Funkenflug am Ural

Freitag-Robinson Die Millionenstadt Perm gilt als Ort besonderer Liberalität und eines der Zentren des Wirtschaftsaufschwungs in Russland

Frühmorgens schon verklebt dunkler Staub die Haare, kribbelt in der Nase und zieht unter Fingernägeln schwarze Ränder. Der Wind nimmt vertrocknetes Laub auf einen kleinen Windweg mit und lässt es mit Schwung in ölige Pfützen fallen. Es riecht nach verbranntem Benzin und feinem Asphaltmehl. Das Aroma der Millionenstadt Perm im westlichen Ural bleibt nichts schuldig. Es hat sich der gewohnten Ingredienzien einer Industriemetropole versichert. Die lindgrünen Zuckerbäckerfassaden sind verdreckt wie die Kabel der Stadtbahn in pechschwarze Mäntel aus Teer und Ruß gehüllt.

Der Energie- und Chemiestandort strebt auf, und in der Innenstadt sind nicht länger nur alte Ladas unterwegs, sondern immer öfter neue Landrover und Mitsubishis. Wenn sie parken, läuft mancher Motor unentwegt und ohne Pause. Wischer wetzen über Front- und Heckscheiben, selbst wenn niemand im Auto sitzt.

Vielleicht ist nur Sergej Pawlow nicht recht wohl, wenn er durch die Stadt läuft und sieht, wie viel Ruß und Staub aufgewirbelt wird, und wie nachlässig seine Mitmenschen mit der Umwelt umgehen. "Sie haben da etwas verloren", ruft er einer Passantin hinterher, die in der Leninallee ein Stück Kaugummipapier zwischen parkende Autos wirft. Seine Ermahnung mag in dieser Stadt ein wenig sonderbar klingen, gibt er zu, aber er könne nicht anders, er wolle etwas verändern.

Sergej, 21 Jahre alt, dunkle Locken, Markenjeans, studiert Geografie und fragt, ob es nicht besser wäre, wenn jeder auf seinen Müll achte. "Njet", sagten die Leute, das ändere doch auch nichts. So machte er sich Notizen und drehte einen Film: Mit jedem Njet, das er zu hören bekam, türmten sich auf dem Bildschirm vor ihm grüne Plastikbecher, grüne Zigarettenstummel, grüne Bierdosen. Eines Abends projizierte er seinen Film an die Fassade der Staatlichen Kunstakademie, bis diese ganz in grünes Licht getaucht war. So hat er protestiert gegen die kleinen und großen Umweltsünden.

Wenn Sergej von seinem Projekt erzählt, zieht er die Augenbrauen hoch und grinst wie ein Schuljunge, der sich spitzbübisch gibt. Irgendwie fühlt er sich als Vorhut für die richtige Sache. Doch er kennt die Grenzen des Protests. Mit diesen Anarchisten, die nachts Fenster einwerfen würden, um gegen die unkontrollierte Verschrottung von Raketentreibstoff in der Region zu demonstrieren, habe er nichts zu schaffen. Ihr Protest sei sicher richtig, aber in der Form überzogen.

In den Wäldern, so erzählten ihm Professoren, wickelten Militärs die Reste der Rüstungsstadt Perm ab - in der Sowjetunion war das ganze Gebiet zeitweise abgeriegelt und für Ausländer geschlossen.


Heute strebt Perm wieder danach, eine Stadt der Bürger zu sein, offen, tolerant und so liberal, wie sie das zu Anfang des 20. Jahrhunderts gewesen sein soll. Das ist das große Ziel von Oleg Oschepkow, dem Bildungsminister der Region, der so polyglott wie glatt rasiert ist und den ein Nadelstreifenanzug gut kleidet. Zuvor arbeitete Oschepkow viele Jahre als Geschäftsmann in Barcelona. Er habe so gut verdient, dass nun Zeit für Politik sei. Einen Politiker, geschweige denn einen Verwaltungsmann wolle er sich nicht nennen, lieber schon einen Polit-Manager.

