Ganz der Vater, aber nicht dieser

PFLEGEKINDER Gina ist ein Pflegekind. Unterschiede zur Adoption gibt es viele

Anja Birk hat es satt, alles immer wieder erklären zu müssen. Nein, die ist nicht ihr leibliches Kind. Nein, Adoptivmutter ist sie auch nicht. Es ist eine Pflegschaft. Altmodisches Wort, ungewöhnliche Realität. 3.000 Kinder leben in Berlin bei Pflegefamilien.

Ganz der Vater! Häufiger Ausruf, wenn Fremde die Kleine zum ersten Mal sahen und vergleichen konnten. Ja, ganz der Vater, aber nicht dieser. Obwohl Gina auch diesem Vater ein bisschen ähnelt, vom Typ her. Wenn man Ähnlichkeit entdecken will, findet man sie auch.

Gina ist ein Pflegekind. Unterschiede zur Adoption gibt es viele. Der wichtigste: Pflegeeltern werden gesucht. Künftige Adoptiveltern warten lange auf ihr Kind. Aber auch sonst ist fast alles anders. Gina hat, vorerst jedenfalls, ihren eigenen Nachnamen, der hier nicht genannt werden darf. Gina darf auch nicht für irgendeine Art von Öffentlichkeit fotografiert werden. Darüber entscheiden nicht die Pflegeeltern, sondern das Jugend amt. Nach Möglichkeit soll der Kontakt zu den leiblichen Eltern gehalten werden. Pflegekinder verlassen die Pflegefamilie oft wieder, weil sie nur "in Kurzpflege" waren und zu ihrer Familie zurückkehren, oder weil sie doch irgendwann adoptiert werden, von wieder anderen Menschen. Die mögliche Trennung von einem Kind müssen Pflegeeltern einkalkulieren. Sie sollen es lieben, jetzt, und dann auf einmal wieder hergeben. Eine eigentlich unerfüllbare Aufgabe. Unkalkulierbarer Schmerz.

Anja Birk holt Gina aus dem Kindergarten ab, und es ist wie überall. Verschlafene Kinder tauchen auf und gehen aufs Klo. Ein Mädchen weint, weil die Mama noch nicht da ist. Da muss Gina erst mal die Freundin trösten. Ein dicker Vater wartet brummelnd, dass seine Tochter wach genug wird, um sich anzuziehen. Gina diskutiert ein bisschen über die Kleidung. Sie will nicht in die Gummistiefel steigen, aber sie gibt zu, dass sie am Morgen so gerne durch die Riesenpfützen auf dem Weg gestürmt wäre. Also doch Gummistiefel. Und - na gut - auch die wasserabweisende Überhose und den Regenmantel. Die zierliche Zweieinhalbjährige ist schließlich eingepackt, bis sie so breit wie hoch ist. Es geht los. Die Pfützen sind noch da, ein Glück. "Und jetzt", beschließt Gina, "gehen wir nach Hause und machen es uns gemütlich. Trinken Kaffee. Ich trink aber keinen Kaffee, weißt du?"

Zum Stichwort Pflegeeltern fällt einem Kollegen sofort die Bekannte ein, die sehr gut situiert ist und sich nun "zu all ihrem Luxus auch noch ein Pflegekind leistet, wie andere Damen einen Pudel". Es ist schwer, ihn zu einer anderen Sicht auf die Situation zu bewegen. Anja Birk würde ihm vielleicht sagen, dass ein Pflegekind kein Luxus ist, sondern ein Reichtum. Nach unserem ersten Gespräch auf einer Tagung für Pflegeeltern, ruft sie am nächsten Tag an, um zu sagen, dass ich nicht glauben soll, es gäbe nur Klagen von Pflegeeltern. So sei es nicht. Bei allen Schwierigkeiten mit Kind und Amt und Umwelt und Ursprungsfamilie: Es sei ein Glück, mit Gina zu leben. Ein Reichtum eben, was sie nicht finanziell meint, denn finanziell ist es ein Verlustgeschäft, sich mit einem Pflegekind zu belasten. Aber auch das hört man von Außenstehenden oft: Die Leute würden die Kinder nur nehmen, um das Geld zu kriegen. Welches Geld eigentlich?

