Gegen das Verderben

„Containern“ Zwei Studentinnen holten bei Edeka Lebensmittel aus dem Müll. Dafür standen sie vor Gericht – und wurden verurteilt

Unterdessen wurden die beiden Studentinnen wegen Diebstahl verurteilt.

Ein Drittel aller produzierten Lebensmittel landet derzeit im Müll. Das hat ökologische Folgen: 25 Prozent des weltweiten Wasserverbrauchs gehen in den Anbau von Nahrungsmitteln, die verschwendet werden. Zugleich sind sie für acht Prozent aller Treibhausgase auf der Welt verantwortlich. Wäre die Lebensmittelverschwendung ein Land – es wäre nach China und den USA der drittgrößte CO₂-Emittent. Allein in Deutschland werden pro Jahr elf Millionen Tonnen Essen weggeworfen, fast eine LKW-Ladung pro Minute.

Solche Zahlen hat Caro im Kopf, als sie an einem Juni-Abend den schweren Deckel der Mülltonne aufschiebt. Volltreffer. Sie ist mit ihrer Mitbewohnerin Franzi zum Edeka-Markt in Olching bei München gefahren, um zu „containern“: noch verwertbare Lebensmittel aus den Abfalleimern des Supermarkts zu holen. An diesem Abend fischen sie grüne und gelbe Paprika, Salat, Obst, Joghurtbecher, Streichkäse sowie einen frisch gepressten Grapefruitsaft aus der Tonne. „Ein paar Paprika waren angedatscht oder hatten dunkle Flecken, aber vieles war noch perfekt“, sagt die 27-Jährige.

Durchsucht wie Verbrecher

Gegessen hat sie dieses Gemüse nie – als sie den schweren Rucksack auf die Schultern hob, bog eine Polizeistreife um die Ecke. „Wir kamen uns vor wie Schwerkriminelle, als sie uns nach Waffen durchsucht haben“, sagt Caro. Dann ließ die Polizei sie das Essen zurück in die Tonnen werfen.

Am 10. Dezember müssen sich die Studentinnen, die zum Öffnen des Müllcontainers einen Vierkantschlüssel aus dem Baumarkt benutzten, vor dem Amtsgericht Fürstenfeldbruck verantworten. Zunächst hatte die Staatsanwaltschaft sie wegen „besonders schweren Diebstahls“ anklagen wollen, inzwischen bietet sie an, den Prozess gegen die Auflage von je acht Sozialstunden bei der Tafel einzustellen. Caro und Franzi wollen aber vor Gericht einen Freispruch erreichen, da der zeigen würde, „dass das gesellschaftliche Umdenken auch vom Staat aufgegriffen wird“.

„Containern“ ist in Deutschland illegal. Ein Sprecher von Edeka Südbayern erklärt: „Bei uns wird jeder Diebstahl zur Anzeige gebracht.“ Der Jurist Max Malkus wehrt sich gegen diese konservative Rechtsauslegung: „Ich gehe davon aus, dass jemand, der etwas in die Mülltonne wirft, sein Eigentum aufgeben will.“ Malkus, Anwalt vieler selbsternannter Lebensmittelretter, will auch im Fall von Franzi und Caro vor Gericht seine Meinung vertreten: Ohne Eigentum kein Diebstahl. Dass „Containern“ grundsätzlich vom Gesetzgeber entkriminalisiert werden muss, forderte Malkus schon 2016 in einem ausführlichen Gastbeitrag im Magazin für Restkultur.

Bisher hat sich nichts geändert. Oft werden solche Anzeigen zwar fallengelassen, doch nicht im Fall von Franzi und Caro: Sowohl die zuständige Staatsanwaltschaft München II als auch Edeka haben einen Strafantrag gestellt. Der Marktleiter schätzte den Verkaufswert des geklauten Essens auf 100 Euro. Deshalb ist das Strafmaß ungewöhnlich hoch: 40 Tagessätze pro Person, insgesamt 2.400 Euro, sollen sie bezahlen, wenn sie schuldig gesprochen werden. Weil der Marktleiter auf Facebook persönlich angefeindet wurde – wovon sich Caro und Franzi distanzieren –, hat Edeka nun den Strafantrag zurückgezogen. Die Staatsanwaltschaft hält daran fest.

Die Freundinnen sagen, sie seien sich keiner Schuld bewusst. Sie bauen im Sommer im kleinen WG-Garten Tomaten, Mangold und Kräuter an. Zudem unterstützen sie eine solidarische Landwirtschaftskooperative, durch die sie auch im Winter Gemüse direkt vom Bio-Bauern erhalten.