Mit der Bosch-Stiftung initiierte Oschepkow 60 Projekte für Jugendliche unter der Bezeichnung Engagement täglich. Er will damit die Infrastruktur stärken und die Region attraktiver machen. Die Stadt, die Region, ja ganz Russland befinde sich im Aufbruch, sagt Oschepkow. Politisch, kulturell, soziologisch. Bis in die Details müsste nach neuen Formen des öffentlichen Dialogs gesucht werden. Deshalb treffe er sich regelmäßig mit Journalisten im Café, wo es zwangloser und ehrlicher zugehe als im Verwaltungstrakt. Stolz sei er, das aus dem einstigen Dissidentenlager Perm 36 außerhalb der Stadt heute ein Museum geworden sei, finanziert von westlichen Stiftungen und aus dem Regionalhaushalt. Der Horror der Stalinzeit dürfe nicht vergessen werden. "Impfung gegen Gedächtnisverlust", nennt es der Bildungsminister.

Oschepkow ist zuständig für 700.000 Jugendliche, und er sorgt sich, dass die besten unter ihnen später der Region fehlen werden. Nein, nicht weil sie ins Ausland gingen, dort absolvierten sie allenfalls eine Ausbildung. Moskau ziehe sie an. Manch einer baue vielleicht in Perm ein Business auf, doch wer Englisch spreche, suche sein Glück bei einer Nachrichtenagentur oder einem IT-Unternehmen in Moskau, der lautesten und dynamischsten Stadt des Landes. Die berühmte russische Seele aber, wenn man denn daran glaube, meint Oschepkow, finde sich eher dort, wo es stiller sei, etwa am Ural, in der vermutlich liberalsten Region des Landes.


Es ist nicht lange her, dass sich Perm das Selbstlob der Liberalität selbst auf Schildern an seinen Einfallstraßen ausstellte. Eine Stadt der Intellektuellen, der Ingenieure und der Industriellen, die sich wie kaum sonst irgendwo in Initiativen, Verbänden und Nichtregierungsorganisationen engagieren - 3.000 sollen es sein. Angler und Schachfreunde zählen ebenso dazu wie die Soldatenmütter oder die Gruppe Memorial. Nur des Kremls patriotische, stürmische Jugendtruppe Naschi konnte nie landen, wird dem Besucher versichert.

Wurzeln der Liberalität machen Permer Historiker in allen Epochen ihrer Stadtgeschichte aus, besonders aber in der Selbstverwaltung, die es bis 1917 gab. Sie finden Anzeichen für Liberalität und Toleranz in der Zeit der Sowjetunion, als jüdische Professoren an der Universität Perm lehrten, weil sie anderswo nicht wohl gelitten waren. Sie entdecken sie bei den Dissidenten, die aus der gesamten UdSSR in ein Lager nahe der Stadt gebracht und dort interniert wurden: Die Geschichten von Balis Gajaukas, der Solschenizyns Archipel Gulag ins Lettische übersetzte, oder von Sergej Kowaljow, später zeitweilig der Menschenrechtsbeauftragte von Boris Jelzin, prägen das Selbstverständnis, das nur allzu gern zum Mythos verklärt wird.

Im ersten Jahrzehnt nach der Selbstauflösung der Sowjetunion im Dezember 1991 erhielten die liberalen Parteien Jabloko und Union der Rechten Kräfte (SPS) nirgends eine höhere Zustimmung als in der Region Perm, andererseits votierten bei den Präsidentschaftswahlen 1996 über 80 Prozent für Boris Jelzin. Und vor gut zwei Monaten kam die Kremlpartei Einiges Russland bei den Dumawahlen auf eine beachtliche Mehrheit, die zwar geringer als anderswo in Russland ausfiel, aber auch hier eine absolute war. Einiges Russland, so ist zu hören, gilt auch in Perm nicht unbedingt als liberal, aber als verlässlich und erfolgreich. SPS und Jabloko hingegen scheinen auch hier den Zenits ihres Daseins überschritten zu haben - beide Parteien erhielten bei der jüngsten Parlamentswahl zusammen kaum zwei Prozent.

