Geile Story

Tiger Woods Tiger Woods war der genialste Golfer der Welt. Dann kam der Absturz. Die Journalisten blieben. Denn es geht um Sex, Sucht, viel Geld, eine Ehe, Kinder...

Das Paket war perfekt geschnürt: Unantastbar, elegant, extrem erfolgreich. Es produzierte Millionen, eine Milliarde in zehn Jahren. Es fesselte und blendete alle. Dann passierte etwas. Etwas Magisches, das die uralte Unterscheidung zwischen Gut und Böse erforderte: der Skandal. In der Morgendämmerung des 27. Novembers 2009 verkam das perfekteste Paket der Sportgeschichte zur Paketbombe.

Der Mann, der es geschnürt hatte, lag zu diesem Zeitpunkt in seinem New Yorker Apartment in tiefstem Schlaf. Er heißt Mark Steinberg, er ist Agent bei I.M.G. und vielleicht der mächtigste Mensch im Golfsport. Er gehört zu den Genies in der sogenannten Ökonomie der Aufmerksamkeit. Nur einer wie Mark Steinberg konnte die Bombe entschärfen – oder die Explosion zu seinen Gunsten nutzen.

Doch das Undenkbare geschah. In jenen frühen Morgenstunden verlor Steinberg für mehr als vier Stunden den Kontakt zu seinem wertvollsten Klienten. Steinbergs CNN-App hatte ihn zwar mit dem Kassengeräusch aus Pink Floyds „Money“ aus dem Schlaf gerissen und über die Schockereignisse in Windemere, Florida, informiert. Doch der Kontakt zum I-Phone von Tiger Woods war nicht herzustellen. Was Steinberg nicht wissen konnte:

Tigers I-Phone lag zu diesem Zeitpunkt zerschmettert neben seinem Cadillac Escalade. Polizisten markierten Tigers Lieblingsspielzeug mit grüner Kreide, den Unfallort um einen Hydranten herum mit roter, einen verbogenen Nike Golfschläger mit gelber Farbe. Bilder vom heulenden und im Gesicht verletzten Tiger soll es keine geben, vermeldeten Steinbergs Assistenten gegen 06 Uhr 15 New Yorker Zeit. Außer der Polizei gibt es keine Augenzeugen. Noch nicht. Steinberg traute der Lage nicht. Ohne den Schutz seines Agenten war Tiger, den er noch heute „my kid“ nennt, in großer Gefahr.

Außergewöhnlicher Egoismus

Tiger zeichne ein außergewöhnlicher Egoismus aus, sagt Steinberg später. Jahre des Trainings und der Selbstdisziplinierung hatten ihn gelehrt, Zweifel, Ungewissheit und Selbsterforschung fahrenzulassen und sich für eine angenehme, selbstverherrlichende Eindimensionalität zu entscheiden. Tigers Persönlichkeit verfüge über zahlreiche einnehmende Facetten, aber eine rasche Auffassungsgabe zähle nicht dazu.

Steinberg rechnete mit dem Schlimmsten. Panisch mobilisierte er seinen „Junior Spin Doctor“ bei IMG, Ethan Jacobson. Ethan ist ein blasser Junge, der einen ex-trem konservativen Kleidungsstil pflegt, so wie es sein Boss mag. Die Farben dunkelgrau und schwarz dominieren. Wie alle Steinberg-Assistenten ist Ethan Jacobson so sozialisiert, dass er leicht die Seiten zwischen Wirtschaftskapitänen, Medienrepräsentanten und Sportmanagern wechseln kann.

Jacobson hatte einen guten Draht zu Tigers Frau, Elin Nordegren. Er stand ihr bei Turnieren zur Seite, organisierte Nannys, vermittelte die besten Yogatrainerinnen und manchmal schenkte er ihr ein Buch seiner Lieblingsautorin Meg Wolitzer. Sie hatten über die letzten Jahren viele wissende Blicke ausgetauscht. Er wusste, worüber Elin lachen musste, er hörte genau auf die kleinen Dinge, bei denen sie stolz und verletzbar reagierte. Sie erzählte Ethan nicht viel über sich selbst. Oft waren es absurde Geschichten, die er nicht richtig glauben konnte, die aber längst darauf hinwiesen, dass es Schwierigkeiten gab. Wie sie zum Beispiel oft nachts alleine im Bett liegen würde und sich dumm und dämlich schminke aus Langeweile. Solches Zeug. Ethan spürte, dass sie Vertrauen finden wollte. Er versuchte an jenem Morgen verschiedene Mobil-Nummern von Elin anzuwählen. Ohne Erfolg.

