Ganz normale Menschen

Sozialpsychologie Ist der Mensch eine Bestie? Die Soziologie sagt Ja: Im falschen Umfeld ist fast jeder zum Töten bereit. Doch wie lässt sich verhindern, dass es so weit kommt?

"Die Guten“ und „die Bösen“, die „Aggressiven“ und die „Friedlichen“ – Menschen in dieser Weise in Kategorien einzuteilen ist alter Brauch des moralischen Schwarz-Weiß-Denkens. Solches Denken hilft, die Komplexität der Wirklichkeit auf ein handhabbares Schema zu reduzieren. Heute wissen wir allerdings, wie falsch diese Sicht ist. Die meisten Menschen sind offenbar gut und böse zugleich – es kommt dabei auf die Umstände an.

„Warum entwickelten sich die meisten Männer des Reserve-Polizeibataillons 101 zu Mördern, während das nur bei einer Minderheit von vielleicht zehn oder allerhöchstens zwanzig Prozent nicht der Fall war?“, fragt der amerikanische Historiker Christopher R. Browning. Die Frage bezieht sich auf eine Gruppe von deutschen Polizisten, die während des Zweiten Weltkriegs zu systematischen Massenerschießungen in Polen herangezogen wurde. Die Männer waren nicht besonders ausgesucht worden und hatten sich auch nicht freiwillig für ihre Aufgabe gemeldet. Sie waren mittleren Alters, entstammten vorwiegend der Hamburger Arbeiterschaft und repräsentierten – abgesehen von einer überproportionalen Parteimitgliedschaft – die damalige Normalität. Trotzdem, so rechnet Browning vor, waren sie für die Erschießung von 38.000 Juden und für die Deportation von 45.200 Juden nach Treblinka verantwortlich. Dies sind nur Mindestzahlen.

Immer schon war aufgefallen, wie durchschnittlich „Bestien“ und Massenmörder zu sein scheinen. Von der „Banalität des Bö­sen“ sprach Hannah Arendt angesichts der alltäglichen Spießigkeit Adolf Eichmanns bei seinem Prozess in Jerusalem. Die „Endlösung der Judenfrage“ wurde von Biedermännern organisiert und nicht von Sadisten. Die Aufzeichnungen und Autobiografie des Kommandanten von Auschwitz, Rudolf Höß, lesen sich wie das Tagebuch eines bürokratischen Langweilers. Ist der Mensch ein „Jedermann“, der sich nicht nur in seiner Sterblichkeit gleicht, sondern auch in seiner Anlage zum Guten und Bösen mit allen anderen identisch ist? Kann aus jedem ein Massenmörder werden?

Gegenwärtig lautet die Antwort der Wissenschaft: „Ja, jeder kann zum Töten abgerichtet werden, alle sind potenzielle Mörder – abgesehen von einer kleinen Minderheit.“ Denn es stellt sich heraus, dass es ganz wenige gibt, die sich niemals und unter keinen Umständen zum Quälen und Töten bereitfinden. Vielleicht ist es gerade dieser Tatbestand, der aufhorchen lässt. Leider fehlen bislang Studien, durch welche Merkmale sich diese wenigen Aufrechten und sittlich Unbestechlichen auszeichnen. Es scheint sich um Ausnahmemenschen zu handeln, die über Fähigkeiten verfügen, die die Menschheit dringend brauchte. Denn, um auf diesem Planeten zu überleben, kommt es unterdessen kaum mehr auf tech­nische Höchstleistungen an, sondern eher auf moralische Qualitäten. Die aber finden sich im Zweifelsfall nur bei einer handverlesenen moralischen Elite.

Identitätslosigkeit

Einer der ersten Ansätze, um sozialpsychologisch das staatlich organisierte Morden zu erklären, ist mit dem Begriff des „au­to­ri­tä­ren Charakters“ verbunden. Er geht auf Erich Fromm, Max Horkheimer und eine Arbeitsgruppe um Theodor W. Adorno zurück. Die autoritäre Disposition wird durch eine Anzahl empirisch überprüfbarer Einstellungen charakterisiert, wie durch Un­ter­würfigkeit gegenüber Autoritäten oder aggressives Verhalten gegenüber Fremd­gruppen. Rudolf Höß fällt in diese charakterliche Kategorie und vielleicht auch Adolf Eichmann. John Steiner stellte die These auf, dass Persönlichkeiten mit einer entsprechenden Disposition gewissermaßen als sleeper auf die Gelegenheit warten, ihre verhängnisvollen Neigungen in die Tat umzusetzen. Ein Unrechtssystem wie das Dritte Reich eröffnet ihnen die Chance, ihre sozial des­truktiven Impulse in gesellschaftlich anerkanntes Handeln umzusetzen.

