Bert Rebhandl
19.04.2017 | 10:54 1

Gegen die Angst spielen

Nach dem Anschlag Hätte man das Spiel nach der Attacke auf das Team von Borussia Dortmund absagen sollen? Die Debatte darum betrifft nicht nur den Fußball, sondern die ganze Gesellschaft

Gegen die Angst spielen

Der Fußball als massenmediales Spektakel mit gnadenloser ökonomischer Verwertungslogik lässt uns in die Abgründe der Gefährdungsszenarien blicken

Foto: Maja Hitij/Bongarts/Getty Images

Der April sollte der „Monat der Wahrheit“ für die Fußballmannschaft von Borussia Dortmund werden. Neun Spiele in vier Wochen, in denen es darum geht, aus einer guten Saison vielleicht eine sehr gute zu machen. Mit einer Titelchance im DFB-Pokal – und vielleicht bei so manchem Fan auch leisen Hoffnungen auf ein Wunder in der Champions League. Seit am Dienstag vor einer Woche ein Anschlag auf den Mannschaftsbus verübt wurde, steht dieser April aber in einem ganz anderen Zeichen: zum sportlichen Stress kommt nun eine extreme psychische Belastung.

Die Spieler, deren Konzentration eigentlich ganz ihren Aufgaben gelten sollte, müssen sich damit auseinandersetzen, dass ihnen jemand nach dem Leben trachtete. Und zwar mit einem bewusst gesetzten, zeichenhaften Gewaltakt, bei dem ihre Prominenz ein wesentlicher Faktor war. Die Bewältigung dieser Situation wird sicher nicht dadurch erleichtert, dass der Anschlag nach wie vor zutiefst rätselhaft ist – und dass vieles dafür spricht, dass noch viel Schlimmeres beabsichtigt gewesen war. Ein Warnschuss waren diese Bomben mit Sicherheit nicht.

Das Heimspiel gegen den AS Monaco, das am Abend des Anschlags geplant gewesen war, wurde nicht einmal 24 Stunden später ausgetragen. Seither streitet nicht nur der offizielle Fußball darüber, ob das zulässig war. Unumgänglich, vielleicht sogar therapeutisch klug – oder ein Skandal? Die Debatte lässt sich nicht isolieren. Sie betrifft nicht nur den Fußball, sie betrifft die ganze Gesellschaft, die mit diesem Sport eine so ungeheuer aufgeladene Attraktion entwickelt hat, dass es fast folgerichtig erscheint, dass auch Hass (welcher Herkunft auch immer) sich darauf richtet.

Eine neue Nachdenklichkeit

Thomas Tuchel, der Trainer des BVB, hat in einer ersten Reaktion die frühe Neuansetzung deutlich kritisiert. Ähnliche
Reaktionen waren aus Spielerkreisen zu vernehmen. Paradoxerweise zeigte das Spiel selbst, mit seinen zwei ungleichen Halbzeiten, beide Aspekte: eine anfangs deutlich verstörte Mannschaft fand durch das Spiel wieder zu sich selbst, jedenfalls für eine gewisse Zeit.

Die Faszination für den Sport und für seine Gladiatoren, die sich mit Instagram-Accounts und Profilen in anderen sozialen Netzwerken zugleich nahbar und unerreichbar zeigen, wird durch den Anschlag unweigerlich mit einer neuen Nachdenklichkeit konfrontiert. Die radikalste Ausprägung fand diese Nachdenklichkeit in einer Möglichkeit, die schnell wieder verworfen wurde: dass Borussia Dortmund nämlich von sich aus auf das Spiel (und damit auf die Chance eines sportlichen Erfolgs) verzichtet hätte.

Damit wäre erst recht das Kalkül des Täters aufgegangen, hieß es zu Recht. Was aber, wenn etwas passiert, was nicht so glimpflich ausgeht? Hätten die Verbände, die Verantwortlichen, die Sponsoren dann den Mut, einen ganzen Wettbewerb abzusagen? Aus Gründen der Fairness, wenn eine Mannschaft nicht unter regulären Bedingungen teilnehmen kann?

Man will sich das nicht ausmalen, und sieht doch an dem engen Kalender von Borussia Dortmund, wie verwundbar unsere höchst vertakteten, vernetzten Gesellschaften sind. Der Fußball als massenmediales Spektakel mit gnadenloser ökonomischer Verwertungslogik lässt uns in die Abgründe der Gefährdungsszenarien blicken. Er zeigt uns aber auch, wie sich das Spiel über die Angst wieder erhebt. Borussia Dortmund lebt das in diesen Tagen vor, und dafür verdienen Mannschaft und Betreuer allergrößten Respekt.

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