Pflegeeltern erhalten in Berlin zum Kindergeld noch einen Pflegebetrag von 100 Mark monatlich, rund ein Drittel von dem, was in anderen Bundesländern gezahlt wird. Dafür brauchen sie ausreichenden Wohnraum, möglicherweise ein größeres Auto und sind 24 Stunden am Tag für die Pflegekinder mit ihren Konflikten da. Kein Pflegekind ist pflegeleicht. Jedes kommt aus einer harten Situation, sonst wäre das Jugendamt nicht eingeschritten.

Sogenannte heilpädagogische Pflegeeltern, die es sich noch schwerer machen, bekommen zur Zeit in Berlin 1.800 Mark im Monat, ein halbes Erziehergehalt. Selbstverständlich wird von einem der beiden Eltern erwartet, den Beruf aufzugeben. Rechnet man nach, stellt Anja Birk fest, kommt man auf einen Stundensatz von ein paar Pfennigen. Ohne Absicherung fürs Alter. Das Kindergeld und der Steuerfreibetrag werden für diese Leute auf die Hälfte gekürzt. Eine Staffelung, für die meisten also eine Kürzung, des halben "Gehalts" ist im Gespräch.

Anja und ihr Mann Jan sind heilpädagogische Pflegeeltern. Sie haben ein Kind aufgenommen, das besondere Schwierigkeiten hat. Dafür verlangt das Jugendamt von einem der Pflegeeltern eine pädagogische Ausbildung. Anja Birk ist Lehrerin für Sonderschulen, sie hat gerade ihr erstes Staatsexamen absolviert. Deshalb durfte sie Gina aufnehmen, ein alkoholgeschädigtes Mädchen. Die leiblichen Eltern sind Alkoholiker.

Gina tanzt um den Kaffeetisch. Sie spricht viel und gut, sie quirlt herum, sie ist stolz auf den Lego-Turm, den der Papa gebaut hat. An Stillsitzen ist nicht zu denken. Als sie einmal mit der Hand in die Nähe der Kerzenflamme gerät, zuckt sie zurück. Tut es weh, fragt die Pflegemutter. Ein bisschen. Immerhin. Zu den Problemen der Zweieinhalbjährigen gehört eine Reizfilterschwäche. Sie empfindet weniger Schmerz als andere Menschen. Sie lernt daher kaum aus Erfahrungen; wenn sie hinfällt, wird sie nicht vorsichtiger als vor dem Sturz. Sie kann Gefahren nicht einschätzen. Sie ist hyperaktiv und hat noch keine Nacht in ihrem Leben durchgeschlafen. Aber sie hat sich wunderbar entwickelt. Über negative Prognosen von Ärzten oder Therapeuten denken die Pflegeeltern nicht lange nach. Ja, "Gina hat den Paragraphen", erklärt Anja Birk. Was bedeutet: Sie ist von Behinderung bedroht. Und? Es hieß anfangs, sie werde nie bis drei zählen können, nie. Sie zählt jetzt schon bis zwölf. Die Ängste, die sie anfangs hatte, lassen ein bisschen nach. Aber Birks wissen, dass in Ginas Psyche von dem, was sie in den ersten Lebensmonaten erlebt hat, Spuren zurückbleiben. Sie wird nicht "wie alle" werden.

Das Paar hat sich immer Kinder gewünscht. Als beide wussten, dass sie kein Baby bekommen würden, stellten sie sich auf ein Leben zu zweit ein: Beruf, Ausbildung, Reisen ... Erst durch eine Freundin, die in einem Kinderheim arbeitet, kamen sie auf den Gedanken, ein Baby zu adoptieren. Die Freundin informierte sie über die Schwierigkeiten. Das wollte Anja Birk nicht, "sich nicht anstellen wie nach einer teuren Ware und auf ein Kind warten". Die Freundin sprach dann von den Kindern, die nicht adoptiert werden, aber auch nicht zu Hause bleiben können. Bis Birks zum ersten Mal auf dem Jugendamt nachfragten, verging mehr als ein Jahr.