„Manchmal träume ich vom Prozess“, sagt Franzi. „Aber das ist ja klar, er bestimmt gerade unseren Alltag.“ Kaum ein Tag ist in den letzten Wochen vergangen, an dem sie nicht an ihrer Kampagne gearbeitet haben. Sie haben einen Blog aufgesetzt, sich mit Aktivisten aus ganz Deutschland vernetzt, Umwelt- und Justizpolitikern geschrieben, eine Petition gestartet: „Containern ist kein Verbrechen!“ Mehr als 13.000 Unterschriften haben sie schon. Ihr Ziel: Gesetzesänderungen, die zu einem bewussteren Umgang mit Nahrung führen.

Konkret wollen sie, dass in Zukunft Menschen, die Essen aus Mülltonnen holen, ein Gerichtsverfahren erspart bleibt. Franzi sagt aber auch: „Es muss sich an vielen Fronten etwas ändern.“ Es fehle zum Beispiel an Aufklärung über das gesetzlich vorgeschriebene Mindesthaltbarkeitsdatum. Viele Verbraucher verwechseln es mit dem Verfallsdatum, das nur auf bestimmten verderblichen Waren wie Fleisch aufgedruckt werden muss. Reis, Linsen, Nudeln oder Tee können auch nach Ablauf des Datums noch jahrelang genießbar bleiben. „Das Absurdeste ist Salz: Das ist schon Millionen Jahre alt und kriegt plötzlich ein Haltbarkeitsdatum aufgedruckt.“ Daran verdient vor allem die Industrie, die dadurch mehr verkaufen kann.

Der Staat muss ran

Inzwischen gibt es viele Initiativen, die der Wegwerfkultur den Kampf angesagt haben: Zum Beispiel die Plattform foodsharing.de, über die Lebensmittel verteilt werden, die sonst entsorgt würden, oder Internetseiten, über die man krummes und aussortiertes Gemüse bestellen kann. Die meisten Ideen setzen beim Verbraucher an. So auch eine App des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft, in der man Tipps zum sparsamen Einkauf und Rezepte für „Restegerichte“ findet.

„Jedes 8. Lebensmittel, das wir kaufen, werfen wir weg. Wir können das ändern“, twitterte Bundesernährungsministerin Julia Klöckner (CDU) im April. Ihr Ministerium hat auch in diesem Jahr wieder einen Preis mit dem Titel „Zu gut für die Tonne“ ausgelobt. Alle nominierten Projekte sollen zum Ziel der Vereinten Nationen beitragen, die Menge der Lebensmittelabfälle bis 2030 um die Hälfte zu verringern. Denn diesem Ziel hat sich auch Deutschland unter Federführung von Klöckners Ministerium angeschlossen.

Wer das Problem bei den Verbrauchern sucht, wird dieses Ziel allerdings nicht erreichen. Das zeigt eine Studie der Unternehmensberatung Boston Consulting. Nur ein Fünftel der verworfenen Lebensmittel landet demnach in privaten Haushalten im Müll. Die größte Verschwendung findet in der Produktion statt – auf dem Weg vom Feld auf den Teller. Deshalb fordert die Studie mehr staatliche Regulierung. Als Vorbild gilt Frankreich, wo seit zwei Jahren ein Gesetz den Supermärkten verbietet, essbare Lebensmittel zu entsorgen. Zusätzlich könnte es eine Besteuerung von Kerosin weniger lukrativ machen, Lebensmittel um die ganze Welt zu fliegen.

Die Supermärkte selbst arbeiten mit IT-Systemen und Fachpersonal daran, den Müll zu minimieren. Schließlich kostet die Müllabfuhr Geld, abgerechnet wird pro Kilogramm. „Überschüssige Lebensmittel wegzuwerfen ist nicht nur unter ökologischen Gesichtspunkten kritisch, sondern stellt auch ein wirtschaftliches Verlustgeschäft dar“, so die Pressestelle von Edeka Südbayern. Wie viele Tonnen Supermärkte trotzdem täglich wegwerfen, wird nicht erfasst. Die Politik zwingt sie ja nicht dazu.

„Wie viele Leute uns unterstützen, zeigt doch, dass wir nicht die Einzigen sind, die sich einen anderen, nachhaltigeren Umgang mit Lebensmitteln wünschen“, sagt Franzi. Unter Verbrauchern müsse das Bewusstsein zwar noch wachsen, aber die richtigen Anreize müsse die Politik setzen. Deshalb hofft sie auf einen Freispruch. „Absurd“ sei es, dass man in Deutschland aus Mülltonnen genießbares Essen holen könne. „Aber bestimmt nicht kriminell.“

06:00 09.12.2018

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