Bei alldem bleibt Perm auch eine unscheinbare Stadt. Nicht so prächtig wie das teilweise im sozialistischen Klassizismus erbaute Jekaterienburg und schon gar nicht so geschichtsmächtig wie die Moskowiterstadt Nischni Nowgorod an der Wolga. In Perm sind die goldenen Zwiebeltürme der orthodoxen Kirchen weniger augenfällig und prunkvoll, der Stadt fehlt die Mitte, auch historische Gebäude bleibt sie schuldig. Der Dolmetscher aus Sankt Petersburg nennt Perm langweilig und typisch russisch. Er sei davon freilich nicht enttäuscht, meint er. Man könne nicht mehr erwarten.

Unübersehbar hinterlässt der Aufschwung seine Spuren. Kürzlich wurde eine Brücke über die Kama fertiggestellt, reihenweise werden neue Geschäfte eröffnet. In Restaurants bestellt man seit geraumer Zeit armenische, kirgisische und aserbaidschanische Gerichte. Manche Häuser leuchten regelrecht mit ihren lindgrünen oder orangefarbenen Fassaden, an deren Giebeln der Stuck wuchtiger wirkt als vielerorts in Westeuropa.


Im Prunksaal der Stadtverwaltung sitzt Nadjegda Kochurowa aufrecht an ihrem Schreibtisch, ihr Rollkragenpullover ist hochgeschlossen, ihre Lippen sind gespitzt. Vermutlich kommt kein unbedachtes Wort aus dem Mund der Vize-Oberbürgermeisterin von Perm. In den achtziger Jahren war sie zuständig für die weltanschauliche Schulung im kommunistischen Jugendverband Komsomol. "Ich will diesen Teil meines Lebens nicht verstecken", sagt sie ungefragt. Später habe sie die Perestroika erlebt, als die Medien liberaler und die Archive geöffnet wurden, als es erste Austauschprogramme mit Partnern im Westen gab. Es sei eine "interessante, aufreibende Zeit" gewesen, "aber die ist nun schon lange vorbei". Heute gehöre sie keiner Partei an und folge damit einer gesetzlichen Vorschrift, die für Mitglieder einer kommunalen Exekutive gelte.

Nadjegda Kochurowa kümmert sich um die Kontakte mit Städten in Deutschland, besonders in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen. "Erstaunlich, wie viel älter dort im Schnitt die Beamten sind", findet sie. Vergangenes Jahr unterzeichneten Perm und Duisburg während des Petersburger Dialoges eine Städtepartnerschaft. Der Permer Oberbürgermeister durfte dabei auch die Hand der deutschen Kanzlerin schütteln. "Er kennt nun Frau Merkel persönlich", gibt Kochurowa zu Protokoll. Darauf sei sie ausgesprochen stolz. Die Stadt übernehme derzeit Wirtschaftsmodelle wie die Public Private Partnership, bei der kommunale Kompetenzen und Betriebe an private Unternehmen abgeben werden. "Die Duisburger sagen, sie hätten damit gute Erfahrungen gemacht." Perm ist eingeladen, wenn sich die "Metropole Ruhr" 2010 als Kulturhauptstadt Europas feiern lässt.

Aber auch die Partner im Westen haben nicht immer die passenden Antworten parat, wenn es gilt, auf das rasante Wachstum einer Metropole im Westural zu reagieren: Wie geht man mit dem expandierenden Verkehr um? Statistisch besitzt schon jetzt jede Familie ein Auto. Sperrzeiten? Mehr Parkplätze? Parkhäuser? Hohe Park-Gebühren? Wie begegnet man dem Mangel an Wohnungen und rasant steigenden Mieten? Wie bringt man NGOs dazu, Bücher zu führen und Einnahmen wie Ausgaben abzurechnen? Wie werden Bürger motiviert, sich zu engagieren?

