Für sie wurde die Lex Otto erfunden

Deutschland vor 150 Jahren Louise Otto schafft mit der Frauen-Zeitung ein Forum für das Recht der Frauen auf Erwerbsarbeit

Sie sollten die Arbeiterinnen nicht vergessen, sie nicht vom Recht auf Arbeit ausschließen, mahnte 1848 die Publizistin und Schriftstellerin Louise Otto ihre männlichen Kollegen, die sich mit der Situation der sächsischen Arbeiter beschäftigten. Ein Jahr später, am 21. April 1849, stellte sie der ersten Ausgabe der Frauen-Zeitung selbstbewußt das Motto voran: »Dem Reich der Freiheit werb' ich Bürgerinnen!«

In der Nummer 1 schrieb die Chefredakteurin der Wochenzeitung weiter: »Wir wollen unser Theil fordern: das Recht, das Rein-Menschliche ... in freier Entwicklung aller unserer Kräfte auszubilden, und das Recht der Mündigkeit und Selbständigkeit im Staat.« Kühne Worte in einer Zeit, in der mit den Rechten der Menschen immer nur die der Männer gemeint waren. Die Publizistin war 30 Jahre alt, als sie das Programm in ihrem Blatt druckte und sich damit auf das Wagnis einer Frauen-Zeitung einließ.

Louise Otto war eine der Frauen des 19. Jahrhunderts, die für sich in Anspruch nahmen, selbständig über ihr Leben zu bestimmen und sich zugleich nicht nur um sich selbst zu kümmern, sondern sich im Interesse ihrer »Schwestern« auch einzumischen in Gesellschaft und Politik. In der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts erschienen zunehmend Schriften von weiblichen Verfassern. Fichte sprach verächtlich von der »Begierde der Weiber, Schriftstellerei zu betreiben«. Doch Louise Otto und andere behaupteten ihren Anspruch auf professionelles Schreiben, nicht als heimliches Vergnügen nach dem eigentlichen Beruf der treusorgenden Hausfrau, sondern als ernstzunehmende Arbeit, mit der Geld verdient wurde, mit der sie einen Platz im Literaturbetrieb der Zeit einnahmen. Viele von ihnen schrieben neben Romanen aktuelle Texte der kleinen Form - Essays, Polemiken, Aufrufe. Es war schwer, sich mit dieser Arbeit und diesem Anspruch durchzusetzen gegen das gültige Bild der Frau aus dem Biedermeier. Der persönliche Mut, der dazu nötig war, kann heute kaum noch ermessen werden. Ein Tagebuch der Louise Otto, das davon berichtete, existiert nicht.

Louise Otto wurde 1819 in Meißen geboren. Über die Mutter ist nicht mehr bekannt, als daß sie Tochter eines Porzellanmalers war. Über den Vater, einen Justizrat, heißt es, daß er seinen vier Töchtern ermöglichte, sich über Politik zu informieren. Schillers politische Dramen wurden in der Familie gelesen und diskutiert. Schon mit elf Jahren begann Louise, selbst zu schreiben. Mit sechzehn nahm ihre Biographie eine Wendung, die aus einem der Romane jener Zeit stammen könnte: Kurz hintereinander starben beide Eltern. Die Waise lebte zuerst mit den Schwestern bei einer Tante, aber dann, als Volljährige, bestimmte sie selbst über ihr Leben und wagte es, den üblichen Weg in eine sichere Versorgungsehe - nicht zu gehen.

