Fußball im NS-Staat

Sachbuch I Die Studie Fußball unterm Hakenkreuz des Mainzer Historikers Nils Havemann hat, kaum erschienen, bereits für Furore gesorgt. Das Buch untersucht auf ...

Die Studie Fußball unterm Hakenkreuz des Mainzer Historikers Nils Havemann hat, kaum erschienen, bereits für Furore gesorgt. Das Buch untersucht auf 340 Seiten und mit umfangreichem Anhang versehen die Verstrickung des Deutschen Fußball Bundes (DFB) ins Nazi-Regime. Die These, der DFB hätte die Nähe zum NS-Staat eher aus kommerziellem Opportunismus gesucht, traf auf den Widerspruch von Vertretern der Meinung, DFB-Obere hätten die ideologische Gesinnung der Nazis geteilt.

Für Havemann spricht seine überaus profunde Recherche, die sich vor allem dem Zugang zu zahlreichen Archiven und Nachlässen verdankt. Fußball unterm Hakenkreuz ist die Konsequenz eines blinden Flecks, dessen sich der DFB bei seiner 100-Jahr-Feier vor sechs Jahren bewusst wurde. Den Verdacht, Havemann wolle seinem Auftraggeber Entlastung verschaffen, kann nur hegen, wer Schuld als eine Sache von schwarzen Schafen und weißen Westen denkt. Angenehm ist auch eine Argumentation nicht, die etwa die Biographie des früheren Reichstrainers und späteren Weltmeistermachers Sepp Herberger ins Feld jener Künstler einreiht, die für sich reklamierten, "unpolitisch" ihrer Arbeit nachgegangen zu sein, wiewohl diese verbrecherischen Interessen diente.

Havemann macht plausibel, dass der DFB von Beginn an mit den Nazis sympathisierte, weil diese in der Berufsspielerfrage zu seinen Gunsten entschieden und somit die Macht des Verbandes gegenüber nach Eigenmächtigkeit strebenden Profi-Vereinen stützten. Die relative Kontinuität innerhalb der DFB-Leitung bis 1936 resultierte aus den Bemühungen der NS-Führung, vor Olympia außenpolitisch Normalität zu verbreiten; nach dem Ende der Propaganda-Spiele folgte eine "zweite Gleichschaltung", 1940 die Auflösung des DFB. Havemanns Studie wird ob ihrer Detailliertheit über den Tag hinaus Bestand haben. Und auch, weil das Dilemma des Verbandes, ob seiner Gemeinnützigkeit zwangsläufig "politisch" zu sein, weiterhin besteht. Der DFB "wird daher stets mit den Mächtigen zu kooperieren versuchen und infolgedessen Gefahr laufen, sich später dafür verantworten zu müssen", mahnt der letzte Satz.

Nils Havemann: Fußball unterm Hakenkreuz. Der DFB zwischen Sport, Politik und Kommerz, Campus, Frankfurt/M., New York, 2005, 473 S., 19,90 EUR


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00:00 19.05.2006

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