Ganz kleine Korrekturen

Medizin Willst Du die Krankenkassen nicht belasten, dann pflege einen gesunden Lebensstil, sagen jetzt auch Politiker. Aber was ist das eigentlich – Lebensstil?

Die Zeitungen zeugen fast täglich von der Bedrohung: Vorgeburtliche genetische Diagnostik, prädiktive genetische Untersuchungsmethoden – es scheint, als wüchsen wir ohnmächtig in eine gentechnisierte Welt hinein. Ein Tropfen Blut, gar nur eine Zelle, für die wahren Nacktscanner in den Sequenzierungslabors könnte ein DNA-Strang künftig ausreichen, um tiefe Einblicke in das Schicksal von Versicherungskunden, Kassenpatienten und Arbeitnehmern zu gewähren, und sie dementsprechend in die Pflicht zu nehmen. Oder aus selbiger zu entlassen.

Für alle, die sich vor diesem unbarmherzig abqualifizierenden Erbgutorakel fürchten, oder für jene, denen so ein Genprogramm schon immer zu platt erschien, gibt es jetzt gute Nachrichten. Das jedenfalls suggeriert die jüngere Forschung: Eine wachsende Zahl von Studien kommt zu dem Schluss, dass Gene in ihrem operativen Radius ganz schön beschränkt sind und dass vielmehr der sogenannte Lebensstil bestimmt, ob und wann uns unsere Gene krank machen.

Die Mechanismen, die diesem Paradigmenwechsel zugrunde liegen, sind längst bekannt, man kann sie jedem Lehrbuch der Genetik entnehmen: Das Leben drückt dem Erbgut einen Stempel auf, und zwar im fast wörtlichen Sinne – nur dass der Stempel eine ziemlich lange, noch nicht ganz verstandene Kette von biochemischen Reaktionen ist, an deren Anfang eine bestimmte Gewohnheit steht, und an deren Ende die Bausteine der DNA mit chemischen Markierungen versehen werden. Diese so genannten epigenetischen Markierungen ändern den Code der Gene selbst nicht, aber sie können bestimmen, ob ein Gen gelesen wird und damit zur Entfaltung kommt, oder ob es schlicht und einfach stumm bleibt. Und, besonders wichtig: Diese Manipulation der Gene ist prinzipiell reversibel. Was nichts anderes heißt, als dass wir immer und fortlaufend Einfluss auf unsere vererbten Anlagen nehmen können. Im Schlechten. Wie auch im Guten.

Dass die Epigenetik aber erst jetzt in den volksgesundheitlichen Fokus rückt, hat wohl mehrere Ursachen. Zum einen die wachsende Zahl von Studien, welche nun epidemiologische Belege für den Einfluss des Lebensstils liefern. Zum anderen die besagte Furcht vor der Genetik, die so eine lebensnahe Option begünstigt: Vom „Sieg über die Gene“ kündete im August denn auch der Spiegel auf seinem Titel und frohlockte, man könne sein Erbgut mit ein paar Tricks einfach überlisten, es mithilfe des Lebensstils sogar regelrecht „steuern“. Was für eine Erleichterung: Der Mensch ist noch Herr seiner selbst. Stellt sich nur die Frage, welche List sich am besten eignet, um das gesteckte Ziel – ein langes, glückliches und gesundes Leben – denn via Epigenetikstempel zu erreichen? Diese Frage erscheint um so wichtiger, als derzeit verzweifelt nach probaten Mitteln gesucht wird, die steigenden Kosten im Gesundheitswesen irgendwie auf den Beitragszahler zurückzulenken. Die frohe Kunde hat mithin ihre Kehrseite: Die Assekuranzen haben den Lebensstil schon für sich entdeckt.

Das Wall Street Journal berichtete vor wenigen Tagen, dass die US-amerikanische Lebensversicherung Deloitte im Großversuch per Internet versicherte Kunden ausspioniert hat um festzustellen, welche Rückschlüsse man aus Facebookdaten oder anderen online verfügbaren Informationen auf den Lebensstil und schließlich auf bestimmte Krankheitsrisiken ziehen kann. Der Test verlief für Deloitte erfreulich: Die im Web gewonnenen Einblicke ins Verhalten reichten meist aus, um die Risiken der Klienten für Diabetes, Sportunfälle oder Depressionen genau so gut zu bestimmen wie die sonst übliche medizinische Untersuchung.