Kochurowa hat dabei eine andere Vorstellung vom Sinn der Bürgerbeteiligung als Bildungsminister Oleg Oschepkow. Sie hege vor allem pragmatische Interessen. Gewiss, es sei gut, wenn sich Jugendliche engagierten, dies multipliziere die Macht des Staates, sagt sie ein wenig machiavellistisch, während ihre grünsilbrigen Fingernägel auf einem Stück Papier klackern.


Putins Mann in Perm als Chef des Regionalleitung von Einiges Russland heißt Andrej Agischew und lässt Tee in weißem Porzellan servieren. Früher stritt er für die Union der Rechten Kräfte, heute ist ihm diese Partei viel zu links. Wer im Wahlkampf verspreche, die Renten um das Zweieinhalbfache zu erhöhen, könne sich kaum auf realistische Positionen berufen und pflege soziale Utopien. Die Begriffe links, rechts, autoritär oder liberal passten im heutigen Russland ohnehin nicht mehr. In Perm leitet Agischew nicht nur die Regierungspartei, sondern zugleich ein regionales Tochterunternehmen des staatlichen Energieversorgers Gasprom. Er gibt den Managertyp wie Oleg Oschepkow, effizient und sportlich. Weil Führungspersonal fehlt, sitzt er in Perm auch dem städtischen Basketballclub vor.

Agischew kommt so locker und mit einem Hauch Amerika daher, wie sich russische Politiker seiner Generation der Mittvierziger gern geben. Wenn er "Njet" sagt, schlägt er nicht wie einst Nikita Chruschtschow mit dem Schuh auf den Tisch und schaut nicht so verkniffen drein wie Wladimir Putin, wenn der einen Premierminister entlässt. Agischews "Njet" hängt so lässig in der Luft wie die Krawatte eines Maklers kurz vor Börsenschluss unterm Hemdkragen. Sein "Njet" ist kein endgültiges, kein ultimatives "Nein". Meistens jedenfalls klingt es nicht danach.

Dann aber streift er alle Parteiräson ab und sagt resolut "Nein". Er schimpft auf den Führungsrat von Einiges Russland, der ihm von Moskau aus diktiere, wie Kandidatenlisten bei Regionalwahlen in Perm zu besetzen seien. "Wir haben zehn Leute nominiert, Moskau akzeptierte zwei." Das System fühle sich nur noch demokratisch an, vom Kern her sei es etwas Anderes. Vielleicht, meint er später ein wenig konzilianter, besteht das Problem darin, dass sich Russlands Parteiensystem immer noch im Aufbau befinde. Selbst Putin hätte womöglich keine Idee, wie es in ein paar Jahren aussehen könnte.

Ganz gleich, was geschehe, er denke auch künftig nicht daran, bei Wahlen offen für den Kandidaten des Kremls zu werben. Die Zeit der Bevormundung sei vorbei. Sollten doch die Gouverneure der angrenzenden Regionen Baschkortistan und Tartastan mit der Macht ihrer Verwaltungen die Moskauer Ziele unterstützen. Schließlich täten die Bürger stets das Gegenteil dessen, was von ihnen verlangt werde, gerade hier in Perm, wo es wohl mehr kritisches Denken gebe als anderswo und wo man nie so recht wisse, wie Wahlen ausgingen.

Schließlich sagt Agischew noch, so populär Präsident Putin auch sein möge, so schwierig sei es, diese Popularität in Politik umzusetzen. Das beginne schon bei vermeintlich kleinen Veränderungen. In den kargen Höhen des Kaukasus habe er begriffen, wie sehr die Gewohnheiten der Menschen jede Reform blockieren könnten und wie schwierig es sei, dieses Land auf einen neuen Kurs zu bringen. In jener archaischen Welt habe er einmal eine tscherkessische Familie besucht, in deren Leben es keine Ökonomie zu geben schien. "In der Küche flackerte am Herd das Gas, zum Kochen und Heizen. Abends spendete es Licht, stundenlang brannte es, tagelang - ich nehme an monatelang. Wie ein ewiges Feuer."