Sexsüchtiger Ehebrecher

Steinberg rechnete mit dem allerschlimmsten. Und nichts war ihm jetzt wichtiger – wie immer – als einen größtmöglichen Informationsvorsprung gegenüber seinen Erzfeinden und Verbündeten zu halten: den Medien. Schließlich hatte Steinberg über die letzten zwölf Jahre ganze Arbeit geleistet, die Journalisten waren auf seinen PR-Kuhhandel unterwürfig eingegangen. Sie hatten keine andere Wahl. Von Tiger Woods wussten wir vieles. Er war der genialste Golfer aller Zeiten und ein Gentleman in Sieg und Niederlage, der attraktivste Werbeträger und Posterboy auf dem Planeten. Vieles war nicht bekannt, weil es Steinberg so wollte. Dass er seit der Heirat mit der Schwedin Elin Nordegren mehrere Affären hatte, konnte keiner ahnen. Dass er womöglich ein Internetporno-Süchtiger war, eine Vorliebe für einen bestimmten Typus von Blondine pflegte, die von sogenannten Insidern als „Möchtegern-Edelprostituierte“ beschrieben wurde, auch nicht. Und dass er nebenbei verbotene Aufbaupräparate schluckte.

Steinberg war klar, dass jeder Mensch ein Recht auf ein Privatleben hatte, und Untreue gehörte nun mal dazu. Bloß Tiger hatte dieses Recht nicht. Das Imperium Woods baue schließlich auf einem Versprechen auf: Perfektion. Steinberg war klar, sollte sich herausstellen, dass es sich bei Tiger um einen sexsüchtigen Ehebrecher handelte, drohten dem Imperium und seinen Verbündeten locker Börsenverluste von mehr als zwölf Milliarden Dollar – nimmt man mal den Aktienmarkt als Messlatte. Ganz abgesehen von all den Werbepartnern, die Tiger fallenlassen würden, was sich wiederum negativ auf Steinbergs Gehalt auswirken würde, das auf jährlich 15 Millionen Dollar geschätzt wird.

Er durfte jetzt nicht das Gleichgewicht verlieren.

Zwölf Stunden vergingen bis Steinberg in Orlando eintraf. Es war Nacht. Tiger schlug Golfbälle auf seinem abgedunkelten Golfplatz. Sein ebenfalls abgedunkeltes Haus wurde von einem halben Dutzend Sicherheitsleuten umstellt. Elin und die Kinder sind noch am Nachmittag überstürzt mit Tigers Privatjet nach Greenwich, Connecticut geflogen. Jacobson soll sie dort abfangen.

Auf der Suche nach MEHR

Tiger wirkte verschlossen, traurig. Steinberg versuchte ihn aufzurütteln, und er sagte spaßeshalber „Come on, Tiger, du bist in den Arsch gefickt worden, nimm den Ball aus dem Loch und spiel eine neue Runde“. Doch Tiger lächelte nicht. Er machte bloß eine traurige, entschuldigende Handbewegung in Richtung Steinberg. Natürlich hatte Steinberg seit der Heirat mit Elin festgestellt, dass Tiger immer mehr versuchte, in andere Menschen, vorzugsweise Frauen ohne Bezugspunkt Golf hineinzukommen. Tiger war auf der Suche nach MEHR und es war kein neuer Weg, den sehr erfolgreiche Männer wählen, um irgendwohin zu gelangen, wo sie noch nie waren, und dieser Weg funktioniert nur in den seltensten Fällen. Tatsächlich führt er zu einer schrecklichen Verträumtheit außerhalb des Golfplatzes und zu der schlimmsten Art von Zerstreutheit und Unerreichbarkeit, die jede Ehe zerstört. Es waren die Augen, die Tiger verrieten, behauptete Steinberg. Wie hätte er in diesem Zustand eine Pressekonferenz überstehen sollen?

Tiger sagte dann irgendwann in jener Nacht so Dinge wie: „Sie hat mich einen Idioten genannt. Immer wieder. Ich hab zuerst nur gelacht. Und sie sagte dann: Verpiss dich, geh mir aus den Augen...“ Und dann habe sie ihn in den Hintern getreten, der gute alte Arschtritt mit Anlauf, dazu schwang sie einen Golfschläger, als wären Tiger und Elin „zwei Zeichentrickfiguren“. Und damit sei er „abgefrühstückt“ gewesen. Dass es vor dem Haus zum Streit kam, hatte nur damit zu tun, dass er nicht wusste, wohin er fahren sollte. Als Elin mit dem Golfschläger auf ihn zu rannte, habe er einfach Gas gegeben. Das war alles.