Die wissenschaftlich gebaute Brücke zwischen einfach zu generierender Information und zu erwartenden Krankheitskosten dürfte auch für deutsche Krankenversicherungen von Interesse sein. Wie sagte doch gleich Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler in einem Interview, das seine Presseabteilung kürzlich mit ihm führen durfte? „Die Menschen sollen gar nicht erst krank werden.“ Und um dieses bescheidene Ziel zu erreichen will Rösler einen Bewusstseinswandel anstoßen, „dem dann auch eine Verhaltensänderung folgen soll“.

Höchste Zeit für eine Betrachtung dessen, was sich gesunder Lebensstil schimpft und nicht unbedingt etwas mit Stil zu tun haben muss, aber mindestens nützlich zu wissen ist, wenn man künftig seinen Internetauftritt plant oder mit seinem Sachbearbeiter von der Krankenkasse debattiert. Stilvoll leben im Sinne der Medizin ist nämlich nicht so einfach, wie man meinen möchte.

Natürlich Nichtrauchen

Dass der Konsum von Tabakwaren, insbesondere Zigaretten, ungesund ist, darüber muss nicht weiter diskutiert werden. Über das Aufhören aber schon. Lohnt sich das überhaupt, nach Tausenden von Glimmstängeln? Ja, sagt die Medizin, denn jede Kippe weniger schränkt den Schaden ein bisschen ein. Nun wollen tatsächlich achtzig Prozent der etwa 20 Millionen Raucher in Deutschland weniger, fünfzig Prozent gar nicht mehr rauchen. Nur wie? „Rauchen Sie nicht!“ sagt die Kasse, liefert Tipps und meint es sicher gut – aber so schafft es im ersten Anlauf leider nur einer von zwanzig. Erst nach zehn Versuchen stellt sich eine nennenswerte Aussicht auf Erfolg ein, bis dahin ist der Entzug schon ein Lebensprojekt mit lebensstilistisch ungünstigen Nebenwirkungen wie Übergewicht (siehe „Korrektes Gewicht“). Ist Nikotin selbst womöglich gar kein läppisches Lifestyleproblem? Nach Ansicht von Suchtexperten macht es stärker abhängig als jedes Rauschgift, auch als Heroin. Der Staat, der jährlich 14 Milliarden Euro an dieser Abhängigkeit verdient, sieht das anders, und bezahlt nur in Ausnahmefällen die nachweislich wirksame medikamentöse Entwöhnung, die im fünften Sozialgesetzbuch unter „Lifestylemedikamente“ firmiert. Neben Haarwuchsmitteln. Aber das soll natürlich niemanden demotivieren. Wer Geld hat, kann sich den nachweislich wirksamen Entzug mit Medikamenten ja leisten. Geraucht wird allerdings vor allem in den sozial schwächeren Bevölkerungsgruppen.

Gesunde Ernährung

Eine Binse, scheint es, aber tatsächlich hat die bis ins 19. Jahrhundert zurückreichende Tradition der Ernährungsforschung bis heute nicht klären können, was wir unter gesunder Ernährung denn nun zu verstehen haben. Dass einzelne Lebensmittel wie Obst oder Gemüse oder einzelne Nährstoffe wie Ballaststoffe oder Vitamin E vor Krankheiten schützen, vor Krebs etwa, hat sich in großen epidemiologischen Studien erst kürzlich als Wunschdenken (oder, wie im Fall von Vitamin A, sogar als gefährlicher Trugschluss) erwiesen. Dass Biofutter gesünder ist als konventionell erzeugte Nahrung ebenfalls. Selbiges gilt für den Vergleich zwischen vegetarischer und fleischhaltiger Kost. In umfassenden Lebensstiluntersuchungen zeigte sich die Ernährung überhaupt als schwächster Einflussfaktor auf Gesundheit und Lebensdauer. Was als Anhaltspunkt bleibt, ist das Prädikat ungesund: Ungesund ist, wenn das Essen neben den üblichen Nährstoffen zuviel Chemie enthält oder zu stark verarbeitet ist. Letztlich ungesund ist Essen vor allem, wenn es zuviel Energie liefert, also dick macht.