Die Russen hielten Gas und Öl für fast so natürlich wie Luft und Wasser, sagt Agischew. Niemand denke daran, die Ressourcen zu schonen, noch dass sie eines Tages versiegen könnten. Kaum jemand gehe sparsam mit Energie um. Freilich entfielen in der Region Perm nur drei Prozent des Energieverbrauchs auf private Konsumenten, den Rest verbrauche die Industrie. Leider sei auch die in ihrer Vergeudung kaum zu zügeln. Selbst höhere Preise von 15 Prozent änderten nichts. Dann nippt er am Tee. Im Konferenzraum summt leise eine Heizung, die trockene Raumluft wärmt, bevor die gleich wieder von einer Klimaanlage abgesaugt wird.

Als Agischew für einen Augenblick schweigt, dringt kein Mittagslärm von der Straße der Kommunisten ins Gasprom-Quartier, kein Hupen ist zu hören. Kein Staubkorn verliert sich in diese Räume mit den blauverspiegelten Fenstern, dem Springbrunnen im Entree und der Sicherheitsschranke vor der Lobby mit dem Symbol der blau züngelnden Gasprom-Flamme an der Marmorwand.


Wie sehr sich dieser Ort verändert hat! Als Holger Werner das erste Mal durch Perm fuhr, eskortierte ihn die Polizei. Das war Mitte der achtziger Jahre, als Ausländer nur in Begleitung in der Stadt unterwegs sein durften. Werner arbeitete damals als Ingenieur auf einer Baustelle der "Erdgastrasse Freundschaft", die einmal Gas von den Lagerstätten in Sibirien über den Ural und an Perm vorbei, durch Weißrussland bis nach Schwedt leiten sollte. Werner lebte in jener Zeit außerhalb von Perm in einer eigenen Welt, in der es Wurstkonserven aus Dresden und Leipzig und Notstromaggregate aus Magdeburg gab. Zusammen mit Hunderten Ingenieuren, Monteuren und Bauarbeitern aus der DDR zog er mit der Pipeline westwärts.

"Eine schöne, zuweilen archaische Zeit", erzählt er. Mutige Lastwagenfahrer seien im Winter über die zugefrorene Kama gefahren - auf einer engen Fahrtroute zwischen markierten Punkten und bei minus 15 Grad Celsius, unter den Rädern den vereisten Fluss. "Hin und wieder sackten die Laster ein, wenn sie über Luftblasen im Eis gefahren waren. Es kam schon vor, dass ein Fahrzeug nicht mehr zu retten war. Wie gesagt, es war eine Zeit für Abenteurer." Die Stadt Perm habe seinerzeit auf ihn einen grauen, stummen, fast unheimlichen Eindruck gemacht. Wie im Bernstein erstarrt. "Eine Industriestadt halt, die am Rande des Urals liegt, weit weg von Moskau, die Kama fließt an ihr vorbei - ein Strom so mächtig, als wären Elbe und Rhein vereint."

Entstanden ist Perm im frühen 18. Jahrhundert in einer Gegend mit schier unglaublichen Reichtümern an Rohstoffen. Mangan, Malachit und Diamanten gab es. Bald wurde Kupfer verhüttet. Fettschwarze Steinkohle kam tief aus dem Berg. An der Wende zum 20. Jahrhundert wurden in der Gegend die größten Goldvorkommen Russlands und die reichsten Platingründe der Welt entdeckt. Mineralien wie Natrium- und Kaliumchlorid ließen gegen Ende des 19. Jahrhunderts eine chemische Industrie entstehen, die sich bis heute behauptet. Die Prosperität sorgte für ein hochgemutes Unternehmer- und Bürgertum, das Zar Nikolaus Denkmäler setzt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg expandiert Perm und wird zu einer sowjetischen Vorzeigestadt mit einer Gemäldegalerie, einer Erdölraffinerie, drei Theatern, sechs Hochschulen und einer Universität. Eine Zeit lang heißt sie nach Stalins Außenminister Molotow. In den siebziger Jahren wächst sie als Technologiezentrum und wird zur Waffenschmiede. In der Stadt sammelt sich viel naturwissenschaftliche Intelligenz und Nomenklatura - und sie tut es in einer militärischen Sperrzone.