Tiger lachte, als er diese Bemerkung machte, und er hat wohl erwartet, dass Steinberg auch lacht. Doch Steinberg lachte nicht. Er habe Tiger schon öfters komische Witze machen hören, zum Beispiel jenen, den er mal einer Nike-Repräsentantin erzählt habe und der kürzlich auch in einer Vanity-Fair-Geschichte an die Öffentlichkeit geraten war. Tiger stellt sich also breitbeinig vor der jungen Frau auf und reibt seine Schuhspitzen aneinander. Dazu grinst er sein Grinsen. Dann fragt er die junge Frau, ob sie wisse, was er gerade mit seinen Fußspitzen mache. Sie schüttelte den Kopf. Und dann kommt’s: Er, Tiger, würde sich gerade mit den Schuhspitzen das Präservativ abnehmen…

Sollbruchstelle Sexualtrieb

Solche Witze füllten seine Augen vollständig aus, und weiter war in ihnen nichts. Es waren die Augen, die vielleicht ein Baby macht, wenn es gekitzelt wird. Aber ein 32-jähriger Superstar? Der Sexualtrieb ist die Sollbruchstelle selbst beim vermeintlich glücklichen, erfolgreichen Familienvater, in einer noch so kultivierten Form des heimlichen Eigenbrötlerdaseins.

Viel schlimmer für Steinberg: Sein Schützling verstand in jenen Tagen im November die monumentale Bedeutung des Augenblicks nicht. Stunden vergingen. Steinberg flehte ihn an, sofort eine Pressekonferenz mit Elin einzuberufen. Elin könne er vergessen, meinte Tiger. Aber das hätte Steinberg ändern können. Noch blieben vielleicht 24 Stunden um der Angelegenheit einen positiven Spin zu geben.

Ethan hatte Elin und die Kinder vom Flughafen in Greenwich abgeholt, wie er es so oft schon getan hatte. Doch diese Ankunft im winterlichen Connecticut war anders. Als ihm Elin das Handgepäck aushändigte, spürte er, wie sie von Scham und Verzweiflung zermahlen wurde. Und die Art der Verzweiflung auf dem Gesicht von Nanny Oblanka, die Baby Charlie dickverpackt auf den Armen trug, verrieten von den Umständen ihrer überstürzten Flucht aus Orlando, von der Hochspannung unter der Elin litt.

Hilflose Ehefrau

Auf dem Weg zu Tigers Villa in Belle Haven, Connecticut, sagte Elin nicht viel. Sie berührte für einen kurzen Augenblick seine Schulter und erzählte, dass sie auf diesem Flug ständig aus dem Fenster gestarrt hätte und dass unter ihr die Welt zusammenschrumpft sei und dass sie unwillkürlich an ihr ganzes Leben habe denken müssen, an alle Menschen, die sie jemals gekannt habe. Und sie sei Gott bei diesen Erinnerungen aufrichtig dankbar gewesen und gleichzeitig böse, weil er ihnen jetzt nicht helfe könne, die ganze Situation besser zu meistern. Wer kann mir helfen, fragte sie Ethan. Und dann sagte sie nichts mehr.

Erst später, als sie sich im Landhaus eingerichtet hatten, die Kinder zu Bett gebracht waren und als sie über eine Stunde mit ihren Eltern in Schweden gesprochen hatte, setzte sich Elin nochmals zu Ethan. Er hatte ihr bereits in der Limousine erklärt, was Steinberg von Elin erwartete. Elin hatte versprochen, es sich nochmals zu überlegen. Dass sie Tiger nochmals eine Chance gibt und gegenüber der Öffentlichkeit schweigt. Sie würde es sich überlegen.

Jetzt saß sie schweigend vor Ethan, sie spielte mit ihrem I-Phone, sie starrte in die Leere, in Ethan’s Gesicht und sagt dann, dass Tiger ihr immer wieder versprochen habe, dass er sich zu ändern versuche, aber es gäbe keine Garantien. Was soll das heißen: Keine Garantien! Und Elin trank noch ein Glas und erzählte Ethan von ihren einsamen Nächten. Wie sie solche Nächte unter der Dusche verbrachte, vor dem Kleiderschrank, vor dem Spiegel: Du schminkst dich, dass man dich nicht wiedererkannt hätte, während neben dem Bett eine Kerze im Glas abbrennt, du döst so vor dich hin, mit unverschlossener Tür für den Fall, dass Tiger in leidenschaftlicher Aufregung ankommt und seinen Schlüssel vergessen hat. Du denkst, du solltest eine gottverdammte Orchidee auf deine Titten tätowieren, dann wärst du richtig absurd. Du denkst: Was ist aus mir geworden? Eine halbe Milliarde Dollar wird er mir geben müssen, falls ich grünes Licht gebe. Ethan, soll ich grünes Licht geben?

