Geh und frag mal Opa

Evolution Großeltern sind wichtig für die Familie. Aber sie sind auch ein großes Rätsel. Denn seit wann gibt es sie? Und warum? US-Anthropologin Rachel Caspari sucht nach Antworten

Eine Höhle vor ein paar Zehntausend Jahren. Wahrscheinlich liegt sie am Mittelmeer, vielleicht im heutigen Südfrankreich, und sie ist von Menschen bevölkert. Einige Männer schlagen Steine für Werkzeug zurecht, ein anderer malt oder ritzt eine Jagdszene in das Gestein der Wände. Um das Feuer sitzen Frauen und Kinder und beobachten ihn. Bei ihnen steht auch ein Mann, der auffällt: Sein Bart ist grau. Er ruft dem Höhlenmaler etwas zu, während er das Feuer schürt, ohne Zweifel ist er älter als die anderen Männer in der Höhle. Und genau er ist ein gewichtiger Grund dafür, dass seine Spezies, der Homo sapiens, die Neandertaler-Konkurrenz aus der Nachbarhöhle überdauert hat. Rachel Caspari jedenfalls ist davon überzeugt. Zugleich schließt die US-Anthropologin jetzt aus ihrer wissenschaftlichen Arbeit, dass Szenarien wie das beschriebene in altsteinzeitlichen Höhlen womöglich noch gar nicht alltäglich waren. Oma und Opa gibt es vermutlich erst seit etwa 30.000 Jahren.

Während sich heute ganze Forschungszweige mit dem Kampf gegen das Altern als Scheitern der biologischen Funktionalität befassen, versucht Caspari seit gut zehn Jahren herauszufinden, warum Menschen überhaupt über die zweite Generation hinaus leben. Ab wann wurde der Mensch alt genug für die Großelternschaft, und nicht zuletzt: Welchen Sinn ergab es, in Gruppen von mehreren, direkt miteinander verwandten Generationen zusammenzuleben? Fragen, die weit weniger trivial sind, als sie erscheinen. Denn obwohl ihre Funktion heute von unzweifelhaft sozialem Wert ist, waren und sind Großeltern bei eingehender Betrachtung ein evolutionär ziemlich unwahrscheinliches Phänomen – kaum wahrscheinlicher als die Entstehung von Intelligenz oder Bewusstsein. In der Natur kommen sie daher fast nicht vor.


Als Caspari um das Millennium herum mit ihrer Forschung zur Evolution von Oma und Opa begann, stand sie vor allem vor praktischen Problemen: Die Altersstruktur menschlicher Gemeinschaften aus prähistorischer Zeit zu untersuchen, ist schwierig. Zum einen alterten die Menschen vor 500.000, 130.000 oder 30.000 Jahren auf gewiss andere Weise, vor allem in einem anderen Tempo, als sie es heute tun, und entsprechend lassen sich die Merkmale der Seniorenschaft, die man an fossilen Fundstücken zu suchen hat, nicht einfach ablesen. Was man als „alt“ im Sinne der prähistorischen Umstände betrachten kann, bedarf einer eigenen, neuen Definition. Zum anderen benötigt man für solche Erhebungen streng genommen gut erhaltene Überreste von vollständigen Kollektiven – und eben die gibt es nicht, zumindest nicht in der idealen Form.

Profil der Backenzähne

Immerhin existieren einige größere Funde, darunter eine Sammlung von 70 Neandertalerskeletten im kroatischen Kaspari nahe Zagreb. Der Paläontologe Dragutin Gorjanovic-Kramberger hatte sie 1899 dort entdeckt und wegen der Ähnlichkeiten erkannt, dass es sich um die Überreste von etwa zur selben Zeit lebenden Vorfahren oder Verwandten des Menschen handelte. Ende der Siebziger schlossen Forscher aufgrund des Abnutzungsprofils der gut erhaltenen Backenzähne, dass die Individuen, zu denen die 130.000 Jahre alten Knochen gehörten, zu Lebzeiten alle relativ jung gewesen – und ebenso jung gestorben sein mussten. Wann genau, ließ sich allerdings schwer sagen. Caspari entwickelte eine neue Methode, mit deren Hilfe sie die Zähne erneut untersuchte. Die Mikro-Computertomografie (μ-CT) würde im Gegensatz zu den vorhandenen Verfahren erlauben, auch ältere Individuen zu identifizieren. Sie konnte die Ergebnisse der Kollegen nicht nur bestätigen, sondern auch präzisieren: Kaum einer der Neandertaler war älter als 30 Jahre alt geworden. Großeltern hatte es unter ihnen nur in Einzelfällen gegeben.