Als Michail Gorbatschow 1985 zum KPdSU-Generalsekretär gewählt wird und das Ruder herumreißt, ist es damit vorbei. Perm wird nicht länger unter Verschluss gehalten. Erstmals erhält auch Holger Werner einen Passierschein für die Stadt. Und als im Herbst 1989 in Berlin die Mauer fällt, wird Perm komplett geöffnet, bald auch für ausländische Investoren. Werner überlegt, ob er bleiben soll, es zieht ihn zurück in die Heimat. Doch er kann sich nicht lösen und pendelt in den folgenden Jahren zwischen Deutschland und Russland hin und her.

Sein heutiger Arbeitgeber ist ein Spediteur aus Osnabrück. "Manchmal habe ich das Gefühl, als ob mich die Stadt anzieht, aber nicht halten kann." Vor Jahren kaufte sich Werner eine Wohnung in der Innenstadt von Perm. Der Wert ist seither um ein Vielfaches gestiegen. Er nennt sie die beste Investition seines Lebens. Aber bleiben will er nicht, die Töchter sollen in Deutschland zur Schule gehen.

Die Baustelle von Werners Firma südlich von Perm ist umgeben von Birken, Weideflächen und viel Stille. Als er die Anlage erklärt, kurvt kein Bagger und röhrt kein Betonmischer herum. Er baut gerade eine Montagehalle auf, in der bald die Fahrzeuge der eigenen Spedition repariert werden sollen. Bislang liegt die nächste größere Werkstatt, die in Frage käme, gut 650 Kilometer westlich. Passiert ein Unfall auf den vernachlässigten Pisten östlich des Urals eilen Flying Mechanics im Flugzeug und mit ihren Laptops herbei. Ein teures Unterfangen.

Die Baustelle liegt in einer nassfeuchten Gegend am Rande eines Dorfes, dessen Holzhäuser farbige Giebel zieren und wilde Gärten umgeben. Aus manchem Schornstein qualmt es. Kühler Wind streicht von Osten über lehmige Äcker und kämmt Gräser. Wolken hängen trist und matt am Himmel, driften langsam gen Osten ins offene, weite Land. Zwei Alte schieben ihre Fahrräder durch die lehmigen Kuhlen einer Piste und schauen irritiert. Bald werden Transporter von Mercedes und MAN durchs Dorf rollen.

Noch lagern vom Raureif gezuckerte Kantsteine vor der Halle und gefrorene Pfützen umringen Berge von Kies. Gute Arbeiter, nein, die finde man nicht mehr, sagt Holger Werner. Um Mechaniker anzuwerben, habe er schon Banderolen über Straßenzüge in Perm spannen oder Spots im Regionalfernsehen senden lassen. Er suche verzweifelt nach Fachkräften, doch ohne Erfolg. Wer ausgebildet sei, habe bereits einen guten Vertrag und ein noch besseres Gehalt. Unter umgerechnet 1.500 Euro netto trete niemand mehr eine Stelle an. Seine zwei Mitarbeiter kommen aus Deutschland. Wie er selbst seien sie West-Ost-Pendler auf Visa-Zeit.

