Gegen die Wand

Frankreich Der Werdegang der Brüder Kouachi ist ein Beispiel für die gescheiterte soziale Integration von Migranten in der Banlieue

Die Stunde des Terrors ist immer auch die Stunde der Lautesten im Land. In Frankreich nahm der unvermeidliche Bernard-Henri Lévy den Anschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo zum Anlass, jene „nützlichen Idioten“ abzuwatschen, die das Attentat zu analysieren suchen und nicht als Gelegenheit für schiefe historische Analogien nutzen. Der Publizist und Philosoph redete pathetisch von einer Churchill-Stunde. Es sei nicht die Zeit, soziale und psychologische Hintergründe des Verbrechens zu klären. Man dürfe den Islamismus nicht in einer „Soziologie des Elends und der Verzweiflung“ auflösen. Lévy beschwörte die Trias von nationaler Einheit, Patriotismus und „Kunst des gerechten Krieges“. Zwar müsse man sich vom „jämmerlichen Terrorismus-Bekämpfer George W. Bush“ distanzieren, doch komme der Terror von Paris einer Kriegserklärung gleich.

Möglicherweise kann die Sozialisation der Brüder Said und Chérif Kouachi die Tat präziser erklären als solche Rhetorik. Die beiden wurden in eine französisch-algerische Familie hineingeboren, verloren früh ihre Eltern und wuchsen im Heim und dann in einer Pflegefamilie auf. Auch bei ihnen hat der Integrationsmotor Bildung offenbar nicht viel bewirkt. Für viele Kinder aus dem Einwanderermilieu führt der Weg seit Jahrzehnten allzu oft vom Schulabbruch direkt in die Arbeitslosigkeit, in Armut und Kriminalität. Erwachsen geworden, schlagen sich viele von ihnen als Dealer und Gelegenheitsjobber durch, ein in der Banlieue verbreitetes Sozialisationsmuster. Dazu zählt der Kontakt mit staatlichen Instituten, besonders den Verkehrsunternehmen und der Polizei. Die Fahrpläne der öffentlichen Verkehrsmittel machen aus der Peripherie großer Städte Quasi-Gettos. Nach 21 Uhr gibt es so gut wie keine Verbindungen mehr aus der Ödnis heraus oder dorthin zurück. Den Frust darüber reagieren Jugendliche ab, indem sie Autos stehlen oder abfackeln. Damit kommen für die Täter mit der Polizei und der Justiz umgehend zentrale Instanzen einer Ersatzsozialisation ins Spiel.

Rasende Wut

Besonders die Gendarmerie ist für rüde Umgangsformen bekannt. Migrationskinder oder -jugendliche erleben oft mehrmals täglich, was es heißt, nicht so auszusehen wie hellhäutige Altersgenossen. Die Identitätskontrolle nach dem Gesicht ist zwar per Gesetz verboten, aber dennoch üblich.

Auch dank dieser Erfahrungen werden multikulturell instabile Banlieues zu Räumen der Frustration und brachialer Animositäten. Es kommt zu Ausbrüchen der Wut, die weit über das Maß öffentlich akzeptierten Protestes hinausgehen. Wie ein Lauffeuer hatten sich im Herbst 2005 gewalttätige Aktionen über das ganze Land verbreitet und außer Pariser Vororten auch die von Lille, Lyon, Straßburg und Clermont-Ferrand erfasst, als zwei junge Männer auf der Flucht vor der Polizei in eine Trafostation gerieten und einen tödlichen Stromschlag erlitten.

Für Wochen rissen die nächtlichen Krawalle nicht ab, und die dazu abgegebenen Erklärungen befanden unter anderem, die Bildung als Stütze der Integration habe nicht funktioniert. Stattdessen wirken in Krisensituationen wie diesen Rechtsprechung und Strafvollzug als Faktoren einer negativen Integration – als Medien der Ausgrenzung und Solidarisierung der von staatlicher Willkür Betroffenen.

Einer der Brüder Kouachi wurde als Mitglied der geheimdienstlich überwachten Terrorzelle „Buttes-Chaumont“ verdächtig: Er hatte ein Flugticket in den Irak gekauft, um dort gegen die USA zu kämpfen, und wurde verhaftet, bevor er das Flugzeug bestieg. Dafür kassierte er 18 Monate Haft. Im Gefängnis lernte er offenbar nichts beruflich Verwertbares, wohl aber kriminelle Drehs, die er bis dahin noch nicht beherrschte. Im Fall von Chérif, dem jüngeren der beiden, kam hinzu, dass er im Arrest Kontakt bekam zu einem islamistischen Prediger, der zum Mentor wurde und den „Gelegenheitsmuslim“ radikalisierte. Nach der ersten Haftzeit wurde Chérif im Mai 2010 erneut festgenommen, da man ihn nach geheimdienstlichen Erkenntnissen verdächtigte, an Plänen zu einer Gefangenenbefreiung beteiligt zu sein. Nach fünf Monaten Untersuchungshaft musste er mangels Beweisen freigelassen werden. Die Brüder hatten in jener Zeit Kontakte zu Predigern des Dschihad. Ob sie wirklich in den syrischen Bürgerkrieg zogen, ist bislang nicht belegt.

Die problematische Sozialisation der Gebrüder Kouachi ist exemplarisch für so viele perspektivenlos Gestrandete, die unter dem Einfluss extremistischer Ideologen in eine Spirale der Radikalisierung geraten. Wenn man von konservativen Komentatoren bei der Zeitung Figaro und vom rechtsradikalen Front National (Marine Le Pen fordert: „Todesstrafe!“) absieht, reagieren der französische Citoyen und die staatlichen Institutionen auf den 7. Januar nicht mit Hysterie und Panik, sondern mit republikanischem Selbstbewusstsein: „Wir werden diesen Krieg nicht mitmachen. Wir sind keine Soldaten“, schrieb Laurent Joffrin von Libération. Und Dominique de Villepin leuchtete auch jenen deutschen Stammtischstrategen heim, die davon schwadronieren, „Islamo-Faschisten“ militärisch zerschlagen zu müssen. „Der Kriegsgeist“, warnt der Ex-Premier, „führt uns nur jeden Tag näher an einen unkontrollierbaren Krieg.“

Solche Sätze und die Bilder von Demonstrationen im Namen von „Liberté, Égalité, Charlie“ klären mehr auf als Plattitüden oder verbale Scharfmacherei.

06:00 25.02.2015
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