Anja Birk war früher Einzelfallhelferin in einer Familie, die Unterstützung brauchte, um ihr Kind behalten zu können. Mit dieser Erfahrung und ihrem Studium war sie für das Jugendamt ein Glücksfall, das Misstrauen gegenüber den Bewerbern ließ bald nach. Und dann ging es ganz schnell. Gina, ein halbes Jahr alt, brauchte medizinische Behandlung. Die Eltern waren überfordert. Die Alternative für das Baby hieß Krankenhaus oder Pflegeeltern, sofort. Es gab eine "Übergabe" mit Eltern, Pflegeeltern und Angestellten des Jugendamts. Die Eltern hatten etwas von Kurzzeitpflege gehört. Birks wussten aber, dass es um Dauerpflege ging. Eine unglückliche Situation. "Was fehlt", meinen Anja und Jan Birk, "ist die Trauerarbeit mit den Eltern. Aber die Sozialarbeiter schaffen das nicht. Sie kriegen ihre Familien nach Adressen zugeteilt, ein paar Straßen für jeden. In manchen Straßen wohnen die Problemfamilien konzentriert, da sind die Sozialarbeiter dann völlig überfordert. Wichtig wäre es, wenn jemand den Eltern sagen würde: Ihr habt sicher Fehler gemacht, aber dass ihr jetzt loslassen könnt, dass ihr zulasst, dass euer Kind bei den Pflegeeltern lebt, das ist gut. Das sagt ihnen aber keiner."

Seit dem Sommer wissen die beiden, dass Gina bei ihnen bleiben wird. Ihr Vater kommt manchmal, alle paar Monate, und besucht seine Tochter. Anja Birk hat der Kleinen ein Foto der leiblichen Mutter gezeigt und ihr erzählt, wer das ist. Aber die Frau hat es schon lange nicht mehr geschafft, sich nach ihrer Tochter zu erkundigen. Manchmal überlegt die Pflegemutter, wie unglücklich ein Leben sein muss, damit es dazu kommt. Sie möchte gern, dass der Kontakt zu Ginas Vater erhalten bleibt, denn sie weiß, dass Gina später fragen wird, und dass es die Hölle für sie wäre, wenn dann nicht einmal ab und zu jemand nach ihr sieht. So schlimm, könnte sie dann denken, so schlimm war ich, dass die Eltern mich nicht einmal mehr sehen wollten. Diese Situation möchten die Birks ihrer Tochter gern ersparen.

Die Familie wird ein zweites Pflegekind aufnehmen, wahrscheinlich wieder ein alkoholgeschädigtes. "Spätestens dann", sagt Anja Birk, "ist es wohl auch ein Beruf für mich. Die Prioritäten sind anders gesetzt, als ich mir das früher vorgestellt habe." Auf Dauer will sie aber nicht ausschließlich Pflegemutter sein. Sie beginnt eine Fortbildung in Montessori-Pädagogik und möchte irgendwann in der Frühförderung geschädigter Kinder arbeiten. In ihrer Gruppe von Eltern mit alkoholgeschädigten Pflegekindern haben Birks mit anderen ein Modell entwickelt, das die Arbeit von Pflegeeltern mehr professionalisieren und sozial absichern könnte: Pflegeeltern, deren Kinder erwachsen sind, sollen vom Jugendamt angestellt werden, als Babysitter für schwierige Kinder wie Gina, als Berater und Helfer für neue Pflegeeltern. "Wenn es das gäbe", sagt Anja Birk, dann "könnten wir einmal im Jahr gemeinsam ausgehen ..."

Die Namen der Familie sind mit Rücksicht auf das Pflegekind und die Herkunftsfamilie geändert worden.

Kontakt: Arbeitskreis zur Förderung von Pflegekindern e.V., Geisbergstraße 30, 10777 Berlin, Telefon: 030/211 10 67

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00:00 07.01.2000

Ausgabe 42/2021

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