Damit seine Montagehalle endlich fertig wird, bestellt Werner seine Bagger tagelang vor und hofft, dass er sie bekommt. Aber die Nachfrage lässt die Preise hochschießen! Für Zement zahle er mittlerweile dreimal mehr als in Westeuropa, Pflastersteine würde er am liebsten aus Deutschland holen lassen, auch die seien in Russland zu teuer. Die Wirtschaft, sagt er, wachse so schnell, dass sie nur noch gebremst werde, weil nicht schnell genug Rohstoffe und Material geliefert sowie Lehrlinge ausgebildet würden. Den Zugang zur Transsibirischen Eisenbahn, die gleich hinter dem Bauplatz vorbeiführt, ließ er selbst verlegen ebenso die Leitungen für Gas und Elektrizität. Auf Ventilatoren für die Halle wartete er so lange, dass er zwischenzeitlich eine Sauna bauen ließ. Ein bisschen Russe sei er halt doch geworden.

Wenn sich Holger Werner manchmal mit russischen Kollegen trifft, dann reden die sich gern in einen kleinen Rausch. "Sie stoßen auf Putin an und danken ihm für diesen ungeheuren Aufschwung." Werner mag das nicht, er spricht grundsätzlich nicht gern über Politik. Er sieht sich als gebranntes Kind, dem in der DDR ein eigenes Unternehmen nicht vergönnt war. "Aber zum Glück" - meint er - "unterhalten sich Russen nie länger als eine halbe Stunde über Politik."


Ja, die Zeiten sind gut, hervorragend sogar, aber er habe schon andere erlebt, erzählt Valeri Filatow, der Direktor der Gipsfabrik von Kungur, zwei Stunden südlich von Perm. Sie gehört zum globalen Gipsimperium von Knauf, einem Familienunternehmen aus dem bayrischen Iphofen. Schlechtere Zeiten, die gab es 1993, als privatisiert wurde und "die Belegschaft neu organisiert werden musste", wie Filatow es nennt. Oder 1998, als Russland in eine Wirtschaftskrise schlitterte. Dann aber kam 2003 Nikolaus Knauf und investierte. Seither gehe es aufwärts, sagt Filatow. Weil überall in der Region Gebäude renoviert würden, müssten seine 315 Angestellten immer mehr arbeiten. Vergangenes Jahr sei die Produktion um 50 Prozent gewachsen.

Gips ist der Stoff, auf den Kungur seine Zukunft baut und auf den Russland so angewiesen ist, wie sonst nur auf Stahl, Zement, Öl und Gas. Ein Katalysator für eine Wirtschaft im Höhenrausch.

In den Hallen der Firma ist es heiß. Der Vorarbeiter klemmt seinen Daumen hinter den Träger des Blaumanns und tippt mit dem Zeigefinger auf der Schnalle herum. Ungeduldig, denn er hat ja nicht ewig Zeit. Die Arbeit wartet. Es riecht wie in einer chirurgischen Praxis nach warmem, feuchtem Gips, der hier sämig auf das Förderband quillt - pausenlos und druckvoll, als trachte er danach, die aktuellsten Wirtschaftsprognosen zu bestätigen. Die lagen zuletzt bei acht Prozent Wachstum für Russland 2008.

Der Vorarbeiter durchquert die Hallen. "Wir fördern alles selbst, das schützt uns, denn wer keine Rohstoffe hat, ist abhängig von anderen und verschwindet schnell vom Markt." Dort hinten, erzählt er, werden die fertigen Produkte gelagert, in einer Halle, die so groß ist, dass er sie zuweilen mit dem Rad durchfahre, um Zeit zu sparen. Dann eilt er durch eine Pausenecke, in der sich niemand aufhält und Gipsmehl die Efeupflanzen pudert. Länger als eine Woche lagerten die fertigen Gipsplatten selten. Sie seien noch warm, wenn sie schon wieder verbaut würden, behauptet der Vorarbeiter.

Von West nach Ost revolutioniert die Wirtschaft das Land: Auch die Firma Knauf siedelte zunächst im Gebiet Moskau, dann in der Region um Nischni Nowgorod, später ging es in den Süden nach Kungur und nach Tuwa in Südsibirien. Über die Transsibirische Eisenbahn kann aus Kungur sogar Sachalin am Pazifik beliefert werden. Nur in der Stadt Irkutsk nahe des Baikalsees habe man es mit der chinesischen Konkurrenz zu tun.