Ethan wurde klar, dass die Chancen für Tiger hauchdünn geworden waren. Und trotzdem war die Gefahr eines totalen Bruchs vorerst verhindert. Elin und Tiger brauchten ein bisschen Distanz, dafür würde Steinberg schon sorgen. Verhindern ließ sich die totale Schlammschlacht nur, wenn Tiger sofort vor die Presse trat. Aber würde es jemals dazu kommen?

Tigers furchtbarer Traum

Steinberg hatte vorerst keine Chance, an Tiger heranzukommen. Unter dem Schock der Ereignisse verschloss er sich komplett wie ein Autist. Als Steinberg ihn fragte, wohin er eigentlich habe fahren wollen, als er morgens um zwei Uhr das Haus verlassen habe, da sagte Tiger zuerst nichts. Er habe nichts wirklich gesehen, bloß sein Spiegelbild im schmutzigen Fensterglas. So sei er einige Minuten einfach im Escalate gesessen, nachdem ihn Elin in den Hintern getreten habe. Und dann hätte er urplötzlich das Gefühl gehabt, in einen gefahrvollen Traum zu stürzen – einen Traum, genau gesagt, der ihn nach der Heirat mit Elin immer wieder gequält habe und in dem er neben einer Frau im Bett liege, die er nicht kenne und die er nicht anfassen könne und dürfe, neben der er aber im Zustand der Angst und Erregung und mit brennenden Schuldgefühlen Stunde um Stunde liegen bleiben müsse. Es sei ein fürchterlicher Traum, aber es würde ihn nicht verwundern, wenn ihn alle Männer einmal hätten. Steinberg lachte, und widersprach Tiger, dass er nie so geträumt hätte. Tiger war aber nicht zum Lachen.

Tiger klammerte sich fester an Steinberg. Mehr denn je erkannte Steinberg, dass Tiger nicht mehr der gleiche Tiger war – seit sein Vater Earl verstorben war. Er wolle auf Long Island untertauchen, sagte Tiger. Er habe ein Angebot seines Freundes Jim Dolan, Eigentümer der New York Knicks Basketballmannschaft und des Mediengiganten Cablevision. Steinberg würde ihm dies ausreden. Stattdessen würde er das Sex-Rehabilitation-Zentrum „The Meadows“ in Wickenburg, Arizona, empfehlen. Dort solle er untertauchen. Tiger vergrub sein Gesicht in Steinbergs Armen.

Drei Stunden später fliegt Steinberg zurück nach New York. Noch in der Luft beauftragt er das Anwaltsbüro Lavely Singer in Los Angeles großzügige Verträge für alle Blondinen auszuhandeln, in denen sie sich zum Schweigen verpflichten. Er wird noch am selben Tag einen Auftritt in der Talkshow von Ophra Winfrey einfädeln, wo das Comeback des geläuterten Tiger Woods am Masters in Augusta am 5. April angekündigt werden soll. Elin Woods wird ein neuer Ehevertrag vorgelegt, der sie zum Schweigen verpflichtet. Steinberg weiß: Die Welt wartet auf ein Signal, eine Ankündigung, ein Versprechen.

To be continued …

Die Geschichte des Profigolfers Tiger Woods

Eldrick Woods, geb. 1975 in Kalifornien, schaffte es laut Forbes als erster Sportler, mehr als eine Milliarde US Dollar zu verdienen. Den Spitznamen Tiger verlieh ihm bei der Geburt ein Freund seines Vaters, eines Oberstleutnants, mit dem jener in Vietnam gekämpft hatte.
Als im November 2009 nach einem rätselhaften Unfall von Woods (bei dem er einen Hydranten rammte) seine zahlreichen Sexaffären öffentlich wurden, gab dieser Spitzname auch eine gute Vorlage für einen einprägsamen Namen des Skandals: Tigergate. Tag für Tag erhöhte sich die Anzahl der Frauen, mit denen Woods neben seiner Ehe Geschlechtsverkehr gehabt haben sollte. Im Dezember zog er sich aus dem Golfsport zurück und ging in eine Klinik, um seine Sexsucht therapieren zu lassen. Anfang Februar meldeten Medien, dass er entlassen werde und seine Frau Elin ihn abholen wolle...

Autor Tom Kummer hat in diesem Text die Realität mit seinen Fiktionen vermischt. Er lebt in Los Angeles.

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15:00 17.02.2010

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