz gibt. Das haben auch jene amerikanischen Machthaber verstanden, die der westlichen Welt - wie sich zeigt: mit Erfolg - einreden, im Kampf gegen den Terrorismus und die islamische Welt gehe es um gemeinsame Interessen, die gegen eine akute Bedrohung zu verteidigen sind.

Dass es tatsächlich Gefahren gibt, soll nicht verschwiegen werden. Dass die modernen Technologien auch einzelne Verrückte zu Gewaltakten befähigen können, die früher undenkbar waren, ist unübersehbar. Aber diese Technologien wurden von Staaten entwickelt, die dachten, sie würden für alle Zeiten die Kontrolle darüber behalten. Robert Jungk hat bereits vor Jahrzehnten in seinem Buch Der Atomstaat davor gewarnt, dass die Möglichkeit des terroristischen Missbrauchs von Atomenergie einen Polizei- und Überwachungsstaat erforderlich machen könnte, der nicht weniger gefährlich ist als die Atomkraft selbst. Robert Jungks negative Utopie ist mittlerweile unversehens zur Wirklichkeit geworden. Der Hinweis auf die atomare Bedrohung, die von einzelnen Terroristen ausgehen könnte, dient heute als Begründung für immer massivere Überwachung und Bespitzelung. Der 11. September liefert dazu die Begleitmusik. "Es wird nichts mehr so sein wie zuvor" - Jetzt wissen wir: das war keine Diagnose, sondern eine Drohung.


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00:00 08.09.2006

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