Keine Frage, mit Knauf steigt Kungur auf. "Vielleicht ziehe ich hierher zurück", erzählt später eine junge Russlanddeutsche, die in Böblingen lebt und ihre Großeltern besucht. Es gibt Restaurants, Kinos und Bars, auch wenn sich am Bahnhof das abgehängte Kungur bemerkbar macht und Frauen unter Strickmützen und mit rissigen, mürben Händen in einem Holzverhau Auberginen und Häkelsocken, Kartoffeln und Badetücher mit blutrot im Meer versinkenden Sonnen verkaufen. Rings herum torkeln Betrunkene über die Gleise, kläffen Köter, warten Kinder in Plastikstiefeln auf ihren Bus, wird ein Lenin-Denkmal angestrahlt.

Farblos ist die russische Provinz an späten Nachmittagen und frühen Abenden im Winter: grüne Fichtenwälder, braune Wiesen, graue Straßen, ein düsterer Himmel. Stundenlang rollt der Kleinbus geradeaus, mal einen Hang aufwärts, mal leicht bergab. Beständig säumen Fichten die Straße. Frauen mit blauen Kleidern, blassroten Mützen und gelben Stiefeln, die in Wartehäuschen stehen, ziehen draußen vorbei wie Farbtupfer, wie verwehte Konfetti.

Schließlich lichtet sich der Wald, weite, ausgedörrte Felder, abgewrackte Fabriken, die noch immer aus manchen Rohren dampfen, während anderswo rostige Metallgerippe ins Nichts ragen. Zeugen einer Industrialisierung, die über ihren toten Punkt nicht mehr hinauskam. Ein Bruch in der Erfolgsgeschichte der Region Perm. Dann wieder Städte ohne Geschäfte, Häuser ohne Bewohner, Tankstellen ohne Schokolade. Der Kleinbus fährt auf einer geschotterten Straße eine Anhöhe hinauf. In der Ferne liegt eine graubraune Ebene mit niederem Gestrüpp, ein brackiger See und am Horizont verschwimmt Perm im Milchgrau der Wolken.


Abends taucht die Stadt ins Dunkel ab; nur wenige Laternen erleuchten die Promenade an der Straße der Kommunisten, der Staub des Tages legt sich, der Gestank der Motoren verfliegt. Am Himmel über der Millionenstadt blinken Sterne. In einer Karaoke-Bar - fast ohne Gäste, aber mit einem Wachmann - imitiert ein Holländer die rauchige Stimme von Chris Isaak, während seine Freunde aus Amsterdam erklären, wie Putin für Ordnung und Aufschwung gesorgt habe. All die Gangster habe doch erst Wladimir von der Straße verscheucht. Der Sänger intoniert derweil Unchain my Heart von Joe Cocker. Der Mann ist ein Scout. Seit Wochen sucht er nach Talenten für ein siebenstöckiges Moulin Rouge in Perm. Doch die Russen singen lieber sentimentale Lieder.

Ein paar Straßen weiter lehnt sich Alexander, Mitte 20, kurze Haare, grauer Pulli, an die Theke einer Diskothek und tut abwesend, so als elektrifizierten ihn die Beats von Madonna so wenig wie die glitzernden Farbkleckse der Diskokugel. Man tanzt einander anfeuernd, den Blick nach oben, nicht zum Boden gesenkt. Alexander braucht nur eine Zigarette und einen Wodka, mehr nicht. Tagsüber leite er das fünftgrößte Unternehmen in Perm, sagt er nebenbei. Es gehe um Software. Ein Aufsteiger, na und, das sei nichts Besonders, meint er. Der Jugend gehöre die Zukunft. Wenn er hört, dass bei manch einem parkenden Auto nicht einmal der Motor abgestellt werde, grinst er verlegen. Man lebe halt im Überfluss. Aber es fange alles erst an.

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