Der Ansatz wird in dieser Weise heute zumeist nicht mehr geteilt. Er setzt latente, aber unveränderbare Persönlichkeitsmerkmale voraus, wie zum Beispiel eine Tendenz zum Gehorsam oder besonderen Sadismus. Doch wie kommt es dazu, dass auch im Grunde friedliche Menschen zum Töten abgerichtet werden können?

Der Sozialpsychologe Harald Welzer stellte in seinem 2005 erschienenen Buch „Täter. Wie aus ganz normalen Menschen Massen­mörder werden“ folgende These auf: Menschen verfügen über weit weniger Identität, als es im Allgemeinen angenommen wird. Sie sind „mühelos imstande, die unterschiedlichsten Sicht- und Verhaltensweisen, die tiefsten Ambivalenzen und die schärfsten Widersprüche ganz praktisch in ihrem Fühlen, Denken und Handeln parallel existieren zu lassen“. Der „Charakter“ ist eher ein Konstrukt des Beobachters und weniger eine feste Disposition des Individuums. Verändern sich die Gepflogenheiten und das, was als normal gilt, so verändert sich das Rollenverhalten der meis­ten Menschen. Auf der Basis ihrer inneren Ambivalenzen verschiebt es sich in Richtung des jetzt Üblichen und neu Geforderten.

Im Nazideutschland hatte sich die Auffassung von Recht und Unrecht in vielfacher Hinsicht grundlegend gewandelt. Wäh­rend des Krieges galten schließlich Ver­haltensweisen als „gut“, die noch wenige Jahre zuvor abgelehnt und sogar bestraft wurden. Unterdessen betrachtete die Propaganda die Beseitigung von „Volksschädlingen“ als notwendige Aufgabe. Die Erschießung Wehrloser, von Frauen und Kindern wurde nicht mehr als „Mord“ an­gesehen, sondern als harte, aber moralisch verbindliche Pflicht. Man unterzog sich ihr möglicherweise mit Widerwillen, aber man fügte sich.

Wer nach dem Krieg wegen solcher Taten vor Gericht gestellt wurde, konnte bei sich selbst daher keinerlei Schuld entdecken. Er hatte getan, was damals alle für sinnvoll hielten und was von den Autori­täten legitimiert und angeordnet worden war. Ohne Mühe konnten Massenmörder ihre Taten in ihr Lebenskonzept integrieren. Sang- und klanglos gingen sie zur ­neuen Normalität über und waren nun plötzlich gute Ärzte, pflichtbewusste Krankenpfleger oder gesetzestreue Kriminalbeamte.

Entsprechende Fallstudien oder auch etwa das berühmte Stanford-Experiment zeigen daher regelmäßig Folgendes: Durchschnittliche Personen, nicht besonders aggressiv, bösartig oder sadistisch, werden gewissermaßen Opfer einer sozialen Suggestion. Unfähig sich gegen die von außen kommenden sozialen Einflussfaktoren zu wehren, erliegen sie dem Gruppendruck.

Dehumanisierung

Ein Soldat im Vietnamkrieg wird angewiesen, aus einem Hubschrauber auf die Zivilbevölkerung zu schießen. Er weigert sich zunächst, tut es dann doch, muss sich aber anschließend übergeben. Nach mehrmaliger Wiederholung in aufeinanderfolgenden Situationen beginnt er, sich an den widerwärtigen Auftrag zu gewöhnen, körperliche Reaktionen bleiben aus, schließlich wird der innere Wi­derstand durch eine gleichgültig-sachliche Einstellung verdrängt. Diese Neutralisierung von Mitleid und Empathie führt zu einer psychischen Reaktion, die wohl als eine der gefährlichsten Fehlhaltungen von Homo Sapiens angesehen werden kann: der „Dehumanisierung“. Vielleicht um Stress abzuwehren, vielleicht um das Geschehen zu integrieren, werden die „Feinde“ ihrer Menschlichkeit beraubt und als Sachen betrachtet. Alle Empathie wird von ihnen abgezogen, Menschen werden zu Gegenständen, zu Tieren, zum Beispiel zu „Ungeziefer“.