1840 lernte sie im Erzgebirge, wo sie eine ihrer Schwestern besuchte, Heimarbeiterinnen kennen. Sie war tief beeindruckt und schrieb über die trostlose Lebenssituation dieser Frauen. Ihr Gedicht »Die Klöpplerinnen« erschien im Oederaner Stadtanzeiger und löste mit seiner Schonungslosigkeit Empörung aus. Von da an konzentrierte sich Louise Otto in ihrer politischen Arbeit immer mehr auf zwei Forderungen: die »Arena der Arbeit« für bürgerliche Frauen zu öffnen und zugleich die Situation der arbeitenden Frauen zu verbessern. Als Robert Blum, der Führer der liberalen Bewegung in Sachsen*, 1843 in den Sächsischen Vaterlandsblättern fragte, ob das weibliche Geschlecht ein Recht darauf habe, an Staatsangelegenheiten teilzunehmen, antwortete Louise Otto, die Teilnahme der Frauen sei nicht bloß Recht, sondern Pflicht. Der Ausschluß der Frauen von »Vaterlandsangelegenheiten« sei eine »Unsittlichkeit«.

Im selben Jahr erschien ihr erster Roman, noch unter dem Pseudonym Otto Stern. Danach arbeitete sie zugleich als Publizistin (und ab 1849 auch als Herausgeberin) und als Schriftstellerin, nun unter ihrem eigenen Namen. Ihre Romane erzählen Lebensgeschichten von Frauen aus ihrer Gegenwart und aus der Geschichte. Ihr Roman »Schloß und Fabrik«, entstanden nach einer Reise durch Thüringen, Westfalen und Braunschweig, wurde von der Zensurbehörde verboten. Mit scharfem Protest erreichte Louise Otto, daß das Verbot aufgehoben wurde, allerdings erst nach einer Entschärfung des Textes.

Die Liste der Veröffentlichungen von Louise Otto ist lang, und ihre Gedichte und Romane wurden viel gelesen. Sie nahm ständig Anteil an den politischen Erschütterungen der Zeit und schrieb immer wieder Texte zu aktuellen Ereignissen, wie über die Morde an sieben Leipziger Demonstranten im Jahr 1845. Sie besuchte auch die Dörfer der WeberInnen in Schlesien.

Ihre Bemühungen, Frauen zu stärken, blieben lange Zeit ohne sichtbaren Erfolg. Zur Wahl der deutschen Nationalversammlung wurden Frauen nicht zugelassen. 1851 verbot Preußen Fröbels Kindergärten. Die 1850 in Hamburg gegründete Frauenhochschule wurde 1852 wieder geschlossen. Zur gleichen Zeit wurde Frauen verboten, in politischen Vereinen und auf Versammlungen aktiv zu sein. Die Lex Otto trat in Sachsen in Kraft: Nur Männer dürften die verantwortliche Redaktion einer Zeitung übernehmen oder fortführen. Die Frauen-Zeitung wich ins preußische Gera aus, erschien aber auch dort nur noch bis 1853.

Louise Otto zog sich daraufhin zunächst zurück. Sie betrieb historische Studien, schrieb weiter Romane. 1858 heiratete sie August Peters. Zwei Jahre später zog das Paar nach Leipzig und gab gemeinsam die Mitteldeutsche Volkszeitung heraus. Die Journalistin Louise Otto-Peters veröffentlichte Kritiken, Novellen und Texte zu Frauenfragen. 1865, nach August Peters Tod, gehörte sie zu den Gründerinnen des Frauenbildungsvereins in Leipzig. Im selben Jahr lud sie zu einer Frauenkonferenz nach Leipzig ein, der ersten in Deutschland. Auf der Konferenz forderten die Frauen, die »Arena der Arbeit« auch für sie zu öffnen und gründeten den Allgmeinen deutschen Frauenverein. Louise Otto-Peters wurde Vorsitzende beider Vereine und gab die Zeitschrift des Frauenvereins heraus: Neue Bahnen. Vorsitzende und Herausgeberin blieb sie bis zu ihrem Lebensende 1895. Öffentlich trat sie 1894 zum letzten Mal auf - bei der Eröffnung der ersten Gymnasialkurse für Mädchen in Leipzig.

* 1848 wegen seiner Teilnahme am Wiener Oktoberaufstand hingerichtet

00:00 23.04.1999

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