Caspari weitete ihre Suche anschließend aus. Sie untersuchte Funde aus verschiedenen prähistorischen Zeitaltern und von unterschiedlichen Fundstätten, von 1,5 Millionen Jahre alten Australopithecinen aus Afrika ebenso wie von Homo-Spezies, die 500.000 und 130.000 Jahre alt waren und teils aus Europa stammten. Als sie die gesammelten Ergebnisse mit denen verglich, die sie von 20.000 bis 30.000 Jahre alten Funden des Jungpaläolithikums erhielt, war sie selbst erstaunt: Über Jahrhunderttausende wurden die Vorfahren des Menschen immer ein kleines bisschen älter, aber nie waren die Unterschiede sprunghaft und nie besonders groß. Zur gleichen Zeit dann, als sich die Neandertaler von der Weltbühne verabschiedeten, explodierte das Verhältnis von Jungen zu Alten beim modernen Menschen plötzlich auf das Fünffache. Fast jedes Kind, das geboren wurde, so hat es Caspari ausgerechnet, erlebte nun tatsächlich die Gegenwart seiner Großeltern. „Wir hatten damit gerechnet, dass die Lebenserwartung zunehmen würde, aber auf derart umwerfende Resultate waren wir nicht vorbereitet“, schreibt die Forscherin im Scientific American.

Was bleibt, ist die Frage: Warum? Nach Casparis Ansicht gibt es zwei mögliche Erklärungen: Entweder brachte der moderne Mensch die Fähigkeit zum Altwerden in seinem Erbgut mit. Oder aber sie war eine Folge der Kultur, die sich in der ausklingenden Altsteinzeit zu entfalten begann. Vergleiche zwischen asiatischen und europäischen Neandertalern und den frühen modernen Menschen belegen, dass einfache kulturelle Techniken ein verbreitetes Phänomen waren und nicht alleine Homo sapiens zu eigen. Dieser zeigte sich dafür aber zäher, um den eiszeitlichen Bedingungen zu trotzen, ein Vorteil, der sich im Vergleich zu asiatischen Neandertalern auch deutlich weniger in der Altersstruktur der Gemeinschaften niederschlägt – denn die lebten unter weit weniger harschen Bedingungen. Warum sie ebenfalls ausstarben, anstatt ihre Kultur weiterzuentwickeln und zu überleben, kann Caspari allerdings nicht genau erklären. Noch nicht.

Das halbe Leben unfruchtbar

Auch Biologen suchen unterdessen nach plausiblen Gründen für die Existenz von Omi und Opi, und es ist eine Besonderheit der Frauen, auf die sie sich konzentrieren: Denn im Gegensatz zum Großvater, der theoretisch bis ins höchste Alter zeugungsfähig bleibt, nimmt die Fruchtbarkeit von Frauen etwa nach dem 40. Lebensjahr rasch ab und mündet wenige Jahre später in die Menopause. Im Sinne einer reproduktionsorientierten Selektion müsste hier eigentlich genauso Schluss sein wie bei fast allen anderen Säugetieren auch. Selbst Schimpansenweibchen, die ja ebenfalls bis ins fünfte Lebensjahrzehnt hinein gebären können, überleben den Verlust ihrer Fruchtbarkeit selten um mehr als einige Jahre. Warum der Mensch?


Die Großmutter-Hypothese postulierte vor fünf Jahrzehnten in der sozialen Funktion der Oma innerhalb ihrer Familie, die ja indirekt die Weitergabe der eigenen Gene befördert, den hinreichenden Evolutionsvorteil als Grund für dieses biologische Sperenzchen. Doch nach heutiger Ansicht vieler Forscher ist dieser Blick zu stark vom Selbstverständnis des Menschen beeinflusst. „Unsere Daten über die Wirkung des Großmuttereffekts zeigen, dass etwas fehlt“, sagt Michael Cant von der University of Exeter in Großbritannien. Der Evolutions- und Verhaltensbiologe glaubt, dass die Entstehung unfruchtbarer Familienmitglieder auch aus der klassischen genetischen Perspektive der Evolution einen Sinn ergeben muss, da der Mensch, wie man heute weiß, tatsächlich nicht die einzige Spezies ist, deren weibliche Mitglieder sich über weite Teile ihres Lebens nicht mehr fortpflanzen können. Auch Orcas kommen mit Mitte 40 in die Wechseljahre und leben – im Gegensatz zu den Männchen, die kaum älter als 50 werden – noch einmal so lang, bevor sie mit fast 90 Jahren sterben. Cant will herausgefunden haben, dass die Wale auf diese Weise die Paarungskonkurrenz der eigenen Nachkommen vermindern, während sie zugleich dafür sorgen können, die Folgegenerationen zu schützen. Und der Forscher hat in Naturvölkern ganz ähnliche Muster gefunden: Die Frauen hören auf, sich fortzupflanzen, sobald ihre Kinder selbst Kinder bekommen.

Fest steht, dass Großeltern nicht nur das Leben ihrer Kinder und Enkel mit Erfahrungen, Wissen und Liebe bereichern. Sie vergrößern allein zahlenmäßig die Gemeinschaft, und auch das spricht für Casparis These: Wie der Archäologe Paul Mellars von der University in Cambridge vor wenigen Wochen in Nature berichtete, gab es zu der Zeit, als die Neandertaler dem Homo sapiens wichen, eine regelrechte demografische Explosion unter den modernen Menschen. Mellars glaubt, dass diese Überzahl schon für sich genommen einen schlagenden Vorteil ergeben hat. Denkt man ihn gemeinsam mit dem, was Oma und Opa sonst noch beizutragen haben, wird er allerdings erst wirklich schön.

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15:00 23.08.2011

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