Der organisierte Massenmord achtet daher in der Regel sorgfältig darauf, das Aufkommen von Empathie zu verhindern. Der Angehörige eines Nazi-Erschießungskommandos gerät unter Stress, als ein älterer Mann lebend in ein zuvor ausgehobenes Massen­grab stürzt. „Der alte Mann hat furcht­bar geschrien. Ich bin nicht zimperlich veranlagt, aber bei diesen Schreien des Mannes wurde mir übel. Ich habe nur noch wahrgenommen wie Appel (ein anderer Täter) von irgendeiner Seite eine MP zugereicht wurde und wie er mit dieser Dauerfeuer, bis das Magazin leer war, in den Schacht abgab.“

In einem anderen Fall gerät ein Täter durcheinander, weil er bei einer Razzia gegen Juden ein etwa 12-jähriges Mädchen sieht. „Ich musste dabei unwillkürlich an meine gleichaltrige und ebenfalls blonde Tochter denken.“ Wegen solcher Assoziationen war das Erschießen von Kindern eine heikle Angelegenheit. Durch Gruppendruck, Gewöhnung und eine Art systematische Desensibilisierung musste jede „Erinnerung“ an eigene Kinder, jedes Mitleiden und jede Einfühlung unterbunden werden. Auch um derartige Identifikationen zu verhindern, wurden in den KZ sogenannte Ent­klei­dungs­aktionen durchgeführt. So waren die Häftlinge schwerer als Individuen erkennbar.

Professionalisierung

Früher nahm man an, dass eine grundsätzlich autoritäre Ordnungsstruktur notwendig sei, damit der „autoritäre Charakter“ seine destruktiven Eigenschaften entfalten könne. Das mehrfach wiederholte Milgram-Experiment zeigte, dass rund zwei Drittel aller Menschen unter autoritären Strukturbedingungen bereit sind, auf Anordnung hin andere zu töten. Unterdessen muss diese im Grundsatz richtige Sicht ausgeweitet werden: Eigentlich jeder Referenzrahmen, das heißt jede „kulturelle“ und damit sozialpsychologische Situation, die die Vernichtung von „Feinden“ als notwendig erscheinen lässt, eignet sich, um Massenmörder hervorzubringen. In welchem Ausmaß auch „religiöse“ Suggestionen hier eine Rolle spielen können, zeigen die Aktivitäten der Islamisten.

Auffallend am staatlich organisierten Massenmord ist seine „Professionalität“. In früheren Zeiten war Töten oft mit enormer Emotionalität verbunden, mit Schlachtfeld­raserei, mit Blutrausch und auch mit sexueller Erregung. Das staatlich organisierte Töten dagegen erfolgt arbeitsteilig und kühl. „Sachlichkeit“ wird verlangt, Töten wird als „Job“ erledigt. Günther Anders schrieb: „Der Angestellte im Vernichtungslager hat nicht gehandelt, sondern, so gräßlich es klingt, er hat gearbeitet.“

So hoben Raul Hilberg und viele andere Wissenschaftler den bürokratischen und verwaltungstechnischen Aspekte des Vernichtungsvorganges hervor. Man führte Listen, stempelte Bescheinigungen oder achtete darauf, dass etwa ein Genickschuss „ordnungsgemäß“ im richtigen Winkel erfolgte. Nach der Vergasung waren die Kammern voll von Leichen. Routiniert und effizient mussten sie wieder entfernt werden. Die größte Effizienz der Vernichtung ist natürlich dann erreicht, wenn lediglich eine Bombe ausgeklinkt werden oder ein Raketenstart ausgelöst werden muss. Unter den dann herrschenden Bedingungen dürfte es kaum jemanden geben, der dabei ernsthafte Gewissensprobleme bekommt. Doch fragt man sich, weshalb es bei Einzelnen dennoch anders ist. So wurde Claude Eather­ly, einer der Piloten des Hiroshima-Einsatzes, seines Lebens nicht mehr froh.

Hauptziel aller Erziehung sei es, dass sich Auschwitz sich nicht wiederhole, so hatte Adorno gefordert. Allerdings würde eine solche Hinwendung aller Anstrengungen auf die Verhinderung des Schrecklichsten eine vollkommene Änderung der Blickrichtung voraussetzen: Das Starren auf wirtschaftliche und technische Effizienz müsste gegenüber der Förderung moralischer Qualitäten zurücktreten. Davon sind wir leider noch weit entfernt.

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05:00 30.07.2009

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