Korrektes Gewicht

Aber wann ist der Mensch zu dick? Gesundheitsexperten hatten lange Zeit eine recht genaue Vorstellung davon, wie viel Masse auf eine bestimmte Körperfläche verteilt sein darf: 18 bis 25 Kilogramm pro Quadratmeter nämlich. Das ist, was sich hinter dem Body Mass Index (BMI) verbirgt und weltweit noch immer als Richtschnur für die Beurteilung der Körperfülle dient. BMI 18 bis 15 – alles drunter und drüber macht krank. Dass diese Ansicht nach wie vor noch weit verbreitet ist, verwundert allerdings, denn Epidemiologen haben inzwischen mehrfach gezeigt, dass leichtes Übergewicht (ein BMI über 25) das Leben im Vergleich zu Normalgewichtigen verlängert. Also doch lieber ein BMI von 27? Nicht zwangsläufig, denn auch Untergewicht soll seine Vorteile haben: Studien an Würmern zeigen immer wieder, dass konsequenter Energiemangel das Altern hinauszögert. Ob das auch für Menschen zutrifft, ist noch nicht geklärt.

Ausdauernde Sportlichkeit

Bewegung ist eine weithin unterschätzte Möglichkeit, dem Verfall des Körpers Einhalt zu gebieten. Eine weithin überschätzte ist der Sport. Das haben auch schon Bertolt Brecht und Winston Churchill gewusst, letzterer lieferte gar den langlebigen Beweis, von ein paar Schlaganfällen abgesehen. Von Medizinern wird dennoch sportliche Betätigung empfohlen, die Frage ist nur: Welche? Gemeinhin gilt Ausdauersport als gesund, und für Herz und Kreislauf stimmt das bis zu einem gewissen Maß an Ehrgeiz auch. Beim Marathon hört der Spaß schon wieder auf, das Risiko, an einem plötzlichen Herztod zu sterben, ist stark erhöht, und überhaupt geht der Klassiker Laufen oft auf die Gelenke. Schwimmen dagegen soll gut sein, weil es die Gelenke nicht belastet. Das stimmt aber nur, wenn die Technik wirklich sitzt, was Experten zufolge fast nie der Fall ist. Die Folgen auch hier: Probleme mit Knien und Wirbelsäule. Bleibt das Radeln, zum Beispiel als Mobilitätsoption. Wer mit dem Rad zur Arbeit fährt, spart Geld, schont das Klima und hält sich ganz nebenbei fit. Er schwebt allerdings auch in ständiger Lebensgefahr, wie nicht nur der Berliner Radfahrer weiß, und ist daher täglich großem Stress ausgeliefert.

Liebe und Gelassenheit

Stress ist ungesund, seelisch wie körperlich. Es gehört mithin zu einem gesunden Lebensstil, Stress zu vermeiden und stattdessen die Voraussetzungen für Glücksgefühle zu schaffen. Wie macht man das? Erstens sucht man sich einen Partner, denn Studien zeigen, dass zufriedene Beziehungen das Leben verlängern. Kinder dagegen gehören nicht unbedingt zu einem gesunden Lebensstil, denn die stören die Partnerschaft, wie Untersuchungen belegt haben sollen. Zweitens übt man sich in Gelassenheit, um sich drittens nicht vom Beruf unter Druck setzen zu lassen. Gerade unter beruflich stark beanspruchten Menschen steigt die Zahl der Burn-Outs und Depressionen – die wiederum die Partnerschaft belasten können oder überhaupt eine verhindern. Zuviel Ehrgeiz ist auch nicht gesund. Allerdings gilt selbst für glückliche Paare: Obacht! Wer gern ungesund lebt, liebt meist ähnlich ungesund. So suchen Menschen einander, die gerne essen, und werden dick. Was vielleicht nicht so schlimm ist, wenn beide mit dem Rauchen aufhören. Oder sich wenigstens mit ihrer Überzeugung nach gesundem Essen rund futtern.

Unterm Strich bleibt festzustellen: Der sogenannte gesunde Lebensstil hat wenig mit Lebensfreude zu tun und ist als Gesamtkunstwerk quasi nicht umzusetzen, weil widersprüchlich und schlecht definiert. Als Leitbild der Volksgesundheit taugt er mithin nur für die Interessenvertreter der Krankenkassen und Versicherungen: Sie können sich ihren gesundheitsbewussten Bürger am Reißbrett entwerfen und ihrer Klientel vor die Nase halten. Die wird sich bald vermutlich wünschen, dass die Genetik als Sieger über den Lebensstil zurückkehrt.

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14:00 26.11.2010

Ausgabe 41/2021

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